Nazaré und dann (erst mal) doch nicht Sines

Der Zwischenstopp in Nazaré sollte dann doch etwas länger werden, als gedacht. Der Grund ist wieder ein mal das Wetter, oder besser gesagt der Wind. Dieser sollte in den nächsten Tagen von Nord über West nach Süd drehen und dann ein paar Tage anhalten.

Also wurde unser Aufenthalt auf 5 Tage ausgeweitet. Auch nicht schlecht denn das kleine Örtchen ist echt nett. Als erstes sind wir zum „Farol da Nazaré“, dem Leuchtfeuer am Kap über der Stadt gekraxelt. Der schöne Spaziergang durch die zwei Ortsteile kann mit Hilfe einer Standseilbahn abgekürzt werden, die die historische Altstadt auf dem Kap mit dem Fischerort an der Küste verbindet. Für ganz wahnsinnige Surfer ist Nazaré eine Art Pilgerstätte, bei der man seinem Schöpfer ganz nahe kommen kann.

Quelle: Wikipedia

Denn durch die Bucht vor dem Strand zieht sich eine etwa 230 km lange und bis zu 5 km tiefe Unterwasserschlucht bis dicht unter die Küste.

Bei westlichen Winden, vor allem im Winter, wirkt diese Schlucht wie ein Verstärker und türmt Wellen auf – sehr sehr hohe Wellen.

So hat sich der Brasilianer Rodrigo Koxa am 08.11.2018 den Rekord im „Big-Wave-Ride“ geholt. Die Welle war 80 Fuß oder 24.38 Meter hoch. Zuvor hielt US-Waterman Garrett McNamara den Rekord seit 2011, nachdem er damals einen 78 Fuß hohen Brecher (23.77 Meter) in Nazaré abgeritten war. Jetzt mag man sich fragen, wie man die Welle bis auf den Zentimeter messen konnte? Dazu gibt es auf dem Kap eine Art Museum, oder besser gesagt eine „Hall of Fame“ in der unzählige Surfbretter ausgestellt sind, sowie ein Informationszentrum unterbebracht ist.

Um die Rekordversuche zu dokumentieren gibt es in der Bucht eine Reihe von Meßtonnen, mit denen man die Wellenhöhe sehr genau bestimmen kann.

Obwohl sich bei unserem Besuch leider keine Monsterwellen aufgetürmt haben, waren die „kleinen“ auch schon ganz schön beachtlich. Im Video kommt das ganz gut herüber.

Am nächsten Tag hat Claudi eine kleine Tour nach Batahla gemacht. Wir hatten uns erst kürzlich gefragt, warum es Portugal eigentlich gibt. Nicht dass wir den Portugiesen ihr schönes Land nicht gönnen. In Anbetracht der militärisch sehr starken Expansionspolitik der Spanier im Mittelalter wunderten wir uns, warum sich die Kastillen diesen Landstrich nicht auch irgendwann einverleibt haben. Die Antwort darauf findet sich im nur 30 km entferneten beeindruckenden Kloster von Batahla und dem angrenzenden Monument von Aljubarotta. Da Bilder mehr als tausend Worte sagen, spare ich mir hier die lange Texttipperei. Die ausführliche Erklärung gibts dazu im Video.

Mosteiro da Batalha, im Hintergrund „the unfinished chaple“
Kirchenschiff der Basilika, mit beeindruckenden 32m Höhe
Capela do Fundador (Stifter-Kapelle) für König João I (1357 – 1433)
Claustro Real (der „königliche Kreuzgang“)
Capelas Imperfeitas (The Unfinished Chapels)
unvollendete Grabkapelle von König Duarte I (1391 – 1438)

Ich habe für meinen Teil die Runde etwas kleiner gehalten und bin nur mal etwas durch die Stadt und das Hafengelände geradelt. Ein kurzer Besuch beim Yachtausrüster musste auch sein, denn auf der Überfahrt nach Nararé hat es unseren Bullenstander abgefetzt und Selene hat eine Patenthalse hingelegt :/ Zum Glück hat es keinen unserer Köpfe getroffen und auch Mast, Baum und Lümmelbeschlag sind heil geblieben. Gesteuert hat unser Herbert (= der WindPilot), aber anscheinend war das Zusammenspiel von Wind und Welle so ungünstig, daß wir eine Halse hingelegt haben. Um das zu verhindern haben wir uns eine etwas bessere Sicherungsmaßnahme dagegen überlegt, die aus dem Cockpit direkt bedient werden kann. Wie die funktionieren soll, wird man sicher in einem der nächsten Beiträge sehen.

Quelle: Wikipedia

Am 7.10.2019 passte dann der Wind, aber das Wetterfenster war zu kurz um bis nach Sines zu kommen, jedoch sah die nördliche Bucht vor der Halbinsel Peniche ganz passabel für den vorhergesagten Südwind aus. Mit nur 20 Meilen wurde es ein sehr kurzer Schlag. In der Bucht fiel dann der Rocna und hat Selene sicher gehalten. Der Untergrund sah stellenweise recht steinig aus und so habe ich noch den Anker und die Umgebung abgetaucht. Alles prima, jedoch tauchten bei ablaufendem Wasser immer mehr kleine Riffs kurz hinter Selenes Heck im Wasser auf. Die Nacht war dann doch sehr schaukelig, da noch eine ganze Weile Westwind anlag und ordentlich Schwell in die Bucht gedrückt hat.

