Carriacou – kleine Insel, große Folgen

Carriacou …. Carriacou? … Carriacou??? Als ich den Beitrag zu dieser eigentlich sehr schönen kleinen Insel vor vier Wochen begonnen habe, dachte ich nicht, dass es so schwer werden würde, die richtigen Worte zu finden.  Wer den letzten Blogbeitrag zu St. Vincent bis zum Ende gelesen hat – ja, ich weiß, er ist seeeeehr lang – oder das dazugehörige Video gesehen hat, wird bemerkt haben, dass unserer Ankunft auf Carriacou nicht ganz so … nennen wir es euphorisch abgelaufen ist. Wie ich jetzt weiß, wird unser Aufenthalt hier alles andere als eine „Traumreise“ werden, besonders für Martin.

Inzwischen sind fast 2 Monate seit unserer Einreise ins Land gegangen und ich habe mehr oder weniger meinen Frieden mit Carriacou gemacht. Ob ich das Gefühl auch noch haben werde, wenn mehr Zeit vergangen ist, bleibt abzuwarten. Denn wie lange die Zeit in Carriacou werden wird, was bis dahin alles noch passieren wird, ob es eine gute Zeit wird, steht derzeit in den Sternen. Wahrscheinlich fragt sich jeder, der derzeit von jeglichen Reisen und Abenteuern absehen muss, wie man überhaupt skeptisch in die Zukunft schauen kann, wenn man sich auf einer karibischen Insel statt im herbstlich-trüben, von Corona bestimmten Deutschland befindet. Das Schlüsselwort sind hier wieder „die Leute“, die Menschen, die Geschichten und dieses Mal vor allem was man aus den Möglichkeiten macht, die einem das Leben aufzeigt, wie man sich von anderen Menschen beeinflussen lassen kann und Pläne überdenkt … viel pathetischer Schmuss, ich weiß, daher eines nach dem anderen …

Am Donnerstag Morgen 20. August haben wir nur einen kurzen Schlag von Union Island nach Carriacou vor uns. Auch wenn die Inseln lediglich einen Steinwurf voneinander entfernt sind, gehören beide jedoch zu zwei eigenständigen Inselstaaten, St. Vincent & Grenadines bzw. Grenada. Somit muss das übliche Einreiseprozedere durchgeführt werden, welches wir zur Genüge kennen. Mit dem aktuellen Corona-Hintergrund ist es jedoch leider nicht mehr so einfach und vor allem auch wesentlich teurer. Noch dazu sind die derzeitigen Einreisebestimmungen alles andere als verlässlich und so verlassen wir Union Island mit ein wenig Bauchschmerzen. Um in Carriacou bzw. Grenada einzureisen haben wir uns schon während unseres Aufenthalts in Dominica mit der Tyrell Bay Marina in Verbindung gesetzt und unser Kommen angekündigt.

Die Marina fungiert hier so zu sagen als langer Arm der Einreisebehörden und Organisiert bzw. Überwacht wer wann und mit wem ankommt. Natürlich ist dieser „Service“ nicht kostenlos. Um über die Tyrell Bay nach Grenada einzureisen muss ein Termin für das „Haule-Out“ (Rauskranen) vereinbart und eine Anzahlung von 200 US$ geleistet werden. Dass Selene ganz dringend Pflege braucht, besonders am Unterwasserschiff, ist ja schon lange klar und somit haben wir für den 17.09. unseren Lift-Termin gebucht. Änderungen in den Einreiseregularien finden fast täglich statt, über die „sozialen Medien“ kursieren ständig neue Geschichten, Abläufe und Neubestimmungen unabhängig von den offiziellen Regeln. Stan & Cora von der Woiee sind bereits seit einer Woche in Tyrell Bay und haben zu ihrer großen Überraschung nur einen PCR-Test machen müssen, der natürlich negativ ausfiel. Somit konnten sie direkt Einreisen ohne vorher in Quarantäne zu müssen. Wir wissen jedoch nicht genau was auf uns zu kommt.. Vor zwei Tagen haben wir die letzten Informationen von Sandrine aus der Marina bekommen und plötzlich ist doch wieder von Quarantäne die Rede … ein ungutes Gefühl begleitet uns auf unserer kurzen Überfahrt.
Kurz vor der Bucht geben wir im Marina-Office per Funk Bescheid, dass wir in ca. 20 Minuten da sind. Sandrine flötet ins Funkgerät, dass wir uns kurz gedulden sollen da ein Katamaran vor uns erst am Quarantäne-Dock abgefertigt werden muss. Kein Problem, wir müssen ja eh‘ noch die Segel bergen – von wegen! Das Großsegel will nicht runter, Mist! Alles ziehen und zerren hilft nicht, das Großfall bewegt sich keinen Zentimeter. Schon beim Segelsetzen war uns aufgefallen, dass der letzte Meter ungewöhnlich schwer ging, aber nun passiert gar nichts mehr. Das Groß steht wie eine Eins, links von uns ein paar dunkle Wolken, rechts ebenso und in 20 Minuten müssen wir anlegen. Es hilft alles nichts, jemand (Martin) muss auf den Mast. Zum Glück haben wir bzw. er den „Aufstieg“ schon einige Male gemacht und so geht es relativ schnell von der Hand.

