Überfahrt St. Maarten zu den Azoren: 3000 Meilen in 32 Tagen…

Auf zur längsten Etappe dieser Reise: Der Sprung zu den Azoren! Auch wenn das Ganze unter völlig anderen Umständen passieren wird, als gedacht…
Der Teil der Reise war von Anfang an ein wichtiger Bestandteil der ganzen Aktion, da er als seglerisch anspruchsvoll gilt, weil der Wind eben nicht immer aus der selben Richtung weht. Eigentlich hatte ich gedacht, ich und Claudi sind an diesem Punkt der Reise so ein routiniertes Segelpaar, daß es ein schöner Abschluß werden wird. Nun ja – so sollte es nicht kommen, und da ändert auch nichts daran, daß es seit Oktober 2020 keinen einzigen Tag gab, an dem ich nicht an sie denken musste.

Ich werde den Beitrag wie eine Art Tagebuch verfassen, was ich auf der Fahrt jeden Tag ergänzt habe.

Viel Spaß beim Lesen:

Dienstag 04.05.2021

Am Vortag hatte Max und ich schon eine große Einkaufstour gemacht. Es ist wirklich interessant, wie viel in das kleine Auto passt. Das einzige, was noch fehlte, war das ganze Grün- und Kühlzeug. Dafür lief der große Kühlschrank auf Selene schon ein paar Tage.

Ich hatte Anni und Amos angeboten, daß wir den Komfort des Mietautos auch teilen können, was die Beiden gern angenommen haben. So sind wir zusammen zum „Super U“ auf die französische Seite von St. Maarten gefahren. Während die beiden Einkaufswagen nach Einkaufswagen gefüllt haben, bin ich in der Grünzeug- und Kühlabteilung verschwunden. Nach gut 2 Stunden waren alle Artikel gefunden und es ging ans Verladen. Amos war sich Anfangs nicht sicher, ob das alles ins Auto passen wird. Kurz gesagt: Es passte 😉

Mittwoch 05.05.2021

Wir hatten uns überlegt an diesem Tag abzufahren, aber das ist dann doch nichts geworden. Nicht weil wir zu langsam waren, aber es gab noch einiges zu tun. Gegen 10 Uhr hatte ich ein Konferenz mit meinem Chef und meiner Gruppenleiterin, in der wir meinen Wiedereinstieg in die Arbeitswelt besprochen haben. Dann musste ich den Mietwagen zurück geben und noch ein paar Dinge einkaufen. Da die letzte Öffnung der Simpson Bay Brücke für ausgehenden Verkehr schon 16 Uhr ist, wäre das alles sehr sehr eng geworden. Kurzerhand entschieden wir uns für ein letztes Mal Wiener Schnitzel im „The Pub“. Es folgte ein ausgelassener Abend. Erst mit Amos und Anni, später kamen noch Johannes und Anja dazu.

Ich habe erst gemerkt, wie schnell die Zeit verflogen ist, als mir Adam die Rechnung zuschob. Ich hatte aber gar nicht darum gebeten. Ein Blick auf die Uhr und „Uff! Es ist ja schon 1:30 Uhr!“. So endete unser letzter Abend auf St. Maarten damit, daß wir aus der Bar gekehrt wurden 😉

Donnerstag 06.05.2021

Trotz der kurzen Nacht stehen wir schon kurz nach 8 Uhr auf den Beinen. Die Brückenöffnung um 10:30 Uhr zu erreichen ist aber völlig utopisch. Ich fahre erst mal zum Ausklarieren, damit wir das Dinghy aus dem Wasser holen können. Die Unterseite ist voller Pocken und die Reinigung dauert locker 2 Stunden, in denen Max einen wunderbaren Sonnenbrand bekommt. Dann muß das Boot seeklar gemacht werden – und zwar seeklar für einen Schlag von etwa 2500 Meilen. Damit das Deck leer ist, muß das Dinghy also irgendwo verstaut werden. Nachdem das Teil seit einem Jahr und fünf Monaten immer aufgepumpt war, muß ich wirklich erst mal überlegen, wie das mit dem zusammenpacken war. Das nächste Problem ist, daß Selene in der Zeit eher mehr als weniger Equipment bekommen hat. Die größten Posten sind ein 6 und ein 2,5 Gallonen Kanister und der Honda Generator. Ach ja – den blöden Honda Außenborder und den dazugehörigen 3 Gallonen Tank habe ich ja auch noch.

So dauert das Klarmachen von Selene doch deutlich länger als gedacht. Zwischendrin muß man auch immer mal eine Pause machen – die Mittagssonne brennt ohne Erbarmen. Ich muß sagen, ich habe mich mittlerweile recht gut an die Temperaturen gewöhnt, aber Max hatte doch schon zu kämpfen.

Gegen 14 Uhr ist dann alles bereit. Wasserfänger und Sonnenschutz sind verstaut, im Schiff ist alles seefest. Naja – hoffentlich. Die Zeit drängt – wir müssen noch zur Tankstelle. Glücklicherweise liegt nur ein Dinghy mitten am Pier, an das ich mich langsam heranpirsche. Im Dinghy sitzen zwei Leute, die recht große Augen bekommen, als sie meinen Rocna in ca. 5 m Entfernung langsam auf sie zukommen sehen 😉

Nach dem Tanken sind alle meine US Dollar, oder wie ich immer Scherzhaft sage „Toilettenpapier“ verbraucht. Den restlichen 10er zahlen wir in Euro.

Schon verrückt. Das Tanken hat über eine Stunde gedauert und so erreichen wir die Brücke etwa 45 min vor Öffnung. Wir hängen uns an eine riesige Tonne, die wie eine Mine aussieht, um in Ruhe die ganzen Fender und Leinen zu verstauen. Etwa 20 Minuten vor der Öffnung hänge ich mich an die Funke und rufe die Simpson Bay Brücke. Es herrscht etwas Verwirrung unter den Brückenwärtern, denn ich werde gefragt, ob ich die „Simpson Bay Brücke“ oder die „Simpson Bay Causeway Brücke“ meine 😉 Nachdem alles geklärt ist, höre ich nur ein „Roger, Captain – The bridge will open at 4 pm – stay close“.

So geht es 16 Uhr durch die Brücke und kurz ins Ankerfeld. Wir wollen noch Anni und Amos von der Emvula verabschieden. Ein kurzer Schnack – leider habe ich vergessen zu filmen 🙁 – Nicht so wichtig, denn Amos hat gefilmt. Er ist noch etwas hinterher mit seinen Videos, aber ich vermute in seinem Video über St. Maarten wird die Selene auch zu sehen sein.

Noch in der Bucht setzen wir die Genua und lassen uns von dem seichten Wind und nervigen Schwell aus der Bucht spülen. Als der Wind endlich von der Seite kommt, geht die Genua ins erste Reff und das Groß kommt dazu. Natürlich auch im ersten Reff. Das ist eine Konfiguration, mit der Selene bis gut 25kn Wind wie am Lineal segelbar ist. Anguilla und Dog Island passieren wir mit den letzten Sonnenstrahlen und dann geht es schon in die erste Nacht.

Max legt sich gegen 21 Uhr in die Koje und ich beschließe ihn gegen 2 Uhr zu wecken.

Meine Borduhr läuft auf UTC Greenwich Zeit. Danach werden auch die Etmale (wie viel Meilen in 24 Stunden zurück gelegt werden) gesetzt.

So schaffen wir an dem Tag 22 Meilen.

Freitag 07.05.2021

Ich sitze Stunde um Stunde im Cockpit, denke über Gott und die Welt nach, schaue ein paar Videos oder höre Musik. Die Zeit verfliegt unglaublich schnell und als ich auf die Uhr schaue ist es schon 4:45 Uhr. Dann machen wir den Schichtwechsel eben jetzt 😉
Im Bettchen falle ich sofort in einen tiefen Schlaf. Max hat in der Zeit Spaß, denn ein riesiger „Algenbatzen“ hat sich Herberts (WindPilot) Ruder gesammelt. Damit ergeben sich zwei Probleme. Zum ersten steuert das Teil dann nicht mehr und zweitens ist der Scherpin gebrochen. Jetzt steht das Strömungsruder etwa 45° nach hinten und die Steuerwirkung ist deutlich schlechter. Max hat das Ganze allein gelöst und mich bis etwa 8:30 Uhr schlafen lassen – Perfekt!

Später schauen uns das Problem an und entscheiden es erst mal so zu lassen. Durch das schiefe Ruder steuert Herbert zwar nicht mehr so pralle, aber das Schiff bleibt auf Kurs. Das A und O bei Windsteueranlagen ist eben immer noch der Segeltrimm.

Der Tag plätschert dahin, ich hole den ersten Wetterbericht und beginne mein Tagebuch, welches gleichzeitig dieser Beitrag werden wird. Eben so, wie ich es in dem Moment erlebt habe.

Der Tag geht so dahin und ich backe wieder mal ein Brot. Es soll ein Roggen Vollkornbrot werden. Bei dem Seegang funktioniert meine Waage nicht, also muß ich schätzen. Als Wissenschaftler sucht man in solchen Fällen nach anderen Meßmethoden. Ich entschließe mich einfach die Hälfte des Behälters zu nehmen, in dem das Mehl lagert .. müssten ja 250 g sein und dann das selbe noch mal mit dem Roggenmehl. Als ich fertig bin, stelle ich fest, daß die Schüssel recht voll ist und fange an nachzudenken. Ach ja – in die Mehlbehälter passt ja 1 kg rein – ups – das wird ein sehr großes Brot 😉

Dann will Max mit dem Hühnchen und Gemüse beginnen. Wir stellen mit Schrecken fest, daß praktisch alles schon beginnt faulig zu werden. Und das nach nur einem Tag! Verrückt. Damit muß das Essen erst mal verschoben und so viel wie geht gerettet werden. Alles was eine dickere Schale hat, wird mit Chlorbleiche abgewaschen. Alles was schadhaft ist, wird zu Schmorgemüse. Der Rest wird wieder eingelagert. Ich muß wohl mit Bohnensalat und Co. früher beginnen, als gedacht.

Das Essen war trotzdem total lecker und ich gehe gegen 22 Uhr ins Bett. Durch das Brot backen, Essen zubereiten und Schmorgemüse machen, liegen die Temperaturen im Bauch von Selene bei gefühlten 45 °C. Egal – Schlaf ist wichtiger und trotz der Schaukelei bin ich recht schnell im Land der Träume. Man hat immer das Gefühl, man ist ständig wach, aber in Wirklichkeit schläft man eine Weile und wird nur noch durch die großen Brecher geweckt – wenn es also an der Bordwand mal richtig kracht. Deshalb wäre es auch eine schlechte Idee, das Fenster einen Spalt zu öffnen.

Die Nacht ist gegen 4 Uhr vorbei, als Selene mit klappernden Segeln und praktisch Null Wind durch die See schaukelt. Im völlig nassen Cockpit steht Max am Steuer und sagt: „Yo, war mal ein Squall, aber der Regen ist ja warm“. Der Wind ist auch wieder recht schnell da und schiebt Selene weiter an. Nachdem Max im Bett ist, schaue ich gleich mal nach dem Wetter und es schaut so aus, als könnten wir viel früher als gedacht nach Osten abbiegen. Im Moment segeln wir die ganze Zeit mit Halbwind, der langsam aber beständig nach Süd dreht. Hallo Bermudahoch! Schön, daß es dich dieses Jahr gibt 😉 Das Wetter schaut im Moment sowieso sehr gut aus – zumindest viel besser, als letztes Jahr um die Zeit. Mit etwas Glück sollten wir die meiste Zeit achterlichen Wind bis zu den Azoren bekommen.

Einen Erfolg gibt es noch zu vermelden, denn wir überholen tatsächlich ein anderes Segelboot aus Schweden! Es hat zwar den ganzen Tag gedauert, aber es ist schön auch mal zu sehen, daß man nicht immer der langsamste ist 😉 Ich vermute der Skipper ist alleine auf dem Boot, denn als es Abend wird, wird sein Boot viel langsamer. Da möchte wohl jemand einen ruhigen Schlaf haben. Sollte es ein Problem geben: Mein Funkgerät ist immer eingeschaltet und lauscht auf Kanal 16, wenn ich segle.

Wer meine alten Beiträge kennt wird wissen, daß ich in St. Maarten was am Rigg repariert habe und gesagt habe: „Das auf See nachzuziehen ist ja kein Problem…“. Nun ja, es ist soweit! Die Unterwanten sind zu locker und schlackern vor sich hin. Ich schnappe mir kurzerhand meine Zangen und ziehe jede Seite eine Umdrehung mehr an. Nun haben Unter- und Oberwant die selbe Spannung.