Am nächsten Tag wurde das Beiboot aufgepustet, weil wir mal etwas einkaufen wollten. So ging es etwas im Zick-Zack zwischen den Steinen durch zum Strand, wo schon die Polizei auf uns wartete. Der Beamte war ganz nett und freundlich und wies uns darauf hin, daß das Ankern über Nacht verboten sei und wir bitte in den Hafen fahren sollen.

Über den Hafen von Peniche haben wir im Vorfeld nicht viel gutes gelesen. Rücksichtslose Fischer und Auslugsboote, die sich nicht an die 3 Knoten Geschwindigkeitsbegenzung halten usw. Man liegt in Peniche als Gast an einer Mole, die zum Hafen offen und ungeschützt ist. Im Nachhinein gesehen war diese glücklicherweise komplett belegt. So haben wir direkt neben dem Behördenboot der Polizei an einem Fingersteg angelegt.

Als ich beim Hafenmeister bezahlen wollte, schickte der mich gleich zu „Ricardo“ vom Yacht Club, dem der Steg gehörte. Ricardo war überaus nett und meinte, daß unser Platz für die nächsten Tage auch frei sei – Perfekt. Mit 14 € pro Nacht liegt der Hafen auf Ostseeniveau. Obwohl ich beim Hafenmeister, der für die Gastliegeplätze zuständig ist, nichts bezahlt habe, drückte er mir beim Rückweg gleich die Schlüssel für Dusche und Toilette in die Hand. Peniche gefällt mir immer besser 😉

Am nächsten Tag musste neben Sightseeing auch noch ein wichtiger Punkt abgearbeitet werden: Ich/Wir brauchen Schuhe. Nicht weil wir keine mehr haben, aber das was wir mithaben (Flip-Flops) ist nicht wirklich für irgendwelche Stock- und Steinwanderungen geeignet. Es mussten ein paar leichte und geländegängigen Schuhe für die kommenden Wanderungen her. Nach einem Marsch von 1,6 km quer über die gesamte Halbinsel zum Sportgeschäft konnten wir denn „Erfolg“ vermelden 😉

Obwoh Penich nicht gleich als Kleinod an Portugals Küste ins Auge sticht, hat die Stadt doch eine sehr interessante Geschichte aufzuweisen. Ursprünglich war Penich tatsächlich eine Insel. Im Laufe des 15 . Jh bildete sich eine natürliche Landverbindung an der Nordküste. Peniche zählte zu den wichtigsten Küstenstädten sowohl für den Handel (Fischfang) als auch für die Verteidigung des Landes von der Seeseite aus. Das Fortaleza de Penich an der Südseite nahe dem Hafen bildete zusammen mit der Festung auf Berlenga die wichtigste Verteidigungslinie gegen Piraten oder fremde Invasoren. Erbaut wurde das Fort um 1557 und seither fortwährend erweitert und umgebaut, jedoch sind viele historische Teilbereiche der ca. 2 ha großen Anlage noch erhalten. Ab Mitte des 19. Jh wurde die Anlage vermehrt als Gefängnis genutzt.

Trauriger Berühmtheit erlangte das auch als „Alcatraz von Peniche“ bezeichnete Foltergefängnis während des Estado Novo, der  Salazar-Diktatur vom Anfang der 1930er Jahre bis 1974. Als politisches Gefängnis genutzt, wurden hier einige der wichtigsten öffentlichen Figuren des Widerstands gegen das Regime inhaftiert.   Zwei spektakuläre Fluchtversuche aus dem Hochsicherheitsgefängnis sind dokumentiert: Im Dezember 1954 gelang es António Dias Lourenço, sich durch eine 20 x 40 cm große Öffnung zu zwängen, die er in seine Zellentür gesägt hatte. Er versuchte mit einem aus Streifen gerissenen Laken 20 Meter zum Meer hinunterzusteigen. Das improvisierte Seil riss jedoch und er stürzte ins Meer. Mit Unterstützung von  Fischer wurde er gerettet, an Land gebracht und konnte fliehen. Am 3. Januar 1960 gelang dem kommunistischen Führer Alvaro Cunhal und 9 weiteren Mitgefangenen die Flucht, ebenfalls mit einem Seil über die Steilwände. Diese Flucht wurde für die Regierung zu einer großen Blamage. Daher behauptete sie, ein sowjetisches U-Boot sei in der Nähe der Küste von Peniche gewesen und habe die Inhaftierten aufgenommen.

Die Festungsanlage beherbergt heute ein sehr sehenswertes Dokumentationszentrum über die Zeit der Salazar-Dikatur, das Nationale Museum für Widerstand und Freiheit ( Museu Nacional da Resistência e da Liberdade ). Weite Teile der Anlage stehen jedoch leer und sind demzufolge auch leider nicht zugänglich.

Nun soll es aber erst mal weiter nach Sines gehen …. so denn der Wind das offentlich bald zuläßt. Von dort aus wird er erste größere Schlag stattfinden: Die Kanaren!

Aber erst mal noch ein Video:

5 Antworten auf „Nazaré und dann (erst mal) doch nicht Sines“

  1. Sehr schön eure Berichte zu lesen, ganz toll, am WE war Auskrahnen. Aber euch auf dem Wasser zu verfolgen ist ein bißchen weitersegeln👍
    LG Jens aus eurem Hafen

    1. Hehe 😉 danke schön!
      Wir haben ja auch gerade viel Zeit…warten, warten, warten… ab Sonntag passt es mit dem Wind, dass wir weiter kommen

      Viele Grüße

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