Auch wenn die Zeit drängt, wollen und müssen wir in Ruhe Arbeiten, bei so einer Aktion auf dem Wasser darf man sich keinen Fehler leisten. Um das Boot möglichst ruhig auf den Wellen zu halten bleibe ich am Steuer und kann Martin somit nicht sichern. Das GriGri, die Steighilfe und die Seile werden zweimal gecheckt, dann ist Martin auch schon oben. Das Fall ist leider mal wieder von der Rolle geschlupft und hat sich wie schon damals in St. Lucia zwischen Rolle und Abstandshalter verklemmt. Jetzt auf die Schnelle lässt sich das nicht reparieren, viel wichtiger ist jetzt, dass wir das Segel runter bekommen. Ich versuche Selene so im Wind zu halten, dass möglichst wenig Druck im Groß ist um irgendwie das Fall lösen zu können …. keine Chance. Martin bleibt nur mit aller Kraft den Scheckel soweit zu verbiegen um ihn irgendwie aus der Öse lösen zu können. Keine schöne Lösung aber immer noch besser als das Fall durchzuschneiden.

In dem Moment, als das Groß nach unten in den Segelsack fällt, meldet sich auch schon Sandrine über Funk und gibt uns Anweisungen, wo wir anlegen sollen. Unser erster Kontakt ist – nun ja, professionell freundlich. Sandrine gibt sich alle Mühe nett zu sein, denn letztendlich hat Sie keine guten Nachrichten für uns. Das Aussetzten der Quarantäne sei nur ein Test für drei Tage gewesen und es würde nun wieder die alte Prozedur durchgeführt. Das sei aber gar nicht so dramatisch, in den Mangroven ist es schön ruhig, die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser oder Diesel sei über die Marina sichergestellt … aha! Für jede getätigte Lieferung seien pauschal 10% Lieferkosten zu entrichten, gezahlt wird bargeldlos per Kreditkarte. Auf die Frage nach Internet-Zugang bekommen wir erklärt, dass Sie uns problemlos eine lokale Sim-Karte besorgen kann (gegen Gebühr, natürlich), das WiFi der Marina erwähnt Sie jedoch nicht. Schließlich ermahnt Sie uns eindringlich, uns an die Quarantäneregelungen zu halten, sprich nicht das Boot zu verlassen, auf keinen Fall an Land zu gehen, keine Besuche auf anderen Booten zu machen und auch keine Gäste an Bord zu lassen. Wenn wir was brauchen sollen wir uns ausschließlich an die Marina wenden. Bei Zuwiderhandlungen droht uns ein Bußgeld und die 10-tägige Quarantäne würde von vorne beginnen, im schlimmsten Fall würde uns die Einreise verweigert. Am Ende setzt sie noch einen drauf: da unsere Quarantäne nach 10 Tagen an einem Sonntag endet, müssen wir leider bis Montag warten, denn sowohl die Marina als auch die Mitarbeiter des Health-Departments seien nur werktags für die PCR-Tests da. DANKESCHÖN!
Reichlich frustriert tuckern wir in die Quarantäne-Zone und vertauen Selene über den Bug an den Mangroven – die Aussicht kotzt mich jetzt schon an, an die Moskitos habe ich in dem Moment noch gar nicht gedacht. Mit uns liegen noch 4 weiter Schiffe hier auf denen die Crews ihre Zeit absitzen. Zu unserer großen Überraschung nehmen es diese aber offensichtlich gar nicht so Ernst mit den Regularien, denn zum Abend versammeln sich alle (Franzosen) auf einem Boot zum gemeinsamen Essen. Und um es auf die Spitze zu treiben kommen noch zwei weitere Dinghys von außerhalb zur illustren Runde dazu – wir sind sprachlos, dass macht doch so alles überhaupt keinen Sinn!