ETA: 19 Tage und noch 2300 Meilen …

Etmal: 134 Meilen

Samstag 08.05.2021

Je weiter wird nach Norden kommen, desto weniger wird der Wind. Immer noch konstant aus Ost, jedoch nur noch mit etwa 14 kn. Das Groß lassen wir im ersten Reff, aber die Genua wird voll gesetzt. Selene hat den klassischen Rigg Aufbau mit einem recht großen Vorsegel (60 m²) und kleinem Groß (40 m²). Damit kommt der meiste Zug aus dem Vorsegel und das Groß braucht man eigentlich nur, wenn man Höhe laufen will (also gegen den Wind segeln möchte). Zu dem ist es auch aufwändig das Reff im Groß zu ändern. Im Falle eines Squalls dauert das einfach zu lange – vor Allem bei Nacht.

Als Segler hat man viel Zeit. Viel Zeit, um vor allem aufs Wasser zu starren. So entdecke ich einen Fender, der recht nahe vorbei treibt. Da uns langweilig ist, bergen wir das Ding.

Danke „Parker and Crew“, was auch immer Du sein magst 😉

Max geht gegen 20:30 Uhr zuerst ins Bett, obwohl ich völlig platt bin. Die erste Corona Pfizer Impfung hatte mir recht nervige Kopfschmerzen beschert. Seit der zweiten habe ich seit 4 Tagen mit Durchfall zu kämpfen und anscheinend scheint unser Schmorgemüse-Abendessen nun den Rest zu erledigen. Ich sitze also im Cockpit und habe so gar keine Lust, mich irgendwie zu bewegen. Da eh nichts los ist, schlafe ich ein. Gut 2 Stunden später – so gegen 23 Uhr wache ich auf, weil Selene sich mehr und mehr legt. Der Blick auf den Windmesser zeigt gute 23 kn an. Viel zu viel, um mit ausgerefften Vorsegel zu fahren. Das Segel gut einen Meter einzurollen ist schnell erledigt, jedoch muß der Holepunkt noch geändert werden, da sonst zu wenig Zug im Achterliek ist und das Segel ständig flattert. Also Rettungsweste an und eingepickt nach vorn. Nachdem alles erledigt ist, segelt Selene schon wieder viel ruhiger. Die Bewegung hat mich aber nicht unbedingt viel mehr wach gemacht. Die Nacht sitze ich eher komatös im Cockpit, bis ich gegen 3 Uhr Max wecke. Als ich gegen 9 Uhr aufstehe erzählt er mir, daß er auch seinen Spaß mit dem Essen auf dem Bord-WC hatte…

Das Etmal liegt bei stolzen 138 Meilen

Sonntag 09.05.2021

Es gibt erst mal ein zünftiges Frühstück mit Rühreiern, Speck und selbst gebackenen Brot – lecker!

Der Wind nimmt mehr und mehr ab. Nun sind es nur noch 7 bis 10 kn aus Ost. Trotzdem fährt Selene immer zwischen 4 und 5 kn – nicht schlecht! Da hat sich das Putzen auf St. Maarten gelohnt. Den Rest erledigt der eingeklappte FlexOFold Faltpropeller, der gerade mal 4 N Schleppwiderstand hat.

Ansonsten ist an dem Tag richtig was los! Wir sehen 2 Frachtschiffe und  beginnen  zu angeln. Naja .. bei meinem Anglerglück wird eh nichts anbeißen.

Als es hell wird, schaue ich wie jeden morgen aufs Etmal: 118 Meilen sind es die letzten 24 Stunden gewesen. Nicht schlecht für den zum Teil flauen Wind.

Montag 10.05.2021

Letzte Nacht war ich wieder mal zuerst mit schlafen dran. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber ich denke es war so gegen 21 Uhr. Die See und der Wind werden immer ruhiger. Die Squalls sind mittlerweile zu dunklen Wolken geworden, die kaum Regen oder Wind mit sich bringen. Der Wind weht nach wie vor aus Ost mit 10 bis 14 kn. Die See ist angenehm ruhig. Da fällt das schlafen leicht. Wahrscheinlich bin ich deswegen schon um 2 Uhr wieder wach und setze mich ins Cockpit.

Wir unterhalten uns noch etwa eine Stunde und dann möchte Max auch gern mal die ruhigen Bedingungen zum schlafen genießen. Klar – warum nicht. Ich schnappe mir meinen Laptop und zocke etwas an meiner Minecraftwelt weiter, bis der Akku vom Laptop leer ist. Muß auch mal sein.

Der Wind kommt immer noch aus Ost und nimmt stetig ab. Das passt zum Wetterbericht, obwohl dort 10 kn angesagt sind. In Wirklichkeit sind es aber nur etwa 5 kn. Der Windgenerator macht keinen Strom und die Solarpanele könnten die Elektronik an Bord versorgen. Allerdings schneide ich das Video jeden Tag, schreibe am Blog und rufe das Wetter ab. Zu dem möchte ich gern mal mit der Drohne fliegen und der Akku vom Laptop von Max ist auch leer.

Also Kühlschrank auf „kalt“ gedreht und Generator an. Da macht sich das neue Ladegerät bezahlt. Mit guten 60 Ampere laden die beiden Ladegeräte die Akkus von Selene. Der Rest wird direkt über die 230 V Anlage des Schiffes geladen.

Der Drohnenakku ist voll und ich mache daran mal eine Runde zu fliegen. Ich bin mit dem Ding das letzte mal vor etwa 6 Monaten geflogen – dementsprechend angespannt bin ich. Leider ist mir beim Betrachten des Videos später aufgefallen, daß der Neutraldichtefilter zu klein war und das Video deswegen hier und da nicht so schön ist. Ich denke aber, der Clip zeigt ganz gut die Weite der Wasserfläche, auf der wir uns befinden. Das ist Freiheit. Ich meine, es könnte der dritte Weltkrieg ausbrechen oder sonst etwas passieren. Solange ich keine SMS/Anruf auf meinem Iridiumtelefon bekomme, würden wir davon nichts mitbekommen. Schon fast philosophische Gedanken, aber das haben alle Langfahrtsegler gemeinsam: Man hat sehr viel Zeit zum Nachdenken und Reflektieren. Das ist leider eine Sache, die in unserer schnelllebigen Gesellschaft mehr und mehr abhanden kommt.

Später mache ich mich an einen meiner „legendären“ Bohnensalate. Aus je 250 g trockenen Kichererbsen, weißen und roten Bohnen entsteht eine große Schüssel Bohnensalat. Da wir den erst morgen essen können, bereitet Max im Anschluß ein leckeres Schmorgericht zu. Leider bemerken wir gar nicht, daß die angefangene Gasflasche mittendrin zuneige geht. Naja – es gibt ja noch 2 volle Flaschen. Die sollten locker bis nach Horta reichen.

Ich muß zugeben. Mit Max klappt die Versorgung mit Essen einfach super! Wir reden ein paar Minuten, was uns so im Sinn liegt und dann fängt einer von uns mit Kochen/Backen an. Er hat natürlich in den alten Beiträgen von meinen Bohnensalaten gelesen. Damit war klar: Ich bin dran. Was? Bohnensalat!

Diese Schüssel war nach zwei Tagen leer – verrückt!

Trotzdem schaffen wir gerade so das 100 sm Etmal. Um genau zu sein: 101 Seemeilen 😉

Dienstag 11.05.2021

Ich gehe zuerst gegen 21 Uhr ins Bett. Max weckt mich gegen 2 Uhr aus dem Tiefschlaf – er sieht etwas knülle aus 😉 Im Cockpit finde ich völlig ruhige Bedingungen vor. Seichte Welle und vielleicht 6 kn Wind – natürlich aus Ost…
Nachdem ich eine Tüte Pistazien verputzt habe lege ich mich aufs Ohr und verschlafe fast den ganzen Rest der halben Nacht. Was soll auch passieren? Selene dümpelt mit 3 bis 4 kn dahin und weit und breit ist kein Schiff zu sehen.

Der Tag plätschert recht ereignislos dahin. Am morgen hatte ich festgestellt, daß die Entlüftung vom Fäkalientank vermutlich verstopft ist. Das Problem war aber mit einem Pömpel schnell behoben. Max ist kurz nach 7:15 Uhr wach, weil ihm im Schlaf die Idee gekommen ist, wie wir unsere ollen Bananen verarbeiten könnten. Ich mache Kaffee und er banana-pancakes. Sehr lecker. Zum Mittag gibt es dann eine Schale Bohnensalat, für die ich viel Lob ernte. Nach einem Tag im Kühlschrank ist der Salat richtig gut durchgezogen.

Zwischendrin schnippel ich Stück für Stück am Video, besser gesagt an dem Teil, den die Drohne gefilmt hat und schreibe diese Zeilen.

Wir haben uns sowieso vorgenommen heute den Generator noch mal anzuwerfen. Damit ist genug Strom da die ganzen Akkus zu laden und vielleicht auch mal die Eiswürfelmaschine anzuwerfen. Sundowner mit Eiswürfeln klingt schon verlockend 😉

Bevor das aber passiert, werde ich auf jeden Fall noch mal eine Salzwasserdusche auf dem Vordeck genießen. Die Wassertemperatur liegt immer noch bei 27 °C und bei dem schwachen Wind drückt die Sonne schon sehr. Mittlerweile hängt ein Sonnenschutz an der Seite vom Bimini, um etwas mehr Schatten im Cockpit zu bekommen. Ich muß dabei jedes mal an die Filme von Guido Dwesteg denken, der die Tour vor ein paar Jahren mit seiner Bavaria 32 Holiday gemacht hat. Der hatte kein Binimi oder ähnliches. Wie zum Geier hat der das im Cockpit ausgehalten?

Diesmal geht Max zuerst schlafen. Es ist wenig Wind und ich verbringe die Nacht mit Filme schauen. Unter Seglern tauscht man so etwas Festplattenweise 😉

Etmal: 91 Meilen

Mittwoch 12.05.2021

Gegen 4 Uhr wechseln wir uns ab und ich freue mich auf einen erholsamen Schlaf. Dieser ist bis etwa 8:30 Uhr möglich, denn dann schläft der Wind auf etwa 4 bis 6 kn ein. Das hat zur Folge, daß es überall im Rigg scherbelt und kracht. Ich wälze mich noch eine Weile hin und her und stehe dann entnervt auf. Der Guten-Morgen-Kaffee bringt wenig Ermunterung, aber wir wollen Selene gern wieder auf die Sprünge helfen, was nur mit dem Spinnaker geht. Das Problem an der Idee ist: Das Ding liegt im Ruderkasten gaaanz unten. Darüber liegen das Dinghy, Paddel, Sturmfock, 3 Kanister und jede Menge weiterer „Schrott“. So räumen wir den ganzen Inhalt ins Cockpit, um anschließend alles wieder einzuräumen. Danach such ich die nötigen Leinen für den Spi zurecht und fange an alles aufzubauen.

Um den Spi zu setzen, rollen wir die Genua ein und lassen die Blase aufpoppen. Ich bin jedes mal beeindruckt, wie majestätisch das große Segel aussieht. Es liegen etwa 6 kn Wind an, von denen etwa 50% in Vortrieb umgewandelt werden. Wir sind uns nicht sicher, ob Herbert – der Windpilot – mit nur 3 kn an Deck das Boot steuern kann, weshalb Herbert2 (Max) diesen Job übernimmt.

Wer nun denkt, daß ich mir dann einen Bunten gemacht habe, irrt gewaltig. Als erstes schnappe ich mir alle Mülltüten und fange an zu sortieren. Für Kunststoffmüll und alles was „stinkt“, nutzen wir eine leere 5 l Wasserflasche. In die kann man alles reinstopfen und sie anschließend dicht verschließen. Alles andere kommt in einen Müllsack. Es ist schon interessant, wie stark man mit dieser Methode das Volumen verkleinern kann – auch wenn diese Arbeit nicht gerade angenehm ist.

Anschließend fange ich an, die Idee „Puddingschnecken“ in die Tat umzusetzen. Max ist von der Idee völlig begeistert. Also erst mal Pudding kochen und Hefeteig ansetzen. Während der Pudding abkühlt und der Teig geht, ist Abwaschen angesagt. Das ist diesmal richtig entspannt. Die Tage vorher kam der Wind immer von der Seite und Selene rollte etwas und hatte Schräglage. Es ist jetzt nicht so, daß mich das sonderlich stört, aber es dauert halt alles viel länger, da man ein paar Teile mit Salzwasser abwäscht, dann mit Süßwasser spült, abtrocknet und gleich wegräumt. Irgendetwas irgendwo ablegen ging leider nicht. Mit dem derzeitigen Vorwindkurs ist das richtig entspannend, da das Boot wie ein Brett auf dem Wasser liegt.
Nebenbei koche ich noch eine Suppe für den Steuer-Max und übernehme anschießend das Ruder. Max möchte noch mit seinen Eltern telefonieren, so habe ich genug Zeit festzustellen, daß der Windpilot das Boot doch steuern kann. Und das nur bei 2 bis 4 kn Wind an Bord – Wahnsinn!
So steuert das Teil ohne große Beachtung Richtung Nord-Ost, während wir unter Deck die Puddingschnecken finalisieren, Essen für den nächsten Tag kochen und dem Bordalltag nachgehen.

