Ein kleiner Vorweihnachts-Beitrag und ein kleines Fazit

Hallo an Alle,

die „Sprachlosigkeit“ ist vorbei und ich bin auch mental wieder angekommen.

Ist es schön in Deutschland!

Endlich mal wieder Jahreszeiten und Wetter, wenn man das mal so sagen darf. In der Karibik war das Wasser halt immer über 30°C und die Luft immer über 27°C. Für ein paar Wochen Urlaub mag das in Ordnung sein, aber nach den vielen Monaten hatte ich langsam aber sicher den Kanal voll davon. Und selbst bei den frischen Temperaturen treffen sich hier viele Leute zum Spazieren – vor allem in Freiberg. Naja, so ganz ist das dann doch nicht meins, denn ich würde lieber in den Tharandter Wald spazieren gehen. Da gefällt mir die Natur besser.

Aber auch der Empfang auf Arbeit war sehr herzlich. Ich habe sogar meinen alten Schreibtisch und meinen alten Stuhl wieder bekommen. Dazu noch einen schicken Laptop, mit dem ich von jedem Ort der Erde am Arbeitsleben teilnehmen kann. Die erste Woche war sehr interessant, denn da habe ich die meiste Zeit damit verbracht durch die Gänge, Büros und Labore zu schleichen. Da hat sich auch ein weiterer Antrieb meiner Rückreise bestätigt. In der Karibik hat mich nach einiger Zeit nichts so richtig herausgefordert. Klar kann man den ganzen lieben langen Tag irgendwelche defekten Außenborder oder abgesoffenen Handys reparieren. Die größte Herausforderung ist dann, daß man dies ohne die passenden Teile und Werkzeuge machen muß … Wenn ich dagegen sehe mit was wir uns so auf Arbeit beschäftigen – wow! Und praktisch alle Sachen haben oder sollen eine Anwendung im kommerziellen Bereich finden. Vielleicht klingt das jetzt etwas komisch, aber wenn ich auf Arbeit meine Zeug erledige, habe ich am Abend das Gefühl meinen klitzekleinen Teil zum großen Ganzen dazu gegeben zu haben. Das hatte ich in der Karibik nicht, obwohl ich gerade auf Dominika viel für Clement gemacht habe. Leider hatte ich dann mehr und mehr das Gefühl bekommen von ihm ständig angelogen und ausgenutzt zu werden.

Dominika ist ein gutes Stichwort! Nachdem ich mit Max auf den Azoren angekommen war, hat er mir eine Ersatzteilliste von meinem 120V Generator zukommen lassen. Nachdem ich alle Teile im Einkaufswagen hatte stand der Endpreis bei gut 400€ – uff. 400€ in einen Generator stecken, der mich 300€ gekostet hat? Ja, warum nicht. Dann ist der Generator eben das Andenken, was ich von Dominika mitgebracht habe 😉 Das teuerste sind eigentlich nur die Kunststoffteile, welche an meinem Gerät völlig spröde sind.

Um eine lange Fehlersuche kurz zu machen. Nachdem ich alles zusammen gebaut hatte, lief die Kiste natürlich nicht . Grund war ein Kabelbruch in Kabel zum Stellmotor vom Vergaser.

Danach schnurrte das Teil wieder wie ein Kätzchen:

Ups .. falsches Bild:

Dann kam der Tag der Abrechnung des Kranes. Henne hatte mir seine Hilfe angeboten, die ich natürlich gern angenommen habe. Der Krantag war zwischen Freitag und Sonntag geplant, da Mike vom Winterlager (=mein Kran-Mann) noch mal schnell nach Frankreich musste.

Von daher haben wir es ruhig angehen lassen. Der Sonnenuntergang in dieser Ecke des Hafens ist echt schön. Noch eine Sache, die mir hier besser gefällt: Die Sonnenuntergänge sind nicht nach gefühlten 25 Sekunden vorbei.

So können wir auch das Abendessen nachholen, was in Roscoff leider ausfallen musste und dann war alles bereit zum Kranen!

Dann ging alles doch viel schneller als gedacht. Am Freitag morgen klingelt mein Telefon. Mike ist über Nacht von Frankreich nach Deutschland gefahren und könnte nicht schlafen. Also Leinen los und ein letztes mal für dieses Jahr am Leuchtturm Ueckermünde vorbei.

Im Industriehafen ist auch schon alles Bereit und kurze Zeit später liegt der Mast auf dem Steg.

Schluppis um den Rumpf und raus mit dem Schiff.

Ich bin sehr froh, daß die ganze Aktion so wunderbar geklappt hat. Auch das Wetter war einfach nur traumhaft.

Da der Tag noch nicht sehr fortgeschritten ist, haben wir noch genug Zeit, um das Boot winterfest zu machen. Das Unterwasserschiff sieht an einigen Stellen echt beschissen aus. Da Selene aber nächstes Jahr im Sommerlager bleiben wird, muß ich mir die Finger nicht im Winter abfrieren.