Was wir nun die nächsten 10 Tage anstellen sollen, wissen wir noch nicht so genau. Auf alle Fälle muss das Großfall irgendwie wieder repariert werden. Wir sind schon fast froh darüber, dass etwas kaputt ist und somit eine Aufgabe auf uns wartet. Für Martin ist das jedoch nur eine schnelle Fingerübung und das Großfall nach einer Stunde wieder an Ort und Stelle.

Beim Arbeiten am Masttop hat er jedoch eine sehr gute Aussicht über die Mangroven und vor allem darüber, wie weit die Quarantäne-Zone offenbar reicht.

Wir hatten uns schon gewundert, wohin der Katamaran verschwunden ist, der gestern vor uns angekommen ist. Martin entdeckt ihn außerhalb der Mangroven … warum er und nicht auch wir?!?! Erstmal egal, vielleicht ändert sich ja wieder etwas zum Wochenbeginn. Über Funk nehmen wir Kontakt zur Seglercommunity in der Ankerbucht auf und finden jemand, der uns mit dem Passwort wenigstens erstmal weiterhelfen kann denn ohne Internet bzw. irgendeine Art von Kommunikation drehen Martin und ich wahrscheinlich bereits morgen durch. Keine 100 Meter von unserem jetzigen Standort entfernt befindet sich der Shop von Budget Marine, hier wiederum wartet sein 6 Wochen eine Super-Duper-Wifi-Antenne auf uns. Die Hälfte haben wir bereits angezahlt, der Rest sollte bei Abholung beglichen werden. Mit der Abholung ist das jedoch so eine Sache im Moment. Wir wollen auf keinen Fall weiter 10 Tage warten und bitten daher wiederum um Hilfe, für uns den „Bad Boy“ abzuholen.

Auch auf die Gefahr hin, dass uns das möglicherweise irgendwann auf die Füße fällt, sich in der Quarantäne mit jemandem auf 2 m Abstand zu treffen (bei Lieferungen über die Budget Marina wird auch nicht anders verfahren) bitten wir wiederum von außerhalb um Hilfe. Denn nachdem ich gesehen habe, wie es hier in der Quarantänezone zugeht, mach ich mir darüber keine Gedanken. Unsere sehnlichst erwartete Antenne wird uns in die Mangroven gebracht und ich halte schön 6 Fuß Abstand auf meinem Paddle-Board, schnelle Übergabe und schon ist die Sache erledigt, kein Händedruck, kein Küsschen-Links und Küsschen-rechts und schon gar kein gemeinsames Abendessen. Das Installieren der Antenne ist für Martin in weniger als einem halben Tag erledigt und somit bleiben noch weitere 9 Tage, die irgendwie überbrückt werden müssen…
Aus dem anfänglichen Ärger über die sinnlose, verschwendete Zeit wird irgendwann leichter Frust, dann Resignation, Lethargie, Apathie. Wir wissen beide nichts mit uns anzufangen. Es gibt aktuell keine Projekte auf dem Schiff, die wir angehen könnten, da uns zu allem irgendetwas von Land fehlt. Andererseits würde sich sicher etwas finden lassen, um die Zeit sinnvoll zu gestalten, aber wir sind beide so frustriert, dass uns zu allem der Antrieb fehlt. Ich raffe mich einmal täglich auf um mit dem Paddelbord die komplette Mangroven abzufahren, nicht sehr befriedigend da der Ausblick immer der selbe ist. Musik hören, Lesen, in der Sonne liegen – alles schön und gut aber für mich bzw. uns fühlt es sich unglaublich nach verlorener, unwiederbringlicher Zeit an. Ich bin mir sicher, dass wir uns mit dieser Situation hätten besser arrangieren können, wenn es nicht so sinnlos und vor allem willkürlich angeordnet worden wäre. Am 4. Tag der Quarantäne (Montag) kann ich mich einfach nicht zurückhalten und frage bei Sandrine per WhatsApp nach, ob es vielleicht Veränderungen im Einreiseprozess gegeben hat – leider nicht! Auch meine Bitte, unseren Ankerplatz von innerhalb der Mangroven nach außerhalb verlegen zu können, so wie es offensichtlich anderen Crews gestattet ist, lehnt sie vehement ab. Vor Corona habe ich nun wirklich keine Angst und niemand muss sich deswegen vor uns fürchten. Vielmehr haben wir inzwischen sehr große Bedenken z.B. an Dengue-Fieber zu erkranken, denn jeden Abend zum Sonnenuntergang werden wir von den Moskitos aus den Mangroven förmlich überrannt. Unser kurzer Disput via WhatsApp eskaliert schließlich (auf eine sehr höfliche Art und Weise) als ich Sie um Richtigstellung der geltenden Regeln innerhalb der Quarantäne bitte und ihr zeitgleich mitteile, dass letztendlich jeder (d.h. die quarantänierten Franzosen, also ihre Landsleute) auf die Regeln sch..ßen. Meine abschließende Frage, wozu die Quarantäne überhaupt notwendig ist, wenn sie keiner Ernst nimmt, bleibt unbeantwortet. Jedoch möchte sie von mir die Namen der Boote wissen und wer wen besucht hat. Genau mein Ding, denn jetzt komme ich erst so richtig in Fahrt … Martin ist von meinem Enthusiasmus nicht wirklich begeistert. Ich teile Sandrine (auf eine sehr höfliche Art und Weise) mit, dass ich die Regelungen für sinnlos halte und ich definitiv nicht ihren Job bzw. den der Coastguard zum Überwachen der Quarantäne-Zone übernehme… danach herrscht Funkstille. Ich schiebe es jetzt einfach mal auf die Langeweile, dass ich so zum Provozieren geneigt war. Letztendlich haben wir uns bzw. ich uns keinen Gefallen damit getan, denn Sandrine wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen.