Es wird Abend und wir überlegen, ob wir Regel Nummer 1: „Fahre Nachts nie mit Spi“ gleich brechen wollen. Max kennt den Genacker von der Catanoa und ich bin Selene schon oft mit Spi gefahren. Somit trauen wir und zu, das Teil auch noch im Griff zu haben, falls der Wind mitten in der Nacht aufbriest. Ich gehe gegen 21 Uhr zu erst ins Bett.

Etmal: 86 Meilen

Donnerstag 13.05.2021

Die Nacht unter Spi war in der Bugkabine eher schlecht als recht auszuhalten. Vor allem der Block vom Niederholer hat unendlich genervt, bis ich ihn mitten in der Nacht mit Kabelbinder am Babystag festgebunden habe. Das ist aber nur die Hälfte des Problems. Ich merke auch, wie Wind und Welle Stück für Stück zunehmen. Max meinte, es würde schon noch gehen, also lege ich mich wieder hin. Gegen 2 Uhr legt sich das Boot mehr als gewöhnlich und ich halte die Hand an die Bordwand. Das ist etwas, was ich auch schon bei Charterschiffen gemerkt habe. Fängt das Boot an zu vibrieren, verlangt man mehr, als es kann.

Also schnell aus dem Bett und da höre ich schon Max sagen: „Ich glaub das wird jetzt zu viel“. Eine Bö mit gut 25 kn hatte Selene aus dem Tritt gebracht. Ich schalte das Decklicht ein und werfe mir die Rettungsweste über, um den Spi auf dem Vordeck zu bergen. Wie es der Zufall will, läuft das Boot in dem Moment aus dem Ruder und der Spi fällt leicht ein. Da ich die Bergeleine schon in der Hand halte, rufe ich nur schnell zu Max „Schot loswerfen!“ und ziehe die Hülle über das Segel. Das war schnell und effektiv! Trotzdem dauert es noch eine halbe Stunde, bevor alle Leinen so klar gemacht sind, damit wir die Genua setzen können, ohne das sich alles verfitzt. Am Tag würde das sicher schneller gehen, aber nachts achte ich schon mehr darauf, daß sich keine Leine aus versehen um mich oder Körperteile von mir wickelt. Damit kann man sich auch nicht irgendwo verletzen und auch definitiv nicht über Bord gehen. Selbst mit Lifeline ist das sicher unangenehm.

Selene fährt mit achterlichen Winden dahin, wobei wir eigentlich auf direkten Vorwindkurs gehen müssten. Also Großsegel runter, Genua voll öffnen und per Spibaum ausbaumen.

Mit dieser Konfiguration geht es durch den ganzen Donnerstag und die Nacht zum Freitag.

Nach dem Abendessen geht Max zuerst ins Bett (ich hatte einen Mittagsschlaf gemacht 😉 ) und Wechsel ist gegen 4 Uhr morgens.

Etmal: 96,5 Meilen

Freitag 14.05.2021

In meiner kurzen Nacht ab 4 Uhr morgens stehe ich zweimal auf. Einmal um das Vorsegel etwas dichter zu ziehen, denn der Wind ist für 1 .. 2 Stunden sehr flau, was Selene ganz schön ins schaukeln bringt. Im Cockpit merkt man davon nichts, aber das Segel wickelt sich immer leicht um das Vorstag und ruckt dann sehr unangenehm ein. Beim zweiten mal nervt die Tür zu meiner Kabine. Durch das schaukeln geht die Schiebetür ständig auf und zu …

Max wollte mich eigentlich mit Frühstück überraschen, aber ein Ei war aus der Packung gefallen und hatte sich durch die Bodenbretter Richtung Stevenbuchse verabschiedet. Der Kaffee war zwar schon fertig, aber so ein rohes Ei möchte ich nicht in der Bilge haben. Wir haben die Reinigungsaktion schnell zu zweit erledigt, um anschießend lecker Spiegelei mit Bacon zu futtern.

Gestern hatte ich völlig vergessen mal nach dem Wetter zu schauen, also wurde es heute mal Zeit dafür. Der Regen und trübe Himmel heute sind wohl die Vorboten für eine Tiefdruckzelle. Auch der Luftdruck ist von stolzen 1025 auf 1018 mBar über Nacht gefallen. Die Frage ist nur, wo sich das Teil befindet und wohin es ziehen wird.

15 Minuten später und 60 kB mehr auf der Festplatte sind diese Fragen beantwortet.

Es ist tatsächlich ein kleines Tief, auf das wir gerade zuhalten. Die 150 Meilen bis zum Kern werden wir zwar nicht schaffen, aber das Problem ist die umlaufende Vorhersage danach.

Wir entscheiden uns den Spibaum vom Vorsegel zu entfernen und Genua + Groß im ersten Reff zu setzen. Damit können wir bei Halbwind und 15 bis 20 kn Wind mit gut 6 bis 7 kn Fahrt nach Osten ablaufen. Die Scherkante zwischen dem atlantischen Hochdruckgebiet und der nordatlantischen Tiefausläufern verläuft normalerweise langsam nach Nord-Ost und wir müssen versuchen in dem Bereich zu bleiben, in dem wir möglichst gut mit Raum- oder Halbwindkursen nach Nord-Ost segeln können. Momentan befinden wir uns noch etwa 400 Meilen nördlich und 1400 Meilen westlich der Azoren. Es ist also noch genug „Luft“, um irgendwelchen Schlechtwettergebieten auszuweichen.

Der Rest des Tages geht mit Bordalltag dahin. Video schneiden, Blog schreiben, Essensvorräte umsortieren, Kleinigkeiten reparieren, Abwaschen, Aufräumen und so weiter. Später soll es Pizza geben – deshalb höre ich jetzt auf zu schreiben und mache mich mal an einen Hefeteig 😉

Gegen Abend zeigt sich erst das eine Tiefdruckgebiet und dann ein zweites. Selene ist genau mittendrin statt nur dabei :/

Wir entschließen uns dazu, das Groß zu Bergen und darauf zu warten, was nun kommen möge. Es fängt an zu regnen und der Wind nimmt bei gleichbleibender Welle immer mehr ab. Hoffentlich ist die Sache morgen erledigt und der stabile Ostwind ist wieder da…

Etmal: 118 Meilen

Samstag 15.05.2021

Ich hatte am Freitag Abend begonnen den leblosen Text mit Bildern zu füllen. Ehe ich mich versah, war es 22 Uhr – Zeit fürs Bett! Eigentlich hatte ich mich richtig darauf gefreut bis 4 oder 5 Uhr zu schlafen, aber schon 1:30 Uhr weckt mich Max. Er sei müde und möchte wechseln. Mein erster Gedanke war „Uff“. Ich gehe an Deck, es regnet leicht, und schaue ins schlagende Vorsegel. Als ich mich umdrehe um Max zu fragen, ob er mir mal schnell beim Ausbaumen hilft, liegt der schon im Bett und schläft. Ich habe irgendwie so gar keinen Elan, mich der Sache anzunehmen und koche mir erst mal einen Liter Kaffee. Dann entscheide ich, daß ich die Aktion mit dem Ausbaumen auf das Morgengrauen verlege. Dann klappert es eben.

Die Zeit vergeht wie im Flug, diesmal mit der Dokureihe „Handwerkskunst“ vom SWR. Nun weiß ich wie man ein Waldhorn baut, ein Kirchenfenster baut, einen Lebkuchen backt, ein Surfskate baut, einen Smoker baut, ja sogar wie man Dessous schneidert 😉

Dann wird es endlich hell und ich mache mich an das Ausbaumen. Es ist wirklich viel einfacher, wenn man was sieht.

Irgendwann steht Max auf und ich gehe ins Bett. Allerdings scheint der große Herr an den Hebeln das nicht so toll zu finden und schaltet den Wind komplett ab. Damit hat man zwei Möglichkeiten. Entweder man hat schlagende Segel, oder das Boot schaukelt wie verrückt.

So war das aber nicht angesagt und ich zücke mein Motorola 9505a, um den Wetterbericht zu holen.

Das Ergebnis ist recht ernüchternd, denn die Kante, wo der Nord-Ost auf den Süd-West Wind trifft ist auf einmal gute 100 Meilen südlich vorhergesagt. Die Vorhersage scheint zu stimmen, denn wir haben hier nur umlaufende Winde. Auch ein Blick in die Zukunft bringt keine wirkliche Besserung. Für morgen sind genau 0,000 Knoten Wind hier angesagt. Der Himmel ist grau und es nieselt eigentlich pausenlos. Damit macht weder die Solaranlage, noch der SilentWind Strom.

Nach kurzer Überlegung entscheiden wir uns für den Perkins zum Akkus laden. Der Motor kann ruhig mal wieder ein paar Stunden laufen, richtig warm werden, die Akkus laden, das Wasser im Boiler heizen und Selene bedächtig durch die See schieben. Mit kapp über 1000 Umdrehungen läuft das Boot 4 Knoten – nicht schlecht!

Die Fahrt unter Maschine Richtung Süd-Ost dauert nur gute zwei Stunden, denn dann setzt wieder ein segelbarer Wind ein. So segelt Selene etwa bis Mitternacht etwa 115°. Dann dreht der Wind langsam über Süd auf Süd-Ost nach Ost – Na toll. Hoch am Wind gibt es die Möglichkeit nach Nord-Ost oder Süden zu segeln. Leider herrscht so eine starke Strömung und Welle, daß der Wendewinkel einfach nur beschissen ist. Dazu kommt die Welle auch genau aus Süd-Ost, was diesen Kurs extrem unangenehm und „stampfig“ macht.

Etmal 78,2 Meilen

Sonntag 16.05.2021

Ich hatte am Vorabend gut ein paar Stunden geschlafen und deshalb die Nachtschicht übernommen. Max hatte zwischenzeitlich versucht, aus Selene etwas Höhe zu gewinnen, was ihm nur mäßig gelungen ist. Noch im Bett konnte ich seine Frustration spüren, also haben wir zusammen an den Segeln gezuppelt, bis das Boot mit akzeptabler Geschwindigkeit am Wind lief.

Das war aber nur von kurzer Dauer, die Nacht sollte der Wind pausenlos drehen und ständig regnen. Ich denke mal die Kurslinie sagt alles:

Gegen 5 Uhr versuche ich etwas zu schlafen, was eher schlecht als recht für 3 Stunden gelingt. Irgendwann kreisen meine Gedanken nur noch ums Wetter. Diese unsteten Bedingungen müssen einen Grund haben, der vielleicht einen größeren Ursprung hat. Das bestätigt die heruntergeladene Wettervorhersage.

Yo, hinter uns kommt ein massives Tief angerückt. Durchmesser gut 250 Meilen. Zum Glück ist der Druck mit 1010 mBar recht hoch, aber vermutlich können wir mit 30 .. 35 kn Wind und 4 .. 6 m Welle rechnen. Selene läuft zu dem Zeitpunkt noch stabil Richtung Ost. In der Nacht hatte ich schon mal versucht hoch am Wind nach Süden zu laufen, was wegen der Welle leider nicht möglich war.

So würde und die Zelle momentan treffen. Der Abstand zum Auge liegt bei guten 125 Meilen. Gegen 10 Uhr flaut der Wind komplett ab. Normalerweise würde ich jetzt einfach abwarten, starte jedoch sofort die Maschine und setze Kurs direkt nach Süden. Eine gute halbe Stunde später schaue ich auf die Ladeanzeige vom Windgenerator. Dort stehen gute 180 W. Der Wind, welcher vorher aus Süd-Ost kam, kommt nun mit guten 25 kn aus Süd – Perfekt! Also schnell das erste Reff ins Groß gebunden und mit Vollgas (unter Segeln) Kurs Süd-Ost. Diesmal nicht zu hoch am Wind, damit Selene noch halbwegs Fahrt macht.

Das Tief soll in etwa 13 Stunden da sein und der Wind soll mit 30 .. 35 kn aus Süd-West wehen – logischerweise direkt ins Tief hinein. Dann dreht er über mehre Stunden langsam über West auf Nord-West. Das wäre dann unsere Chance mit raumen Wind aus dieser Scherkante zu kommen. Wir beraten, wie wir die Zeit aussitzen wollen, solange das Tief noch hinter uns ist und das Boot Richtung Nord schieben wird. Vielleicht werden wir diese Zeit per Beiliegen einfach abwettern.

Nun mag sich der ein oder andere Fragen, warum wir in dieses System überhaupt gesegelt sind. Nun ja, dazu muß ich sagen, daß sich die Scherkante entgegen aller Vorhersagen gute 300 Meilen nach Süd verlagert hat und Tief nach Tief produziert. Initial gab es dort ein Hochdruckgebiet, um das wir „eigentlich“ segeln wollten.