Die Liste ist lang:

  • neue Rollen für den Mast anfertigen
  • Unterwasserschiff aufarbeiten
  • weiche Stellen im Deck reparieren
  • Wellenlager + Dichtung erneuern
  • neue Wasserhähne einbauen
  • andere LED Streifen einbauen
  • Buchsen für die Genuaschotumlenkung anfertigen
  • Sonnenschutz vom Vorsegel abtrennen und neuen einnähen lassen
  • neue Soplarpaneele (im nächsten Beitrag gibt es ein Fazit zu meinen Paneel nach 2 Jahren …)
  • neue Lager im Windgenerator
  • Bimini umbauen, damit man so eine Art Kuchenbude daraus machen
  • Ankerkette neu oder verzinken lassen
  • Rumpf schick machen (Kratzer entfernen, entgilben und polieren)
  • Neue Lager in der Ruderanlage
  • Revisionsklappen in die Wassertanks einbauen
  • neuen Elektrokasten für die Heizung einbauen

Einen Tipp kann ich aber schon mal mitgeben. Wenn jemand so etwas machen möchte, ist ein Wasserfilter eine gute Idee:

Nachdem ich jetzt gute dreieinhalb Monate zu Hause bin möchte ich noch ein kleines Fazit abgeben:

Normalerweise hätte ich das Schiff jetzt noch nicht Kranen lassen, aber nach 2 Jahren Non-Stop Boot&Segeln habe ich erst mal genug vom Segeln. Als die Reise losging habe ich mich oft gefragt, ob ich ein Leben auf dem Wasser mögen würde. Klar, Segeln ist toll! Mit dem Boot von A nach B fahren, sein eigener Chef sein, selbst die Konsequenzen seiner Entscheidungen tragen und natürlich die Nase voll mit Freiheit. Aber wenn man jetzt dauerhaft auf dem Boot leben würde – Was bleibt dann übrig? Ich bin ein Mensch, der sich im Leben immer wieder Ziele sucht, die er erreichen will. Mal angenommen ich wäre in der Karibik geblieben, hätte mein Boot da irgendwo festgemacht und hätte versucht das Ganze dann Heimat zu nennen. Wenn ich so bei Rogers Bar auf Hog Island gesessen habe und auf die Langzeitlieger in der Bucht geschaut habe .. ich weiß nicht. Es gibt viele Leute, die eigentlich jeden Tag praktisch nichts tun. Andere trifft man immer an den selben Stellen wieder – oft auch schon vormittags in einer der vielen Bars. Man könnte zwar mal hierhin und dahin fahren, aber dort würde man auch nur wieder vor Anker liegen. Anfangs war dieser Gedanke schon sehr verlockend, aber auch diese Traumidee wird irgendwann zur Normalität und verliert dann seinen Reiz. Ohne Pension oder Rente würde das ständig auf die Suche nach irgend einer Geldquelle herauslaufen, damit das Schiff überhaupt segelbar bleibt. Irgendwie würde mir da ein „richtiges“ Ziel fehlen, was ich noch erreichen möchte. Sei es zum Beispiel der Plan weiter nach Westen zu fahren, bis man im Osten wieder ankommt. Oder wie in meinem Fall über den Nordatlantik zurück zu fahren. Für mich persönlich war definitiv auch die Sorge um meine Eltern groß. Das ist eine Sache, die mir mehr und mehr am Herzen gelegen hat, egal wie schwierig es werden wird.

Eine Eigenschaft von mir ist auch, daß ich nicht vor Problemen weglaufe. Ich persönlich habe das Gefühl bekommen, daß viele Europäer sich dann immer wieder einreden, wie schlecht es in Europa sei und das die Karibik der einzige Ausweg ist. Ich muß zugeben, daß ich es in Deutschland nun gar nicht schlecht finde. Ganz im Gegenteil! Klar regt viele hier die Politik um Corona und Co. auf, aber so demokratisch wie hier wird das Thema nirgends gehandhabt. Hier werden zum Beispiel Meinungen von Pro und Contra in den Medien gezeigt – auch wenn es die Gegenseite nicht toll findet. Auf Dominika und Grenda hat der Minister einfach entschieden und so war es dann. In den Medien fand dann eine Art Dauerbeschallung statt. Das man 6ft Abstand halten muß. Das an dem und dem Tag LockDown ist. Das der Verkauf von Alkohol verboten ist. Und natürlich, daß man die Maske über Mund und Nase tragen muß. Bei Zuwiderhandlungen wurde mit hohen Strafen gedroht. Zum Beispiel in der Peak-Zeit lag die Strafe für die Mißachtung der Corona Regeln bei bis zu 500EC oder ersatzweise 1 Monat Haft .. pro 100EC. Das wären also 5 Monate Bau bei einer Strafe von gerade mal 170€ (was dort übrigens schon viel Geld ist). Das finde ich schon heftig.