Die Tage schleichen dahin, drückende lähmende Hitze, täglicher Kampf gegen Moskitos, unzählige Stiche, die sich alle leicht entzünden. Obwohl die Mangroven unter Naturschutz stehen, habe ich kein gutes Gefühl beim Baden. Die Sicht ist minimal, das Wasser scheint verschmutzter und trüber zu sein als überall, wo wir sonst geankert haben. Gut, der Wasseraustausch zum offenen Meer ist sehr eingeschränkt aber wahrscheinlich liegt es eher an der angrenzenden Marina. Alles Wasser, jeder Abrieb, jeder Tropfen Farbe, Öl, Diesel, Antifoulig, alles was bei Arbeiten an Booten freigesetzt wird, geht direkt in den Boden und wenige Meter weiter in die Mangroven. Unsere Stimmung ist gereizt, es fehlt an Beschäftigung. Während ich die ersten Tage ziemlich auf Krawall aus war und Martin eher lethargisch die Situation aushält, dreht sich zum Ende der Quarantäne die Stimmung. Dank sozialer Medien erfahren wir von zwei befreundeten Crews, dass auch sie in Grenada ohne die vorgeschriebene Quarantäne einreisen durften: Anmelden, Test machen, 15 Minuten warten, fertig! Ich kann‘s erneut nicht lassen und frage ganz unbedarft in zwei FB-Gruppen für Grenada bzw. Carriacou nach, welche Regeln denn nun offiziell gelten. Mit einem derartigen Shitstorm hätte ich jedoch nicht gerechnet. Mir wird mehrfach gesagt, dass es keine Extra-wurst für irgendjemanden gibt, die Regularien für jedes Boot gleich sei. Mein Konter, ob möglicherweise der Flaggenstaat oder persönliche Beziehungen den Prozess beschleunigen, heizt die ganze Diskussion nur noch mehr an. Letztendlich hängt sich Martin auch noch mit in die Diskussion und am Abend sind wir uns dann sicher, dass wir es uns mit den unangenehmen offenen Fragen schon vor dem ersten Schritt auf die Insel in Carriacou total verschi..en haben. Für Außenstehende mag dass sicherlich völlig übertrieben wirken aber wenn ich eine Sache nicht ausstehen kann, dann ist es Ungleichbehandlung aus nicht nachvollziehbaren Gründen. Schon jetzt ist es so, dass bei der Einreise per Flug von den Carricom-Inseln keine Quarantäne notwendig ist, bei Einreise per Boot jedoch schon. Dass für einzelne Boote unter der Hand inoffizielle Einzelregelungen gefunden werden, lässt automatisch den Begriff Korruption im Raum stehen und mich macht so was einfach nur wütend. Leider bekommen wir beide uns an diesem Abend zum ersten mal seit wir zusammen unterwegs sind so richtig in die Haare. Martin ist felsenfest davon überzeugt, dass wir auf keinen Fall in der Tyrell Bay Marina Rauskranen sollten. Ist das Schiff erst an Land, sind wir bis zur Bezahlung aller Rechnungen nicht mehr Herr über Selene. Wenn wir eine Sache in der Karibik gelernt haben, dann ist es diese, dass jeder jeden kennt und meist auch noch verwandt ist. Hast du also ein Problem mit Person A und später mit Person B zu tun und die beiden kennen sich, wird das keine Vorteile für uns bringen, ganz im Gegenteil. Die Marina ist hier einer der wichtigsten Arbeitgeber auf der Insel und wir haben die Marina öffentlich angeschwärzt, Korruption und Willkür unterstellt. Jeder kann sich denken, dass das nicht wirklich gute Voraussetzungslosen für eine gute Geschäftsbeziehung sind. Ich kann an diesem Abend bzw. in dieser Nacht Martin nur mit Mühe dazu überreden, nicht Hals über Kopf von Carriacou zu verschwinden. Ausschlaggebend ist letztendlich nur der Umstand, dass wir bereits 200 US$ angezahlt haben und unser dringend benötigtes Antifouling hier her in die Marine verschifft werden soll. Würden wir jetzt gehen, wären auch dafür ca. 600 € verpulvert und wir stünden vor dem gleichen Problem wie vorher, nämlich dass das VC17m extra von Interlux hier nirgends zu bekommen ist. Wir halten also die verbleibenden 2 Tage die Füße still, Martin löscht seine Postings und wir tun so als hätte es nie auch nur ein Problem oder Grund zur Beschwerde gegeben – das flaue Gefühl jedoch bleibt. Mich treibt noch dazu eine ganz andere Sorge um. Einer der gefühlt hundert Moskitostiche hat sich entzündet, aus dem kleinen roten Punkt entwickelt sich ein formschönes Pickel und nach weiteren drei Tagen eine beachtliche zum Bersten gefüllte schmerzhafte Beule, die tief in den Muskel reicht – Prima!