So sah es vor ein paar Tagen aus. Mit Hilfe der Skala unten links kann man die Entfernungen recht gut einschätzen. Um es also ganz profan zu sagen: Das schlechte Wetter ist zu uns gekommen und zwingt uns nun dazu so weit wie möglich nach Süd zu fliehen. Auch wenn es genau gegen die Dünung geht und das Wasser Hektoliterweise übers Deck läuft…

Etmal: 105 Meilen

Montag 17.05.2021

Seit dem am Vortag die Maschine ausging, nimmt der Wind langsam aber beständig zu. Kurz bevor es dunkel wird, setze ich Groß und Fock ins zweite Reff. Es wird dunkel und der Wind legt noch mal eins drauf. Nun liegen immer zwischen 30 und 35 kn an.

Selene läuft nach wie vor Süd-Ost und leicht am Wind. Etwas später schaue ich ständig auf meinen Spi, der noch in seinem Sack an den Mast gebunden ist. So richtig wohl ist mir nicht dabei, da das teure Segel nur mit einem recht dünnen Bändsel festgemacht ist. Die Bedingungen sind mittlerweile so, daß ich immer eine Rettungsweste an habe, wenns aufs Vordeck geht. Fast hätte ich das Ding auch gebraucht, denn auf dem Rückweg mit dem völlig nassen Segel erfasst eine Welle das Boot, hebt es an und kippt es nach Lee. Ich versuche in dem Moment das Stück vom Mast zur Sprayhood zu kommen und falle übers Deck nach Lee. Den Spi will ich keinesfalls aufgeben, also geht es auf die Knie, was bei dem Tretmaster Belag keine gute Idee ist, und mit der anderen Hand zum Großbaum. So liege ich erst mal wie ein angeschossener Soldat auf dem Deck und überlege, wie ich das Problem lösen kann. Da mich eh schon eine Welle überspült hat, brauche ich mir auch keine Gedanken mehr drüber machen, ob ich naß werde. Max hat es wohl poltern hören und nimmt den Spi entgegen. Naja – außer eine Schürfwunde ist nix passiert.

Gegen 20 Uhr versuche ich es das erst mal mit dem Schlaf, was nur von sehr kurzer Dauer ist. Der Gund für den „Schlafabbruch“ ist, daß die Kupplung vom Windpilot gerutscht ist, dieser damit die Böen nicht mehr aussteuern kann und das Ganze mit einem schlagenden Vorsegel quittiert wird. Kurz darauf holen wir das Groß runter und verkleinern die Genua nochmals. Das ist (besonders für mich) eine sehr nasse Angelegenheit, da jetzt schon regelmäßig Brecher übers Deck gehen. Um 24 Uhr versuche ich es noch mal mit schlafen. Diesmal richtig lange! Um 3 Uhr stehe ich wieder am WindPilot, da die Kupplung schon wieder gerutscht ist. Mal am Rande: Das wird der dritte nasse Schlüpper, den ich an dem Tag wechsle 😉

Max meinte so nebenbei, daß der Wind nun sehr böig weht und eine „tierische“ Welle steht. Das stimmt durchaus, denn das Wasser läuft nun im Minutentakt übers Deck und durchs Cockpit. Der Blick auf den Windmesser zeigt immer irgendetwas zwischen 35 und 45 kn. Die Wellen kann ich durch die Dunkelheit nicht sehen, aber so wie das Wasser im Deckslicht überkommt, müssen es um die 5 bis 6 Meter sein. Selene wird dazu immer mal ordentlich auf die Seite gelegt, wordurch im Inneren alles, was nicht niet- und nagelfest ist, nach Backbord fliegt. Da wars dann wohl erst mal mit dem Schlaf, die Bedingungen sind für mein Befinden einfach nur beindruckend. Meine Gedanken sind beim Schiff und ich hoffe das meine pausenlose Wartung an Selene nun ihre Früchte trägt. Denn wobei ist der Spaß noch lange nicht. Laut Wettervorhersage soll der Wind erst ab 15 Uhr abnehmen, was in 12 Stunden wäre. Zum anderen bin ich über die schieren Ausmaße der Tiefdruckzelle beeindruckt. Wir haben es geschafft, den Abstand zum Kern von etwa 125 auf 200 Meilen zu vergrößern und trotzdem liegt bei uns immer noch eine gute Windstärke 8 bis 9 an.

Die Sonne geht langsam auf und endlich sieht man die Brecher auch mal, welche ihr Wasser durch jede noch so kleine Ritze ins Innere von Selene drücken. Ist man im Wellental, sieht man um sich nur eine Wasserwand, an deren Oberkante das Wasser als feiner Nebel davongeweht wird. Bricht so eine Welle kurz vor der Bordwand, hört es sich im inneren an, als würde jemand mit einem Vorschlaghammer gegen das Boot schlagen. Kurz darauf geht das Wasser Hektoliterweise übers Deck. Andere Wellen treffen Selene nicht so perfekt, sondern schieben nur den Bug oder das Heck aus dem Kurs. Das gibt oft der nächsten Welle die Chance zum Brecher zu werden.

Ich fange an, diesen Beitrag zu schreiben, obwohl es erst 7 Uhr morgens ist. Ich habe manchmal das Gefühl, als wöllte mich der große Herr an den Hebeln veräppeln, denn kurz darauf trifft ein besonders großer Brecher Selene und legt das Schiff gut 70° auf die Seite. Ich höre es nur Rauschen und versuche Laptop, Tablett, Festplatte, etc. festzuhalten. Mein kleiner Samurai (Navirechner) liegt (!!) auf dem Navigator und wird von einer gut 3 cm hohen Kante gehalten. Das hilft alles nichts und das Teil segelt in die Küche. Zum Glück ist das Display noch ganz. Ich setze mich wieder an meinen Text und ein paar Minuten später schlägt das Vorsegel. Ein Blick auf den WindPilot zeigt: Da stimmt das nicht! Es ist tatsächlich eins der 8 mm starken Steuerseile gerissen. Ich setze mich wieder an meinen Text und kurz darauf höre ich so ein „klonk, klonk“. Ich kenne die Geräuschkulisse meines Bootes sehr gut und das Geräusch gehört nicht dazu. Nacht einer guten halbe Stunde des Suchens finde ich den Grund. Es ist die Notpinne, die sich in ihrem Fach selbstständig gemacht hat.
Ich setze mich wieder an meinen Text und keine 5 Minuten später höre ich ein neues „klonk, klonk“, aber diesmal aus der Richtung von Max. Er schaut nach oben aus dem Fenster und meint das Spifall wäre durch. Ich schaue und stelle fest: Es ist das Babystag… Da muß es wohl den Sicherungsring zerlegt haben. Das es sich gelöst hat, ist nicht schlimm, denn wir fahren im Moment ohne Großsegel. Spätestens wenn wir das Groß gesetzt hätten, wäre mir das aufgefallen. Der Bolzen liegt sogar noch an Deck und die Reparatur ist schnell erledigt.

Etmal: 149 Meilen

Dienstag 18.05.2021

Vom Vortag gibt es wenig weiteres zu Berichten, außer vielleicht, daß mich dieses unangenehme „gegen den Wind gefahre“ ganz schön mitnimmt. Das Boot hat Lage und wird in zufälligen Abständen von irgendwelchen Brechern getroffen. Dadurch läuft Selene aus dem Ruder und die Segel klappern kurz, bis der Windpilot wieder den Kurs eingestellt hat. Ich sitze den ganzen Tag am Navigator, schaue irgendwelche Videos und kann mich zu nichts richtig aufraffen.

Max weckt mich gegen 2:30 Uhr. Eigentlich könnte man die Segel etwas ausreffen … usw … Ich bin allerdings so platt, daß ich diese Arbeiten auf später verschiebe. Erst mal einen Kartoffelsalat machen …

… und eine Abhandlung über das Wetter halten (siehe Video)

Zumindest hell sollte es zum Ausreffen sein. So setze ich bei Sonnenaufgang das Groß im ersten Reff und vergrößere das Vorsegel etwas. irgendwann versuche ich die Genua noch etwas mehr auszureffen, was aber nicht funktioniert. Die Holeleine ist komplett frei, aber am Segel bewegt sich nichts? Ich schaue nach vorn und sehe nur die Sonne, die genau in der Flucht zur Reffanlage am Horizont aufgeht. Aber irgendwie schaut das komisch aus.

Ich gehe nach vorn und sehe den Salat. Die Führungsrolle der Reffleine ist in zwei Teile zerbrochen und dadurch hat sich die Leine in den Führungskorb der Rolle gewickelt. Irgendwann beim Ein- oder Ausreffen hat es den Korb dann verdrückt und in die Rolle gewickelt. Ich hole Werkzeug und löse den Korb. Das macht richtig Spaß auf den Knien an der Spitze des Bootes bei dem Seegang zu arbeiten. Die Nase taucht hin und wieder so tief ein, daß alles überspült wird. Nach einer Weile und viel Hin- und Hergelaufe kann ich das Vorsegel ein paar Umdrehungen per Hand einrollen und den Korb aus der Rolle befreien. Max ist inzwischen wach geworden und hilft mit. Die zerbröselte Rolle wird mit einer Schraube repariert und der Korb wieder richtig angebaut. Die Schelle hat zwar einen Riss, aber das ist auf See nur schwer reparabel. Darauf müssen wir ab jetzt ein Auge haben.

Eine Baustelle bleibt: Das Vorsegel. Leider hat es das gute Stück im Acherliek recht mitgenommen. Da es aber so aussieht, das es nur der UV-Schutz ist, verlegen wir diese Sache auf später.

Der Tag geht so dahin und Selene fährt am Wind einen langen Bogen Richtung Süd. Wir versuchen es zwischendrin mal mit einer Wende, aber der Kurs auf dem anderen Bug liegt genau gegen die alte Dünung, welche immer noch bei guten 4 m Wellenhöhe liegt. Gegen so etwas hat Selene keine Chance und wir fahren praktisch auf unserer alten Kurslinie zurück.

Gegen Abend klappt dann die Wende und das Schiff macht wenigstens irgend eine Art Kurs Richtung Nord, bzw. Nord-Ost. Die Welle ist immer noch recht hoch und versetzt das Boot recht stark. Wir hoffen, daß der Wind weiter dreht und wird langsam aber sicher mehr Richtung Ost kommen. Ich entschließe mich mal eine Langfrist-Wettervorhersage für den Atlantik zu laden. Die Auflösung ist mit 1° nicht toll, wird uns jedoch eine Idee über die Lage der Systeme geben. Um es kurz zu machen: Es sieht beschissen aus. Etwa 500 Meilen nördlich von uns hat sich ein massives Hoch gebildet, was uns für mindestens die nächsten 4 Tage Ost bis Nord-Ost Wind beschert. und das mit mindestens 25 kn. Weiter südlich, also wo wir etwa sind, sollen sich mehrere Tiefdruckgebiete zusammen brauen, wobei die Vorhersage an so einer Konvergenzzone mehr als ungenau ist.

Es ist schon ironisch … Da segelt man extra weit nach Nord, um dann mit Rückenwind nach Ost zu kommen. Die Wetterkante, die immer noch gut 250 Meilen nördlich liegt im Blick und dann segelt man 4 Tage am Stück nach Süden und wird von der Konvergenzzone regelrecht verfolgt. Hätte man das gewusst und wäre der Wind passend gewesen, dann hätte man sich locker 4 Tage sparen können. Naja, alles jammern hilft jetzt auch nicht, weiter Kurs Nord-Ost

Etmal: 113 Meilen

Mittwoch 19.05.2021

Nach dem gestrigen Tag bin ich völlig platt. Eigentlich ist Max zuerst mit schlafen dran, fragt mich gegen 24 Uhr jedoch, ob ich pennen möchte. Ich muß wohl ziemlich zerstört ausschauen. Ich nehme das Angebot dankend an und schaffe es gute 6 Stunden tief zu schlafen.

Gegen 13 Uhr liegen schon wieder Winde bis 28 kn an, was mehr und mehr an meinen Nerven zerrt. Seit Tagen fahren wir so hoch es geht am Wind und die Motivation irgend etwas an Bord zu machen geht gegen Null. Selene ändert ständig die Laage in alle Richtungen. Dazu rastet der Bug ständig in irgend einer Welle ein und nimmt 2 .. 3 kn der Fahrt weg. Will man sich im Boot bewegen, dann ist man ständig dabei, sich irgendwo fest zu klammern, um blaue Flecken zu vermeiden. Dinge des Alltags, wie Essen zubereiten, Geschirr abwaschen oder selbst auf die Toilette zu gehen, werden zu einem langwierigen Unterfangen, da man nichts irgendwo ablegen kann. Wir hocken seit Tagen nur unter Deck, da man im Cockpit so eine Art Dauerdusche hat.