Stellt man sich das mal in Deutschland vor und würde noch ein paar weitere Gesetze aus der Karibik übernehmen … Zum Beispiel auf Dominika steht auf Homosexualität bis 5 Jahre Haft. So etwas wie Unterhaltszahlungen für die Kinder getrennter Paare gibt es nicht. Dazu haben die wenigsten eine Krankenversicherung, Altersvorsorge oder gar ein Konto. Das heißt: Jede Woche an der Bank anstehen, um den Gehaltsscheck einzulösen. Die normale Behandlung bei Zahnproblemen, ist es den Zahn zu entfernen. Ich könnte diese Liste noch weiterführen, aber ich denke man bekommt eine Idee, auf was ich heraus möchte.

Von daher finde ich dann schon interessant, wie man sich über die „Zwänge“ in Europa aufregen kann und dann als Alternative ein Land wählt, in denen es Gesetze gibt, die hier seit vielen Jahren abgeschafft sind, oder es Gesetze gibt, die logische Pflichten unterstützen. Das geht gleich weiter mit dem Umweltschutz. Ich bin jetzt definitiv kein großer Öko, aber auf den wenigsten Inseln gibt es zum Beispiel bis heute keine Klärwerke. Strom wird oft aus teurem Diesel gewonnen, der per Schiff antransportiert wird. Kaum eine Werft hat so etwas wie eine Kanalisation, damit die ganzen giftigen Schleifstäube nicht in die See gespült werden.

Ja .. das bekommt man halt alles extra mit dazu, wenn man sich entscheidet dort zu bleiben.

Wie dem auch sei: Was ich mit dieser Ausführung keinesfalls möchte, ist die Karibik schlecht reden! Es herrscht dort eine andere Mentalität, die Landschaft ist traumhaft schön und auch die Postkartenstrände mit weichem Sand und Palmen existieren. Für einen längeren Urlaub: Ja gern! Zum für immer dort Leben: Eher nicht… Ich finde halt, man sollte sich auch unbedingt die Zeit nehmen, um hinter die Kulissen der Strände, Palmen und Blauwasserbuchten zu schauen. Dort entdeckt man dann viele sehr interessante Dinge und hört viele interessante  Geschichten.

Für mich war die Reise von Anfang an ein Unterfangen, auf dem ich mal andere Länder und Kulturen entdecken wollte. Mir war wichtig, daß ich dies auf eigene Faust machen möchte. Das die ganze Sache Ende 2020 dann so einen Knick bekommt, fand ich persönlich schlimmer als den ganzen Corona-Kram. Aber auch das hat mich letztendlich noch mehr darin bestärkt, was ich wirklich will: Die Reise zu Ende bringen. Das Schiff dort zurück zu lassen wäre für mich wie Aufgeben gewesen. Das Max dann so unverhofft aufs Schiff kommt, um mit mir den langen Schlag zu machen, empfand ich als den ersten richtigen Glücksgriff seit Monaten. Danke noch mal an Dich, Max. Ja und ab dann hat sich mit Henne, Thomas und Dave alles irgendwie ineinander gefügt. Auch noch mal vielen Danke auch an Euch! Es war definitiv eine lustige Fahrt!

So long,

Martin

Kein Beitrag ohne Video:

 

9 Antworten auf „Ein kleiner Vorweihnachts-Beitrag und ein kleines Fazit“

  1. Lieber Martin, dieser „Abschluss“ hat uns absolut gefallen. Das zeigt eindeutig , was du drauf hast und zu was du fähig bist. Auch wie du deine Eltern ehrst und achtest, beeindruckt uns unwahrscheinlich. Wir wünschen dir weiterhin alles Gute, recht viel Gesundheit und Glück in deinem weiteren Leben. Wir freuen uns auf ein Zusammentreffen mit dir und wünschen dir für die Feiertage alles
    Gute. Hannes und Rosi. (Opa und Oma)

  2. Eine super Zusammenfassung, mit der du sehr schön und authentische zeigst, warum hier eben doch nicht alles so schrecklich ist, wie es viele, meiner Meinung nach merkwürdige, Zeitgenossen gegenwärtige meinen.

    1. Ich sehe du verstehst, was ich meine 🙂
      Wie gesagt, das soll auch keinesfalls so rüberkommen, daß ich die Karibik schlecht reden will.
      Wenn ich so durch meine Kommentare lese, dann finde ich hin und wieder welche wie: „Ich wäre dort geblieben, was hier abgeht…“. Naja gut, das Messer hat aber eben leider auch zwei Schneiden…

  3. Willkommen im Alltag! Schön, dass Du nun auch mental angekommen bist und Ziel und Mitte wieder gefunden hast. Ja, wie heißt es so schön: „Reisen bildet“. Wenn traumhafte Landschaften Alltag werden, ist der Zauber bald vorbei und was man als selbstverständlich hält und deshalb nicht mehr schätzt, wird vermisst, wenn man es nicht mehr hat. Deine Reiselust wird wieder kommen, da bin ich mir sicher

    1. Hallo Uta, schön von Dir zu lesen!
      Mein Chef hat mich schon gefragt, wann ich die nächste Tour plane. Wahrscheinlich hat er mir es angesehen. Ich muß mich aber erst mal ums Schiff kümmern, wenn es wieder etwas wärmer wird. Mal schauen, wie lange das dauern wird, wenn ich so als 1-Mann-Team daran arbeite 😉

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