Montag 31.08. – Tag 11 der Quarantäne Wir dürfen endlich raus!

Auch heute Morgen hat SELENE wieder mächtig Schlagseite, der Wasserspiegel ist mit dem Gezeitenfluß um einen knappen Meter gefallen. Jetzt im Herbst ist genauso wie im Frühjahr der Tidenwechsel am stärksten. Okzidentialtide wird dieses „Phänomen“ genannt, wenn die Anziehungskraft des Mondes durch die Nähe zur Erde ihren Höchststand erreicht. In der Karibik ist von den Gezeiten normalerweise kaum etwas zu spüren, der Wasserstand schwankt weiger als einen Meter. In Europa dagegen, besonders an der Atlantikküste und im Ärmelkanal werden hingegen zweimal im Jahr bis zu 14 m Tidenhub erreicht, an der Atlantikküste in Nordamerika oder Novia Scottia bis zu 16 m.

Für uns stellen die fehlenden 80 cm jedoch schon ein großes Problem dar. Selene steckt im Matsch der Mangroven fest, es wird mindestens bis Mittag oder Nachmittag dauern, bis der Kiel wieder frei schwimmt. Bis dahin lässt sich die Zeit ein wenig überbrücken, denn wir müssen zuerst zum Q-Dock um unseren (völlig sinnlosen) PCR-Test zu machen. Diesmal ist es ein Bluttest den zwei sichtlich gelangweilte Krankenschwestern durchführen. Ein kurzer Piecks in den Finger, fünf Minuten warten, negatives Testergebnis wie erwartet, wir dürfen nun offiziell einreisen. Ich nutze die Gelegenheit und frage eine der Schwestern was ich mit meiner immer größer und röter werdenden Entzündung am Bein machen soll. Als ich das Pflaster entferne und ihr den „Mückenstich“ zeige, entgleist ihr Blick kurzzeitig und sie sagt nur „Hospital“. OK, es ist noch früher Vormittag, dass sollte heute noch gut zu schaffen sein. Die ganze Prozedur am Q-Doch hat keine halbe Stunde gedauert und somit hängt Selene immer noch schief im Matsch. Man könnte jetzt warten und mit dem Dinghy zur anderen Seite der Bucht fahren, um unsere Einreiseformalitäten zu erledigen. Aber wir wollen so schnell wie möglich raus hier, keine Sekunde länger in diesem Mückenloch. Also probieren wir sämtliche Tricks, die man versuchen kann, wenn das Schiff auf Grund geht. Alleine Rückwärtsfahren bringt nicht viel, Selene bewegt sich keinen Zentimeter. Zweiter Versuch per Dinghy, Martin drückt und schiebt den Bug abwechselnd von beiden Seiten nach rechts und links und tatsächlich tut sich langsam was. Leider aber nicht genug um den Kiel aus dem Matsch zu bekommen. Wir müssen versuchen irgendwie über den Wall an Sand und Schlamm zu kommen. Möglichkeit eins: Warten bis das Wasser hoch genug steht – nö, keine Lust. Möglichkeit zwei: Den Tiefgang verringern. Dazu könnte man sämtlichen Ballast über Bord werfen (wäre ziemlich blöd) oder wir legen Selene einfach auf die Seite und