Es wird Abend und Neptun scheint unsere Gedanken um die „schon wieder 28 kn Wind“ gehört zu haben. Wer jetzt an eine flaue Nacht denkt, der irrt, denn der große Herr entscheidet sich für das Gegenteil und dreht den Regler nach rechts. Kurz vor Sonnenuntergang binde ich das zweite Reff ins Groß. Laut Wettervorhersage sind Winde von 25 kn und 30 kn in Böen vorhergesagt. Gegen 22 Uhr holen wir das Groß runter und Reffen das Vorsegel nochmals. Der Wind hat auf gut 30 .. 35 kn aufgedreht. Dann übernehme ich die erste Schicht und Max geht schlafen. Mir ist immer noch ein Rätsel, wie er bei dem Geschaukel so schnell einschlafen kann. Damit sollte jetzt aber Ruhe für die Nacht sein, denke ich. Neptun ist da anderer Meinung und schickt gegen 23:30 erste große Wellen, die Ungutes vermuten lassen. Ich sitze zur Zeit am Navigator und schaue einen Film. Auf ein mal höre ich, wie der Windgenerator aufdreht und schaue auf die Ladeanzeige. Diese zeigt mir gute 300 W an – wow. Ich war erst der Meinung, daß Selene einfach angeluvt ist und jetzt mehr gegen den Wind fährt und drehe am Windpilot. Ich setze mich auf die Treppe vom Niedergang, schalte das Decklicht ein und schaue mir das Treiben an. Das ist nicht „nur angeluvt“ denke ich mir so. Selene fährt mit dem Fetzen von Vorsegel nun schon gut 7,7 kn und fängt an zu vibrieren, was Max aus dem Bett holt. Wir bereden kurz die Situation und dann meint er nur: „Dann runter mit dem Tuch“. Wir lassen etwa 1 m² Segel übrig, damit Selene wenigstens etwas Fahrt macht und der Windpilot die Richtung halten kann. Obwohl wir fast stehen, geht Brecher für Brecher übers Deck. Kommt eine Böe, dann fängt das ganze Rigg an zu vibrieren und das Boot legt sich. Und das obwohl wir praktisch keine Segel mehr gesetzt haben.

Der Windanzeiger zeigt nur den mittleren Wind an, welcher sich immer zwischen 38 und 42 kn bewegt. Dazu steht eine beachtliche Welle und es regnet in Strömen. Es ist zwar stockfinster, aber schaut man seitlich in die Dunkelheit, dann kann man hier und da die weißen Schaumkronen ausmachen, bevor Selene wieder von so einer Welle getroffen wird. Um 3 Uhr habe ich genug davon, hole das Steckschott aus der Backskiste und schließe den Niedergang. Ich sage Max nur, daß ich jetzt Pennen gehe und er auch nicht aufzustehen braucht. Wir stehen praktisch still und die einzige Gefahr wäre von einem Frachter überfahren zu werden …

Apropos Frachter: Ein paar Stunden vorher hat Max die Segel kontrolliert und mit seiner Fenix Megaleuchte herumgefunzelt. Zu der Zeit waren 2 Frachter in der Nähe. Einer etwa 6 sm und der andere ca. 8 sm entfernt. Auf einmal hören wir im Funk, daß der eine Kapitän den anderen anfunkt und fragt ob alles in Ordnung wäre. Er hätte so ein grelles weißes Licht gesehen. Der andere Kapitän hat natürlich keine Ahnung, was er damit meint und sagt nur: „Alles OK, aber das waren wir nicht“. Das ist dann wohl mein Moment an der Funke und ich greife zum Mikrophon: „Good evening, this is the sailing Vessel Selene. I guess you refer to our Flashlight – we were just adjusting our sails.“ Es entwickelt sich ein kurzes Gespräch, wenn man von den Telefonaten mit dem Satelitentelefon mal absieht, ist es das erste seit 14 Tagen mit anderen Menschen.

Etmal: 109 Meilen

Donnerstag 20.05.2021

An diesem Tag ist recht wenig passiert. Trotz des Windes, der Wellen und der Brecher bin ich recht schnell eingeschlafen. Zu Beginn meiner „Seglerkarriere“ wäre so etwas undenkbar gewesen, aber man entwickelt über die Jahre schon eine große Gelassenheit dem Wetter gegenüber. Nach ein paar Tagen ständig Hoch-am-Wind-gesegle, paart sich dazu noch eine gewisse Lethargie. So lange das Boot möglichst wenig Schaden nimmt, wird einem der Rest mehr und mehr gleichgültig.

Der Wind nimmt am Morgen endlich ab und dreht sogar auf Süd. Da ich noch am Schafe zählen bin, setzt Max die Genua und lässt Selene endlich wieder mal direkten Kurs auf die Azoren nehmen. Alles in Allem wird das ein richtig schöner Segeltag. Einer von denen, wo man auch wieder mal im Cockpit sitzen kann, normal Frühstücken und sich nicht wie ein Affe überall festklammern muß.

Gegen Abend wollen wir noch mal den Honda laufen lassen, da bei der Bewölkung und dem flauen Vorwind kaum Strom in die Akkus geflossen ist. Leider hat das Gerät wohl irgenwo Wasser gezogen und springt nicht an. Wir geben gegen 23:30 Uhr auf und verschieben die Reparatur auf den nächsten Tag.

Der Wind ist uns inzwischen völlig abhanden gekommen und Selene treibt mit schlagenden Segeln dahin. Da kommen wir zu einer weiteren Sache, die Segler nicht mögen: Kein Wind und Schwell. Einige der Wellen liegen genau in der Resonanzfrequenz des Bootes und lassen es richtig gut schaukeln. Max versucht es zumindest mit etwas Schlaf und ich entschließe mich ein Brot zu backen.

Etmal: 99 Meilen

Freitag 21.05.2021

Das Geklapper und Geschaukel geht mir mehr und mehr auf den Zeiger. Gegen 1:30 Uhr starte ich die Maschine und lasse Selene für gute 3 Stunden Richtung Nord-Ost fahren. Die Hoffnung, daß sich bis dahin irgend eine Art von Wind einstellt, war wohl umsonst.

Im Bild oben sieht man schön die schnurgerade Linie, welche unsere Fahrt unter Maschine repräsentiert und dann den 90° Knick, der unsere Treibfahrt darstellt. Normalerweise würde man jedes bisschen Wind nutzen, um weiter zu kommen, aber das ist uns mittlerweile auch egal. Die Reststrecke beträgt noch gute 1071 Meilen – Da macht eine 5 Meilen lange Treibfahrt das Kraut auch nicht mehr fett 😉

Bei dem ganzen hin und her, muß ich wohl zwischendrinn für ein paar Stunden eingeschlafen sein. Damit hatte der Brotteig mehrere Stunden und aufzugehen und wandert gegen 4:30 Uhr in den Ofen. Ein gutes Stündchen später ist er fertig und ich gehe ins Bett. Vorher muß ich aber den Sonnenaufgang noch filmen. Immer wieder ein schöner Anblick!

Gegen 9 Uhr werde ich wieder wach und bemerke, daß Max sehr produktiv war. Der Wind weht mit guten 11 kn aus Nord-Ost, aber es sind noch keine Segel gesetzt. Der Gund dafür ist der Spinnaker, der seit Tagen klitschnass in seinem Sack verstaut im Cockpit lag. Max hat das Teil ausgepackt und auf dem kompletten Deck zum Trocknen verteilt. Ich muß sehr tief geschlafen haben, denn ich hatte von der Aktion nichts mitbekommen. So packen wir schnell das Segel ein – diesmal staue ich es in meiner Kabine – und Max bginnt die Segel zu setzen.

Der Generator funktioniert auch wieder. Wenn ich wieder in Deutschland bin, bekommt das Gerät eine Generalüberholung. Vor allem sind viele der Kunststoffteile im Inneren völlig spröde und gebrochen. Das Problem, warum er nicht mehr starten wollte liegt mit großer Wahrscheinlichkeit am Ölstandsschalter. Nachdem Max den Pin dafür aus dem Stecker entfernt hat, startete das Gerät wieder beim ersten Zug. Leider war noch ein Steckpin der Drehzahlreglung bündig am Steuergerät davon korrodiert. Wir setzen kurzerhand einen Ersatzpin ein, der nur durch Federkraft angedrückt wird. Falls die Drehzahlreglung also mal spinnen sollte, weiß ich genau, wo ich nachschauen muß. Zu Hause möchte ich auch versuchen das Gerät auf 230 V umzubauen.

Etmal: 83 Meilen

Samstag 22.05.2021

Die Nacht segelte Selene bei 15 bis 20 kn Wind aus Ost, ohne große Vorkommnisse hoch am Wind Richting Nord-Ost. Wir haben uns gegen 3 Uhr abgewechselt und ich hatte bis etwa 8:30 Uhr einen sehr erholsamen Schlaf. Eigentlich hat mich nur die lange Welle geweckt, die am morgen einsetzte und mich im Bett herumgeworfen hat 😉

Wir haben einen Meilenstein geschafft! Es sind unter 1000 Meilen. Naja, um ehrlich zu sein sind es jetzt nur noch 996 Meilen – aber eben unter 1000. Zur Belohung gibt es vor dem Frühstück und vor dem Kaffee ein Glas Amaz-In Céme Schokolikör aus Grenada. Das Zeug ist aber auch lecker!

Aber nicht zu viel des Guten 🙂 Darum gibt es als nächtes einen Kaffee und danach beginnt der Bordalltag. So starte ich nach dem Abwaschen gleich mit einem Bohnensalat. Nebenbei müssen wir wieder mal an den Windpiloten, denn das Strömungsruder ist wegen der Unmengen an Seegras wieder mal verdrückt. Da es sinnlos ist, jedes mal eine neue Scherschraube einzubauen, drücken wir das Teil einfach wieder in seine Position und lassen es gut sein. Die Klemmung ist schon recht straff, zu straff für Max zum geraderücken, aber so ist es alle mal besser, als einen Schaden an der Anlage zu riskieren.

Ich hatte die Tage vorher schon mal so nebenbei unseren Schaden am Vorsegel erwähnt, aber es nie auf Video gebannt. Das möchte ich hiermit nachholen:

Es sieht schlimmer aus, als es ist, denn es scheint nur der blaue UV-Schutzstreifen zerissen zu sein. Der einzige Nachteil ist nun, daß ich das Achterliek des Segels nicht mehr trimmen kann, da in dem Streifen die Trimmleine läuft. Wahrscheinlich ist der Stoff durch die lange UV Einstrahlung einfach zu spröde geworden, was man gut an dem Kontrast zum verdeckten Teil sehen kann.

Selene fährt den restlichen Tag hoch am Wind dahin. Es ist recht schwachwindig, aber leider steht noch eine recht hohe lange Welle. Zum Abendessen gigts eine zünftige Brotzeit und dann gehts für mich gegen 22 Uhr ins Bett.

Etmal: 106 Meilen

Sonntag 23.05.2021

Ich wache gegen 7 Uhr auf, die Sonne scheint zum Luk hinein und Selene dümpelt bei wenig Welle und Wind langsam durch die See. Ich erschrecke mich kurz, weil ich im ersten Moment denke, daß Max mich nicht geweckt hat, weil er über Bord gefallen sein könnte. Dem ist aber nicht so. Er liegt im Salon auf der Couch und schläft tief und fest. Ich schaue noch nicht mal, ob draußen etwas los ist oder wo Selene genau hinfährt und gehe wieder ins Bett. Vom Gefühl her fahren wir vielleicht 2 Knoten. Selbst wenn wir jetzt für 2 Stunden in die falsche Richtung fahren würden, währen das gerade mal 4 Meilen. Bei einer Reststrecke von gut 950 Meilen macht der Umweg das Kraut auch nicht mehr fett.

Es ist sowieso interessant, vor allem wenn man in diversen Segel-Foren liest, wie „ernsthaft“ die Lage sein soll. Da muß immer einer Spalier stehen und Ausguck halten. Dann gibts einen fast schon millitärischen Wachwechsel und bla bla bla. Nach über 2 Wochen segelnd auf See, ist es bei uns gerade anders herum. Wir machen die Wachen flexibel und wenn es im Cockpit zu naß/kalt ist, sitzen wir stundenlang unter Deck. Auf dem Plotter sieht man hin und wieder ein AIS Ziel, was aber meist im 5+ Meilen Abstand vorbei zieht. Gerade nachts, würde man einen schlafenden Wal oder treibenden Container sowieso nicht sehen.

Wir fahren seit Wochen nun mehr oder minder in die selbe Richtung. Auf dem Globus sieht der Atlantik nicht sehr groß aus. Auch das Argument, daß die Karten durch die Mertacor Projektion zu den Polen gestreckt sind, ist recht irrelevant. Der Atlantik ist und bleibt verdammt groß, vor allem wenn man täglich die endlose Wasserfläche um sich sieht, ist das schon sehr beeindruckend. Wir sind im Prinzip näher an der ISS, als an jeder Landmasse.