gewinnen dadurch ein paar Zentimeter. Das klingt erstmal spektakulär, ist aber gängige Praxis. Manchmal hilft es schon das Schiff heftig ins Schaukeln zu bringen und mit dem Kiel die Sedimente aufzuwühlen bzw. eine größere Mulde am Grund zu schaffen. Mit ordentlich Rückwärtsschub und Unterstützung per Dinghy kann das schon reichen. Bei Selene leider nicht, und so greifen wir zum letzten bewährten Mittel, indem wir eine lange Leine am Spifall befestigen und über den Zug an der Mastspitze das Boot auf die Seite legen. Das wiederum klingt einfacher als es ist, denn mit unserem 5 PS Außenborder ein 5 Tonnen Schiff mal eben über den Mast zu kippen ist etwas gewagt. Martin im Dinghy, ich am Steuer, Kommunikation per Handzeichen, denn wir machen seit nun mehr einer halben Stunde einen Heiden-Raddau in den Mangroven. Mit jedem Versuch, Selene zu krängen wird der Spielraum unter dem Schiff größer, sie bewegt sich immer mehr von vorne nach hinten, von links nach rechts, … Herrschaftszeiten! … Das muss doch gehen. Und wie immer ist es der letzte Versuch, der schließlich den gewünschten Erfolg bringt, Selene schwimmt endlich aufrecht in der Mitte der Bucht, wir können raus hier, Juhu!

Die Tyrell Bay Anchorage ist viel viel kleiner als z.B. die Bucht in Porsmouth/Dominica, dafür liegen hier aber an die hundert Yachten. Die meisten vor Anker, nur wenige nutzen die Moorings. Das mag vor allem daran liegen, dass den Besitzern einiger Moorings ein sehr schlechter Ruf voraus eilt, der Name „The evel Twins“ (die gemeinen Zwillinge) ist, glaube ich, recht eindeutig. Wir finden trotzdem schnell unser Plätzchen, gleich nebenan liegt die Woiee von Cora & Stan, die Bamba Maru mit Joanna und Andy, Odda II mit Siri und Harald, … So langsam verstehe ich, was den Reiz für viele Segler ausmacht, immer wieder in der selben Bucht die Hurrikan-Saisaon abzuwettern, denn es bedeutet Jahr für Jahr, die gleichen oft sehr netten, manchmal verschrobenen, lustigen oder chaotischen Menschen sowohl an Land als auch zu Schiff wieder zu treffen.

Obwohl wir ziemlich nahe an einer Mooring der „Evel-Twins“ ankern, lassen sie uns vorerst in Ruhe. Dafür setzen sie am darauf folgenden Tagen mehrere kleine Boien um uns herum an denen Lobbsterkörbe unter Wasser befestigt sind. Diese Aktion zielt allerdings weniger darauf ab tatsächlich Lobbster zu fangen, es geht wohl eher darum den freien Platz zwischen den kostenpflichtigen Moorings zu begrenzen und somit die Segler an eine der Tonnen zu zwingen. Naja, wir warten erstmal ab, was da noch so kommt … Im Moment habe ich keine Zeit mir darüber Gedanken zu machen, ich will heute unbedingt noch einen Arzt konsultieren.