Ich denke mal der Vergleich mit den Umrissen von Deutschland im Bild zeigt ganz gut, wie weit die Entfernungen so sind 😉

So viel zu den schon fast philosophischen Gedanken an diesem Morgen. Max hatte die Genua ein Stück offen gelassen, wodurch Herbert das Boot einigermasen gleich zur Welle halten konnte. Obwohl die Wassertemperatur nur noch 21 °C beträgt, wäre uns nach einem Bad im Atlantik. Damit kommen wir gleich zum nächsten Grubenhund über den Atlantik. Vermutlich haben viele Menschen Angst vor der Wassertiefe, was noch irgendwie verständlich sein könnte. Wobei auch nicht wirklich, denn es würden sicher auch nur 2 Meter reichen, um erfolgreich zu ertrinken. Was man aber oft hört, ist die Angst vor Haien und großen Räubern, die einem dann im Blutrausch Arme und Beine ausreißen. Danke Hollywood! Was uns letztendlich vom Gang ins Wasser abhält sind die ständig vorbei ziehenden portugiesischen Galeeren. Das ist so eine Art schimmende Qualle, die sich mit einem bläulich bunt schimmernden Segel fortbewegt. Diese Qualle zieht unter Wasser lange Tentakel hinter sich her. Das Neurotoxin in den Nesselzellen ist, im Gegensatz zur Ostsee-Feuerqualle, jedoch deutlich wirkungsvoller und kann bei ausreichendem Kontakt einen Menschen töten.

Wir trinken unseren Kaffee und sinnieren etwas übers Wasser, die Tiere und das Angeln, als auf ein mal ein bläulich schimmernder Fisch auftaucht. Es ist tatsächlich eine Goldmakrele, die ihre Kreise ums Schiff zieht. Wir präparieren natürlich sofort die Angel mit einem fliegenden Fisch, der noch in unserer Kühltruhe vor sich hinverwest, und das Tier ist auch sichtlich interessiert. Leider hatte die Makrele wohl schon Frühstück und beißt nicht an. Das mag ich irgendwie am Angeln: Man gibt dem Fisch eine Chance 😉

Etmal: 56 Meilen

Montag 24.05.2021

Ach, ist segeln schön. Der Wind ist die ganze Nacht, mit um die 5 kn stark genug, um Selene mit vollem Groß und Genua dahin segeln zu lassen. Dazu ist der Seegang sehr schwach. Ich stehe gegen 4 Uhr auf, nicht weil mich Max weckt, sondern weil ich nicht mehr schlafen kann.

Über den Morgen nimmt der Wind langsam, aber beständig zu. Bei guten 16 kn binden wir das erste Reff ins Groß. Da Selene auf Raumwindkurs läuft, komm der meiste Zug sowieso aus der großen Genua. Dann dreht der Wind langsam und wir faheren immer mehr Richtung Süd. Um noch mehr auf Vorwindkurs zu gehen, muß das Groß runter, da sonst die Genua ständig einfällt. Ich denke mir so, daß es sowieso eine gute Idee ist, da für den Nachmittag gute 25 kn angesagt sind. Und so ist es auch! eine halbe Stunde später dreht der Wind auf gute 35 kn auf und es beginnt in Strömen zu regnen. Glücklicherweise hatte ich das Vorsegel schon Stück für Stück verkleinert. Trotzdem stehen gut 7,8 kn auf der Logge und Selene beginnt unruhig zu werden. Also verkleinere ich das Vorsegel noch weiter, bis das Boot etwa 6 kn in den Böen läuft.

So geht es durch den ganzen Tag. Es ist recht frisch geworden, aber Selene läuft mit raumen Wind Meile für Meile. Auf eine konstante Richtung kann er sich nicht entscheiden, was man an unserer Kurslinie sieht. Wir haben den Windpiloten auf dem Stück vielleicht 2 .. 3 mal leicht nachgestellt. Den Rest ist Selene vor dem Wind davongefahren.

Gegen abend lade ich den Wetterbericht herunter und es bricht die helle „Freude“ aus. Ab morgen Abend soll es wieder Nord-Ost Wind werden. Wenn ich eins auf der Überfahrt gelernt habe, dann ist es Am-Wind Kurse zu hassen. Das Boot liegt schief und stampft von Welle zu Welle. Wenns nur mal ein paar Stunden wären, würde mich das ja nicht jucken. Aber hier geht das immer mindestend 2 bis 3 Tage so…

Etmal: 110 Meilen

Dienstag 25.05.2021

Die letzte Nacht war wieder super. Es hat ein achterlicher Schwell eingesetzt, der das Boot etwas rollen lässt. Dafür ist es angenehm warm und Neptun lädt uns ein, den Guten-Morgen Kaffee im Cockpit zu trinken. Irgendwie hoffe ich inständig, daß der Wetterbericht sich irrt und kein Nord-Ost kommen wird. Leider war die Vorhersage via GRIB in den letzten Tagen sehr genau und damit wird wohl auch das stimmen.

Der Wind ist sehr schwach und kommt dazu noch fast genau von der Seite. Wir setzen also alles, was wir haben und Selene fährt genau 70°, Kurs Azoren

Wie man im Bild sieht, ist damit genau 13 Uhr Schluß und die Am-Wind-Scheiße beginnt. Laut Vorhersage soll es nun ganze 2 Tage Gegenwind geben …

Erstaunlicherweise baut sich die ersten 9 Stunden praktisch keine Welle auf und wir fahren so hoch es geht am Wind, der mit etwa 15 kn weht. Leider ist es damit etwa 21 Uhr vorbei und Selene beginnt vom Welle zu Welle zu stampfen. Da mir das schon nach 10 Minuten auf den Kranz geht, falle ich gute 15° ab. Die Segel sind beide schon im ersten Reff – das müsste also passen.

Etmal: 122 Meilen

Mittwoch 26.05.2021

Die Nacht geht so dahin und ich döse so vor mich hin. Der Wind beginnt böiger zu werden und langsam zuzunehmen. Also erst mal das Vorsegel kleiner machen. Ich überlege kurz, ob ich das Groß ins zweite Reff nehme, als es beginnt in Strömen zu regnen. Ich bin zu dem Moment noch so müde, daß mir die Fahrt im Boot herzlich egal ist und somit berge ich das Groß und falle noch mal ein Stück ab. Unter Deck wecke ich Max und gehe ins Bett.

Ich versuche so lange es geht im Bett zu bleiben, damit der Rest des Tages kürzer wird. Eigentlich wollte ich noch gern etwas Backen, aber ich entscheide für mich: „Bei Am-Wind bleibt die Küche zu!“. Man kann nirgends etwas abstellen – nicht mal kurz. Alles was irgendwie vorbei gekleckert ist, wird durch das Rollen des Bootes überall gleichverteilt. Dazu wird man in der Küche ständig hin- und hergeworfen.

Max versucht es irgendwann mit einer Wende. Naja, das Boot lief vorher eh schon nicht sehr hoch am Wind, wodurch wir nun eher zurückfahren, als uns den Azoren zu nähern.

Man könnte das Boot auch höher am Wind segeln, aber wir rasten schon jetzt regelmäßig in irgend eine Welle ein. Je höher man an den Wind geht, desto schlimmer wird es mit dem gestampfe. Um ganz ehrlich zu sein, überlege ich für die Gegenwind-Zeit einfach ins Beiliegen zu gehen und das Boot zurücktreiben zu lassen.

So eiert Selene durch den Tag, ohne sich wirklich dem Ziel zu nähern. Wir hoffen, daß der Wind bald dreht und sich ein segelbarer Kurs einstellt. Dafür wird die Nacht wieder sehr entspannt. Ich gehe schon 20 Uhr ins Bett und Max macht bald das gleiche. Der Wind ist auf gut 6 kn zurück gegangen und wir machen kaum noch Fahrt…

Etmal: 102 Meilen

Donnerstag 27.05.2021

Max ist ab etwa 6:30 wach und stellt fest, daß das Boot für die letzten Stunden in einer Art Beiliegen dahintreibt. Im Prinzip ist das auch egal, denn bei 5 kn Wind sind wir nur wenige Meilen zurück getrieben. Dann versucht er das Boot auf irgend eine Art Kurs zu bekommen, aber der Wind ist einfach zu schwach.

Ehm? Wohin denn nur??

Wir trinken erst mal einen Kaffee und entscheiden dann per Maschine ein paar Meilen Richtung Ziel zu fahren. Neben dem Vortrieb möchten wir auch gern mal etwas warmes Wasser im Boiler und der Perkins will auch mal wieder ein paar Stunden laufen.

Nun ist Zeit für Bordalltag! Endlich mal wieder, ohne sich überall krampfhaft festhalten zu müssen. Ich starte gleich mit einem Brot und Max mit der „Spaßpumpe“. Das ist unsere kleine fliegende Impellerpumpe, die zum Deck waschen, Cockpit waschen, Bilge auspumpen etc. gedacht ist. Natürlich eignet ich das Teil auch super für eine Salzwasserdusche an Deck. Leider lag die Pumpe die letzen Tage draußen, was den Lagern nicht besonders gut getan hat. Mit viel Rostlöser ist das Teil aber schnell wieder fit gemacht und die Duschaktion kann fortgeführt werden. Sie hatte natürlich den Dienst verweigert, nachdem Max sich eingeseift hatte. Note to Self: Auf den Azoren neue Lager kaufen…

Nach Max genehmige ich mir eine lange Dusche. Das Wasser hat angenehme 21 °C, die Luft vielleicht 20 °C. Max findet es kühl, ich auch. Aber um ganz ehrlich zu sein ist dies genau das, was ich in der Karibik mehr und mehr vermisst habe. Dort herrscht eine dauerhafte Affenhitze und man fängt an zu schwitzen, egal was man macht. Schon in der Nacht war mir der Unterschied aufgefallen. Mit meiner dünnen Decke, war es schon etwas frisch. Also hab ich mir die zweite Decke geschnappt. dann liegt man so im Bett und atmet die frische Briese. Manomann – wie habe ich das vermisst. Ich freue mich jetzt schon auf mein Haus, wenns draußen richtig kalt ist und man im Kamin ein knisterndes Holzfeuer entfacht und die geborgene Wärme spürt.

Bis dahin wird es wohl leider noch etwas dauern, aber meine Vorfreude ist sehr groß. Ich hatte die Tage vorher meine uralte Jack Wolfskin Hose aus dem Schrank geholt. Das Ding ist so alt, wie ich segle und ich liebe diese Hose. Beim Anziehen gehts kurz „ratsch“ und ein Loch ist drinn. Der Stoff ist am Bein mal mit irgendwas in Kontakt gekommen, was ihm nicht gut getan hat. Also rann an die Nähmaschine und einen Großen Flicken innen eingenäht. Die „Reparatur“ gewinnt keinen Preis, ist aber zweckmäßig. Als Max mich so mit meiner Nähmaschine sieht, bekomme ich gleich noch seine kurzen Hosen. Da hat die Naht vom Reißverschluß aufgegeben *hust* 😉 Also wandert das Teil auch noch gleich durch die Maschine.

Leider will das Brot noch nicht wirklich aufgehen, worauf erst mal die Pflicht folgt: Blogbeitrag schreiben. Ich finde es manchmal etwas nervig das zu tun, vor allem, wenn wenig passiert ist. Aber man muß sowas wirklich täglich tun. Wenn das Boot so dahin segelt, dann verschmelzen die Stunden und Tage. Man kann sich kaum noch daran erinnern, ob dies und jenes vor einem Tag, drei Tagen oder gar einer Woche passiert ist. Völlig verrückt…

Etmal: 73 Meilen

Freitag 28.05.2021

Max ist am Vortag schon 19 Uhr ins Bett gegangen. Er ist halt auch nicht mehr der Jüngste 😉 Mir ist es etwas suspekt, denn der Wind weht mit um die 5 kn. Dafür haben wir alles gesetzt, was wir haben. Es wäre nicht das erste mal, daß uns mitten in der finsteren Nacht irgend so eine Unwetterzelle trifft, also beschließe ich wach zu bleiben und packe meine Festplatte mit Filmen aus. Was da für Streifen drauf sind! „Universal Solidier“, „Contact“ und danach läuft „The Fly“. Dann ist es kurz nach 24 Uhr und ich bin müde. Man könnte jetzt Max wecken. Man könnte das Boot auch auf gut Glück so weiter segeln lassen, denn wirklich schnell sind wir mit unseren 2 .. 3 kn nun auch nicht. Ich entschließe mich die Segel einzupacken und Selene für die nächsten Stunden treiben zu lassen. Laut GPS treiben wir mit 0,3 .. 0,5 kn Richtung Süd-West. Auch gut – dann lieber besser schlafen.

Gegen 8 Uhr ist die Nacht vorbei und ich setze sofort die Segel. Wir sind gerade mal 5 Meilen zurück getrieben, hatten dafür aber einen super Schlaf.

Die See ist wie ein Ententeich und überall glitzert es. Das sind aber keine Wellen, sondern tausende portugiesische Galeeren. Eigentlich hatte ich ja an ein erfrischendes Bad im gut 5 km tiefen und 21 °C warmen Atlantik gedacht. Das wird wohl nix…

Nagut, dann eben nicht. Es gibt ja auch noch andere Dinge, die zu erledigen sind. Zum Beispiel die Bordtoilette. Ich hatte schon in den Tagen vorher bemerkt, daß es sich recht schwer pumpen ließ, bzw. der Tank wie aufgebläht wirkte. Ich konnte mir allerdings keinen richtigen Reim darauf machen und dachte, daß wohl irgendwas in den Schläuchen sitzt. Ich bin also so am pumpen und Rohr Frei (Natronlauge) einfüllen, als Max mir auf einmal sagt, daß es an der Bordwand „plätschert“. Das ist ein sehr schlechtes Zeichen, denn dann muß der Tank voll sein und alles durch den 19 mm Überlauf gehen. Zu dem füllt man den Tank mit jedem Gang mehr mit Feststoffen, was das Problem immer schlimmer macht. Die See lässt einen Tauchgang zu .. aber mit den vielen Quallen? Ich ziehe mir meinen Neo über und springe mit Pömpel bewaffnet ins Wasser…

Ich versuche etwa 10 Minuten lang dem Tank seinen Inhalt zu entlocken, leider ohne Erfolg. Nach jedem Tauchen, geht der Blick nach vorn, ob nicht so eine blöde Qualle zu nahe kommt. Es muß eine andere Lösung her…

Der nächste Versuch ist die „Spaßpumpe“. Das ist eine Seewasserpumpe mit Impeller, die über einen normalen Zigarettenanzünderstecker verfügt. Wie schon geschrieben, ist das das Ding super zum Deck waschen, Duschen, etc. Ein weiterer Vorteil ist, daß der Schlauch genau in den Auslaß vom Fäkalientank außenbords passt und man damit den Tank rückspülen kann.

Das klappt auch super. Die Pumpe ist so stark, daß die Scheixxe als brauner Strahl zum Überlauf herauskommt. Auch wenn ich das fast auf den Kopf bekommen hätte, bedeutet dies, daß der Auslaß wohl frei sein muß.

Ich muß während der Aktion, die eine gute Stunde dauert, mehrmals aus dem Wasser flüchten. Ich habe keine Flossen an und Selene macht gut 0,6 kn Fahrt. Damit will ich nicht vom Boot wegschwimmen. Der Neo ist zwar gut gegen Unterkühlung und bedeckt einen Großteil meines Körpers, aber mit so einer Giftqualle will ich mich nicht anlegen.

Irgendwann entscheiden wir, daß der Tank jetzt sauber ist und ich nehme eine Dusche. Dann noch den Rest Natronlauge in den Tank gepumpt und auf zum Scheixxe Downer 😉 (Pina Colada).

Es war nur einer! Die Seeschwalbe ist unser Zeuge!

Etmal: 53 Meilen

Samstag 29.05.2021

Am Etmal des letzten Tages sieht man, wie schwachwindig es war. Zwar ist Selene über Nacht noch mal mit etwa 6 kn dahingetrieben worden, aber am Morgen ist es mit dem Wind dann mehr oder weniger vorbei. Immerhin ist noch etwas Wind und wir bewegen uns konstant mit 2..3 kn vorwärts. Leider ist gegen Nachmittag auch damit Schluß und der Wind schläft völlig ein.

Nach einer Stunde klappernden Segeln, bergen wir erst das Vorsegel und später das Groß. Neben ein paar Dephinen ziehen 2 Tankschiffe an uns vorbei.

Wir lassen das Boot über Nacht einfach treiben und wollen am nächsten Tag eine Entscheidung üder den Kurs treffen.

Etmal: 69 Meilen

Sonntag 30.05.2021

Selene ist über Nacht gut 5 Meilen nach Osten getrieben und von Wind ist weit und breit noch keine Spur. Auch der Wetterbericht sagt weiter Flaute östlich von uns vorraus. Dazu erricht das Barometer mit gut 1034 mBar ein Rekordhoch.

Die Grafik zeigt den Druckverlauf seit Abfahrt. Die kleinen Wellen sind die Tag- udn Nachtzyklen. Anfangs sieht man, wie wir auf das Hoch zufahren, was wir eigentlich nördlich umfahren wollten. Dann hat sich das Hoch aufgelöst und der Druck geht in den Keller. Das ist unser erster Sturm, den wir noch vor Top und Takel abgelaufen haben. Dann geht das Barometer wieder kurz nach oben und der zweite Sturm rückte an. Dieser war zwar nicht so heftig, aber wir haben ihn trotzdem einfach abgewettert. Seit dem steigt und steigt der Druck.

Mit der Vorhersage entscheiden wir uns mal kurz nach dem Ölstand vom Perkins zu schauen und direkt nach Norden zu fahren. Dort soll der Wind erst aus Süd-West wehen und dann auf Nord drehen. Also macht es Sinn soweit es geht nach Norden zu fahren, auch wenn es ein paar Liter Diesel kostet. Ich schaue immer auf die Uhr, wenn wir die Maschine anwerfen. Im Moment liegen wir bei etwa 10 Stunden auf gut 2350 Meilen. Nicht schlecht, oder? Wir fahren meist bei 1300 Umdrehungen, was Selene etwa 4 kn durchs Wasser fahren lässt und etwa 2 Liter pro Stunde verbraucht.

So tuckern wir Meile für Meile nach Norden. Immer wieder begleiten und Delphine. Einfach schööön 😉 Der Hochdruckkessel scheint nicht sehr groß zu sein. Vermutlich müssen wir nur 20 bis 30 Meilen unter Maschine fahren, um aus der gröbsten Flaute zu kommen. Denn ab 4 kn Wind läuft Selene unter Segeln. Das ist halt der große Vorteil eines leichten Bootes.

Der eine Delphin macht sogar unter Wasser einen „Kondenssteifen“ 😉

Etmal: 50 Meilen

Montag 31.05.2021

Die gut 40 Meilen, die wir am Vortag gen Norden per Maschine gefahren sind, zahlen sich nun aus. Schon am letzten Abend setzte ein Hauch eines Nord-West Windes ein, der Selene auf gut 3 kn beschleunigt hat. Gegen 2 Uhr wurde der Himmel wolkig und es setzte leicher Regen ein. Dazu gab es Wind mit gut 10 kn aus Nord-West. Der Ganze Tag ist grau und kühl. Der Wind dreht langsam über Nord und Nord-Ost und nimmt beständig zu. Erst 10 kn, dann 15 kn dann 20 kn.

Wir fahren die ganze Zeit so hoch es geht am Wind, was ganz gut funktioniert. Leider kommt dann gegen 16 Uhr die hohe lange Dünung dazu und lässt Selene von Welle zu Welle hüpfen. Habe ich schon mal erwähnt, daß mir solche Kurse auf den Zeiger gehen? Da ist es gut, daß ich vor den großen Wellen noch schnell etwas gebacken habe, was entfernt an Baguette erinnert.

Der Tag war so ereignislos, daß es eigentlich nur das „Guten Morgen Wort“ auf Video gibt und zum Ende des Tages einen Rundschwenk unter Generator. Durch den flauen Wind am Vortag und die vielen Wolken mussten die Akkus etwas geladen werden.

Dafür ist unser Etmal diesmal wieder ganz gut! Immerhin 117 Meilen. Und diesmal auch Richtung Azoren. Kaum zu glauben, oder?

Dienstag 01.06.2021

Wie vorhergesagt dreht der Wind am Vortag ganz langsam über Nord nach Nord-West. Meine Freude war schon zu diesem Zeitpunkt ungebrochen. Über Nacht kam dann die passende Welle hinzu und Selene fing das Hüpfen an. In der Bugkabine schlafen war völlig unmöglich und im Salon … Ich sage mal „Naja“. Um es kurz zu machen war die Nacht einfach nur ein Grauß. Gegen 4 Uhr habe ich dann das zweite Reff eingebunden. Die Windvorhersage in Hinsicht auf die Richtung passte ganz gut, die Windstärke leider nicht. Aus den vorhergesagten 16 kn wurden 25 kn.

Um nicht zu weit nach Süden abzulaufen, fahre ich gegen 8 Uhr eine Wende.

Durch die hohe Dünung liegt der Wendewinkel bei etwa 130°. Damit entfernen wir uns nun wieder von den Azoren, aber ab Donnerstag – also in 2 Tagen – soll der Wind im Norden günstiger stehen, als im Süden. Mir persönlich kommt es so vor, als wäre es mittlerweile völlig egal, wo wir hinfahren. Es zieht ein Hochdruck nach dem anderen über den Nordatlantik, was die so gelobte „Westwind-Zone“ zu einer Ost-Nord-Ost Windzone macht. Es gibt mal ein-zwei Tage, an denen man gescheit segeln kann und den Rest kämpft man sich Meile für Meile irgendwie Richtung Ziel.

Das Boot hat durch die Reffs eine leichte Lage, die ja eigentlich nicht schlimm ist. Jedoch treffen unentwegt hohe Brecher den Bug, ständig geht Wasser über und das Boot legt sich, wenn mal wieder so ein „Oschi“ drunter durch geht. So geht es Non-Stop – Stunde für Stunde, Tag für Tag. Selbst jede noch so gut verstaute Sache kommt irgendwann mal geflogen. Man kann nirgends etwas abstellen, ohne das es umfällt – selbst nicht mal in der Spüle. Zumindest an meinen Nerven zerrt das schon sehr.

Etmal: 98 Meilen

Mittwoch 02.06.2021

Das Hoch kommt und damit auch die Flaute. Nach dem Am-Wind-gehacke ist das einfach nur traumhaft. Wir bewegen uns zwar nicht Richtung Ziel, aber das ist egal. Endlich mal etwas Ruhe im Boot. Endlich mal wieder Zeit für ein normales Frühstück.

Das Einzige, was noch etwas nervt, ist die „Restwelle“ von gestern.

Da ist halt immer die Frage: Was macht man? Entweder man eiert mit schlagenden Segeln ducht die Nacht und bekommt wegen des Lärms kein Auge zu, oder man holt alle Segel ein und lässt das Boot treiben. Das hat allerdings auch einen entscheidenden Nachteil, denn dann stellt sich der Rumpf immer quer zur Welle und es schaukelt. Also nicht nur so ein bisschen, sondern so, daß man im Bett hin und her rollt. Damit ist es auch schwierig mit dem Schlafen.

Da ich auch schlafen will, entscheide ich mich für Variante „B“. Mich plagen die ganze Nacht Kopfschmerzen. Es kommt mir fast so vor, als würde ich krank werden. Nach einer Weile greife ich zum Sanikasten und nehme eine Aspririn, die sehr gut wirkt. Als wir nach gut 7 Stunden im Cockpit sitzen, haben wir uns immerhin genau eine Meile Richtung Ziel bewegt. In 7 Stunden 😉

Es gibt allerdings auch eine gute Nachricht. Mit dem Hauch von Wind segelt Selene hoch Am-Wind dahin. Mit Hauch meine ich etwa 3 .. 4 kn, aus denen 2 .. 3 kn Fahrt generiert werden. Damit haben wir an Bord etwa 6 kn Wind, was für den Windpiloten gerade so ausreicht. So lange das Boot also nicht aus dem Ruder läuft und der Fahrtwind an Deck abnimmt, sollten wir den Kurs halten.

Etmal: 59 Meilen

Donnerstag 03.06.2021

Über Nacht dreht der Wind ganz langsam. Von Am-Wind auf Halbwind und später am Morgen sogar leicht Raum. Bei etwa 6 kn Windgeschwindigkeit steht dazu kaum eine Welle und aus meiner Kabine ruft der Spinaker förmlich: „Hisse mich! Hisse mich! Ich bin doch auch noch da!“. Perfekt um mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Mit den ersten Sonnenstrahlen backe ich erst mal fix ein Brot und nach dem Guten Morgen Kaffee bereiten wir Selene für den Spi vor. Die meisten Leinen dafür liegen sowieso noch an Deck.

Bevor der Spi aber hoch geht, nehmen wie die Genua vom Vorstag. Die Bedingungen sind perfekt, um sich mal ums Achterliek zu kümmern. Dann ist es aber soweit und der Spi macht „plopp“. Der Wind liegt immer so zwischen 6 und 10 kn, wodurch Selene nun gute 4 bis 6 kn Fahrt macht. Leider ist das zu wenig für den Windpiloten und mein Arduino Autopilot kommt zum Einsatz. Da wir das Teil bis jetzt nur unter Maschine benutzt haben, sind die Regelparameter sehr stiefmütterlich eingestellt. Glücklicherweise hatte ich mir in der vorherigen Nacht mal ein Stündchen Zeit genommen, um die perfekten PID-Werte für den flauen Wind zu finden.