In der Carriacou Marina, der alten Marina an der Südseite der Tyrell Bay ist das Custom-Office, wo wir mit dem negativen PCR-Test nun endlich den Papierkram abschließen können. Die Lady im Büro ist von wenig karibischem Gemüt, kein Lächeln, kein Scherz, kein „Welcome to Carriacou“, authoritär distanziert überreicht sie uns die Formulare die noch auszufüllen sind. Ich frage sie trotzdem nach dem schnellsten Weg, eine Arzt ausfindig zu machen und nachdem sie meine inzwischen walnussgroße Entzündung am Bein sieht, sucht sie mir schnell die Nummer von Dr. Freddy in Hillsborough raus. Der Arzt ist hier eine Art Institution, jeder kennt ihn, jeder vertraut ihm, seine Tür steht immer offen. Außer für mich, leider. Die anderen Fahrgäste im Minibus sind mindestens genauso enttäuscht wie ich, dass ausgerechnet heute seine Praxis geschlossen hat. Anfangs verstehe ich die Aufregung gar nicht,  aber scheinbar sorgen sich hier alle um mein Bein und so wird beraten, wo ich denn sonst hingehen kann. Einer der Fahrgäste, Mitchel, lässt es sich nicht nehmen, mit mir ein paar Straßen weiter bis zur zentralen Bushaltestelle zu gehen und mir die nächste Fahrt zum Hospital zu organisieren – so süss! Die anschließende Fahrt dauert nicht lange und so stehe ich kurze Zeit später ein wenig verloren zwischen mehreren zweistöckigen Gebäuden. Das Princess Royal Hospital liegt ein Stück auswärts der Inselhauptstadt auf einem Hügel mit einem fantastischen Blick über den Südwesten Carriacous. Der Komplex hat sonst jedoch wenig mit einem „Hospital“ wie wir es kennen zu tun.

So richtig weiß ich gar nicht wo ich mich denn nun melden soll. In der Mittagshitze huschen ein paar Krankenschwestern zwischen den Häusern hin und her und schließlich weißt mir eine den Weg zur „Notaufnahme“. Ein offener Raum mit ein paar Sitzgelegenheiten zum Warten, eine paar einfache Holztüren mit der Aufschrift „Dentist“, „Doctor“ und „Pharmacie“. Ich klopfe bei „Doctor“ und eine kleine energische ältere Krankenschwester steckt ihren Kopf aus der Tür und fragt, was ich will. Ich erkläre ihr kurz mein Problem, sie schaut mich streng an, nickt und bedeutet mir zu warten. Also setze ich mich hin, Mücken kreisen um mich herum, kleine Gekos krabbeln die Wände hoch und Kolibris flattern durch die großen Fensteröffnungen ein und aus – insofern ist es ganz beschaulich. Je länger ich jedoch auf die Tür zum Doctor schaue, frage ich mich doch, ob es eine gute Idee war, hierher zu kommen und nicht morgen erst zu Dr. Freddy zu gehen. Ich bin tatsächlich drauf und dran einfach zu verschwinden als die Krankenschwester plötzlich wieder auftaucht, sich neben mich auf die Bank setzt und in einem unglaublich liebenswürdigen, warmherzigen Ton fragt: „Ok my darling, tell me again please, how can we help you?“ Ich zeige ihr den Abszess, sie sieht sicher meine Besorgnis und so tätschelt sie mir das Knie. Ich solle mir keine Sorgen machen, dass bekommen wir schon hin, Dr. Joseph wird sich gleich um mich kümmern. Wenig später öffnet sich die geheimnisvolle Tür zum Doctor und ich bin nicht unbedingt beruhigt. Der Raum ist von unten bis oben mit Material und Geräten vollgestopft, Ameisen huschen über den Boden und es nicht ganz ersichtlich ist, ob hier nur behandelt oder auch gleich noch operiert wird – jedem, der in Deutschland im medizinischen Bereich tätig ist, würden wahrscheinlich die Fussnägel hochrollen. Trotzdem war es gut, hier her zu kommen. Dr. Jospeh könnte fast mein Sohn sein, ich schätze ihn auf höchstens Mitte Zwanzig aber ich fühle mich gut aufgehoben. Er spricht nicht lange um den heißen Brei herum und bestätigt mir, was ich schon befürchtet habe. Aus dem Mückenstich ist ein richtig schöner Abszess geworden, der mit großer Wahrscheinlichkeit operativ entfernt werden muss.

Er will aber noch zwei Tage abwarten und verschreibt mir vorerst Antibiotika. Am Mittwoch soll ich wiederkommen – nicht schön, ist aber nun mal nicht zu ändern. Den Heimweg vom Hospital nach Hillsborought trete ich zu Fuß an und genieße die knapp 4 km endlich wieder laufen zu können. Auch wenn das Bein bei jedem Schritt ein wenig ziept ist es ein wunderbares Gefühl, sich bewegen zu können. Den Berg herunter hat man eine so schöne Aussicht auf die Westküste, die herrlichen Strände vor Sandy Island, Jack A‘Dan und Paradise Beach – was für eine schöne Insel!
Zurück am Boot ist Martin natürlich gar nicht amused, die Aussicht hier das Bein aufschnippeln zu lassen behagt ihm genau so wenig wie mir. Wir verdrängen die Sorgen erstmal auf Mittwoch und genießen unseren ersten Abend in „Freiheit“ in DJ‘s Bar, dem noch viele weiter folgen werden bis… ja bis … aber das ist eine andere Geschichte.