Als das Boot dann irgendwann mal von alleine fuhr, kam die 50 € Singer Nähmaschine zum Einsatz. So richtig sicher war ich mir nicht, ob das leichte Gerät den festen Stoff Nähen kann. Ich sage mal so: Es macht keinen Spaß und es geht auch nur Vollgas, aber es geht. So sitze ich Stunde um Stunde auf dem Vordeck und nähe Naht für Naht am Acherliek der Genua.

Natürlich brechen wir auch gleich wieder Regel Nummer 2: Segle nie nachts mit Spinaker, aber der Wind steht so gut, daß wir ihn unbedingt noch nutzen wollen. Wir ömmeln nun schon so lange entweder in einer Flaute oder bei Gegenwind herum, da macht es richtig Spaß zu sehen, wie die Meilen jetzt purzeln!

Etmal: 67 Meilen

Freitag 04.06.2021

Ich wecke Max gegen 3 Uhr und gehe ins Bett. Es steht kaum Welle und der Wind ist sehr stabil bei etwa 8 kn. Gegen vielleicht um 6 Uhr klopft es an meiner Luke und ich sehe Max, wie er den Spi hält. Er meinte er sei „herunter gerutscht“ und das Unterliek hätte sich unter dem Anker verfangen. Der Spi ist wirklich sehr niedrig. Nach meiner Schätzung etwa 3 Meter. Naja – dem Unterliek ist das egal, denn es ist schon über gut 1,5 Meter aufgerissen. Deshalb steht Max da und hält den Spi. Er will verhindern, daß sich das Liek wieder im Anker verfängt.

Ich schaue nach oben und sehe sofort den Salat. Die Umlenkrolle im Masttop ist wohl gebrochen und nun ist der Umlenkpunkt des Falls der Austritt am Mast. Dieser liegt gute 1,5 Meter unterhalb der Rolle. Wir bekommen den Spi zwar geborgen, aber nicht herunter geholt. Irgendwie klemmt das Fall oben im Mast. An eine Kletterpartie ist nicht zu denken – dazu rollt das Boot viel zu stark. Ich möchte aber auch keinesfalls, daß das Fall durch scheuert und im Mast verschwindet. Jeder er schon mal ein Fall in einen stehenden Mast eingezogen hat, wird wissen was ich damit meine.

Ich hänge den Snatchblock zum Ausbaumen ins Großfall und befestige eine Trippleine daran. Damit sollte ich den Block irgendwie unter das Spifall bekommen und anheben können. Das funktionierte viel besser als gedacht. Durch eine Welle fliegt der Block im Top durch die Luft und wird genau zwischen Mast und Spifall geschleudert. In dem Moment ziehe ich am Großfall und schwupp – das Spifall ist frei! Damit bekommen wir zumindest erst mal den Spinaker herunter, der die ganze Zeit wie ein Lämmerschwanz in seiner Bergehülle herumschlägt. Wir befestigen eine Trippleine am Spifall und ziehen es wieder ins Topp. Das Fall hat an einer Stelle schon einen Schmiß bekommen – darum muß ich mich mal kümmern, wenn das Boot nicht so sehr rollt und man gefahrlos in den Mast klettern kann. Ich freue mich, daß wir uns so schnell darum gekümmert haben, denn es wäre sicher nur eine Frage der Zeit gewesen, bis das Fall durch ist.

Etmal: 107 Meilen

Samstag 05.06.2021

Das Highlight des Tages ist das 100 Meilen-Bier 😉 Neptun ist uns endlich wohl gesonnen und schiebt Selene mit 4 bis 6 kn und raumen Wind Richtung Azoren. Dazu muss man aber auch bemerken, dass die bestimmt 2 kn Strömung uns kräftig unterstützt haben, dieser Tage gute Etmale zu erreichen.

Das Wetter ist super, leicht bewölkt mit viel Sonne und durch den Kurs mit Rückenwind sehr angenehm.

Max hatte am Vortag lecker Humus gemacht, den wir mit selbst gebackenen Brot versprachteln. Aber es wird echt Zeit langsam anzukommen. Die Auswertung zeigt, daß wir wahrscheinlich an der 3000 Meilen Marke kratzen werden, wohlgemerkt für einen Schlag von etwa 2200 Meilen (direkte Strecke), oder 2400 Meilen, wenn man den Bogen über die Nordroute mit einkalkuliert.

Wir merken die 30 Tage allerdings vor Allem am Proviant. Es gibt noch eine Zwiebel und eine Knoblauchknolle. Diese werden zu einem Bohnensalat verarbeitet, in den auch unsere vorletzte Packung Speck wandert.

So purzelt Meile für Meile und siehe da: Wir werden bei Tag ankommen! Verrückt.

Sonntag 06.06.2021

Ich sitze bis etwa 4 Uhr morgens an 2 Laptops und mache Sicherungskopien. Im Hafen muß ich so schnell es geht, das gut 3 stündige Video zum Rechnen anwerfen. So wecke ich Max gegen 4 Uhr und gehe ins Bett. Ich muß mich mit dem Schlafen beeilen, denn auf dem Navi stehen nur noch etwa 50 Meilen. Nicht das wir beide pennen und Selene gegen die Insel donnert 😉

Ich werde gegen 11 Uhr wach und Max rennt übers Deck, wie von der Terantel gestochen. „Ei, ei Käptn, muss dringende Meldung machen, es ist ein Eiland in Sicht!“ … und es wird größer! Noch 15 Meilen und wir sind da, in Horta.

Als erste Handlung nehme ich mein Tablett aus dem Flugmodus. Ein Blick in die Mails zeigt: 2600 Stück, die über mehrere Minuten sortiert werden. Zum Schluß bleiben etwa 40 Mails übrig, die ich per Hand sortieren muß.

Ich lese kurz durch die Notifikationen über die Kommentare bei YouTube und dem Blog. Ich hatte den letzten Beitrag so kurzfristig vor unserer Abfahrt online geschaltet, daß ich keine Zeit/Internet mehr hatte, um diese zu lesen. Allerdings entscheide ich mich, mich erst später darum zu kümmern. Wichtiger ist erst mal der endlose Beitrag der Überfahrt, die Fotos und das Video.

Nun sitze ich im Cockpit, während Selene direkt auf die Küste zuhält. Die Landschaft wird immer grüner, man erkennt immer mehr Gebäude, ja sogar den Hafen sieht man schon. Ich hatte kurz darüber nachgedacht die Corona Reglungen von den Azoren heraus zu suchen, lasse es jedoch. wenn mich jemand fragt, sage ich einfach, daß ich die letzten 30 Tage kein Netz hatte 😉

(Der Autor wechselt) Ich hatte die Einreisebedingungen recherchiert, sobald wir Mobilfunkempfang hatten, schließlich möchte ich gern heim und meine Liebsten knuddeln, außerdem nähert sich das Ende, der mir zur Verfügung stehenden Zeit. Kurzum, online war zu lesen, Freizeitboote mit einer Reisedauer von mehr als 14 Tagen, könnten ohne Test und Quarantäne festmachen.

Während Martin sich vor dem Einlaufen in den Hafen sortiert, um die Fender und Festmacher zum Anlegen vorzubereiten, halte ich Selene auf Kurs und umschiffe den kleinen gewaltigen Krater an der Küste vor der Mole. Einige Dinge, die wir nun wochenlang gebraucht haben, sind nun nicht mehr nötig, nachdem wir auf See schon Flaggen gesetzt und die Angel eingeholt haben, darf Herbert nun zurück in seine Ruheposition, die Windfahne wird sicher unter Deck verstaut. Müllsäcke und Spaßpumpe müssen aus dem Cockpit weichen, auch Kanister und andere Gegenstände werden aus dem Weg geräumt und verstaut.

Kanal 11 ist eingestellt, laut Seekarte sollten wir uns damit anmelden können. Wir nähern uns den beiden Moleköpfen mit den Leuchtfeuern auf weißen Gittermasten. Ich stehe auf dem Vordeck, Martin an Steuer und Maschine, sieht erst etwas später, was sich mir schon zu erkennen gibt, das gesamte Hafenbecken vor dem Yachthafen gleicht einem dichten Ankerfeld, die meisten Segelboote haben noch Flagge Q gesetzt. Ein unbequemer Gedanke drängt sich uns auf, um kurz darauf auf nun Kanal 9 von der Marina bestätigt zu werden.

Ein Anlegen wird uns untersagt, wir müssen ebenfalls vor Anker gehen und das Prozedere abwarten, man würde unsere Anmeldung morgen vom Boot aus annehmen und das Health Department macht Termine für den obligatorischen PCR-Test. Unser Groll über diese „No exceptions“-Politik liegt auf der Hand, schließlich waren wir 2x-Quarantäne-unterwegs und unsere Vorräte sind nun am Ende. Zudem hatte ich Martin ein Abendessen in einem Lokal in Aussicht gestellt, sofern wir bis heute Abend ankommen. Nicht als Ansporn, eher als Abschluss für die letzten ausgesprochen schönen Tage auf See.

Ach Menno .. Ab Tag 5 ist die Tonspur im Video im Eimer 🙁

17 Antworten auf „Überfahrt St. Maarten zu den Azoren: 3000 Meilen in 32 Tagen…“

  1. Moin Martin,
    vielen Dank für die Hilfe beim Anleger in Brunsbüttel.
    Noch mehr Dank für den überaus interessanten und unterhaltsamen Abend bei Bier & Döner.
    Viel Spaß, Freude & erfolg bei all deinen weiteren Touren. Es würde mich freuen, wenn wir uns nocheinmal zufällig in irgend einem Hafen dieser welt begegnen würden.
    Gruß Marcus

  2. Hallo ihr Zwei, herzlichen Glückwunsch zur gelungenen Überfahrt und dir lieber Martin alles Gute und recht viel Gesundheit zu deinem heutigen Geburtstag. Das wünschen dir von ganzem Herzen deine Freunde Johannes und Rosemarie. Langsam haben auch wir Sehnsucht auf ein Wiedersehen und ein gemeinsames Bierchen.

  3. „Einfach nur irre!“ Deine Worte Martin und du hast recht .
    Vielen Dank für die atemberaubende Überfahrt. Wir waren mit Herz und Seele dabei.
    Ganz liebe Grüße von Christel und Peter aus dem Thüringer Wald 🙂

  4. Wow, ich habe den Bericht mit Spannung gelesen und bin begeistert, wie ihr den Schlag trotz aller Widrigkeiten gemeistert habt – Herzlichen Glückwunsch!
    Ihr scheint ein gutes Team zu sein.

    Beste Grüße und alles Gute!

  5. ……..ehrlich ,ich bin soooo froh , daß es bis dahin geschafft ist , festen Boden unter den Füßen – und im Kopf unsagbare Erlebnisse – ein Glück , daß Max dabei war !!!! Weiter alles , alles Gute Elke

  6. Das waren schon außergewöhnliche Wetterverhältnise, die Ihr da rerwischt hattet. Auch bei uns war der Mai recht winterlich. Aber Ihr habt alles gemeistert. Wir wünschen dem Max Gute Heimreise.
    Wir beglückwünschen Euch zum Erfolg.
    Erika und Friedrich

  7. Hallo lieber Martin und lieber Max, das war heldenhaft, wie ihr die Strapazen gemeistert habt.
    Ich war sehr erleichtert, gestern Abend die Nachricht zu erhalten, dass ihr gut und relativ unbeschadet an Mensch und Boot auf den Azoren gelandet seit. Dein Bericht, wie immer , für mich unglaublich spannend .Die zwei großen Stürme waren nicht ohne. Ganz deutlich spürte ich, dass ich das nicht erleben wollte. Gut , dass ihr zu zweit ward. Und das scheint ja auch gut geklappt zu haben zwischen euch. Weißt Du denn schon, wie es weitergeht besatzungsmäßig?

  8. 30 Tage auf See an einem Abend miterlebt 🙏
    Schön, dass du der Heimat wieder wohlbehalten näher gekommen bist 👍🏼 Wir wünschen eine gute Weiterreise und alles Gute 👍🏼🙋🏻‍♀️

  9. Hey Ihr Beiden,

    es ist zwar schon spät, ich MUSS jetzt aber noch das Video gucken.
    Glückwunsch zur erfolgreichen Überfahrt!

    Uwe

  10. Herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen Atlantiküberquerung und Ankunft auf den Azoren! Endlich Gewissheit, dass ihr die schwierigste Etappe der Reise geschafft habt.
    Nun brauche ich noch viel Zeit, alles intensiv zu lesen, zu schauen und nachzuerleben. Erhole dich jetzt erstmal etwas!

    1. Wir haben gerade unseren Videoabend beendet. Mit Laptop und Beamer im Garten. Einfach nur super an der Reise ein bisschen teilhaben zu können. Danke für die schönen Eindrücke.

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