Tagsdrauf wird Selene auf Vordermann gebracht und alles erledigt, was während der Quarantäne nicht möglich war: Einkaufen, Wäsche waschen, Wasser und Diesel auffüllen. Ich mache mir etwas Sorgen, mit der enorm angeschwollenen Eiterblase ins Wasser zu gehen. Andererseits ist die Entzündung nun mal vorhanden, was soll da schon noch Schlimmes passieren können. In der Tyrell Bay gibt es mehrere schöne Ecken zum Schnorcheln und Tauchen, sogar zwei Wracks liegen in der Bucht die man unbedingt erkunden soll. Leider ist das Wasser heute ziemlich trüb und die Sichtweite beträgt vielleicht 15 m. Etwas enttäuscht mache ich mich nach ca. einer Stunde auf den Weg zurück zum Boot als ich aus den Augenwinkeln zwei dunkle Schatten bemerke. Ein wenig erschrocken drehe ich mich um aber nichts ist zu sehen, keine Panik, alles gut, Haie gibts hier ja nicht. Keinen Augenblick später gleiten zwei wunderschöne große Eagle Rays vor mir vorbei, ganz ruhig und elegant schweben sie durchs Wasser. Für ein paar Sekunden kann ich ihnen folgen und dann sind sie auch schon wieder im tiefen Blau verschwunden – unbeschreiblich schön! Hätte ich gewusst, dass dies mein vorerst letzter Ausflug unter Wasser für lange lange Zeit sein wird, wäre ich sicher noch geblieben, aber wie sagt man so schön: „Hätte, hätte … u.s.w.“

Mittwochmorgen hat es meine Beule am Bein inzwischen zu einer beachtlichen Größe geschafft, die OP scheint unausweichlich und ich muss wohl in den sauren Apfel beißen. Aber eine so ausgeprägte Infektion kann zu weitaus schlimmeren Erkrankungen führen und ich will es einfach los sein. Also geht‘s per Bus wieder zuerst nach Hillsborought und dann weiter zum Hospital. Dr. Jospeh ist gar nicht erfreut zu sehen, dass sich die Blase schon geöffnet hat und so wird nicht lange gefackelt. Vorher erklärt er mir jeden Schritt und entschuldigt sich schon im Voraus, dass es schmerzhaft werden wird. Also Augen zu und durch. Während ich bäuchlings auf der Pritsche liege und versuche an irgendetwas schönes zu denken, habe ich ausgiebig Zeit mir den „OP-Saal“ genauer anzuschauen … naja, besser Augen zu und an was anderes denken. Was soll ich sagen, angenehm war es nicht und Dr. Joseph entschuldigt sich auch zwischendurch mehrfach, mir solche Schmerzen zu bereiten aber nach 20 Minuten ist es überstanden.

Mir bleibt ein etwa daumengroßes und tiefes Loch im Bein welches nun ganz langsam von innen heraus verheilen muss. Die Wunde zu vernähen ist nicht angeraten, also bleibt sie für einige Tage wahrscheinlich eher 2 Wochen offen … prima, Schwimmen gestrichen, Baden gestrichen, keine langen Ausflüge zu Fuß. Seine Anweisungen fühlen sich für mich wie eine zweite Quarantäne-Anordnung an. Ich soll nun täglich vorbei kommen um den Verband zu wechseln – uff! Damit fallen alle anderen Aktivitäten auch aus, denn obwohl die Insel wirklich nicht groß ist wird die Fahrt zum Hospital und zurück eine tagesfüllende Beschäftigung.
Zurück am Boot betrachte ich mir Dr. Josephs Werk erstmal ausgiebig per Spiegel und, um ehrlich zu sein, bin ich ganz schön niedergeschlagen. Nicht weil er keine gute Arbeit geleistet hat, nein, ganz im Gegenteil. Die Wunde sieht gut aus aber ich weiß nun, dass mich diese Verletzung ganz schön ausbremsen wird bei allem, was ich sonst gerne unternommen habe. Zur Sicherheit konsultiere ich per WA noch meine Cousine und ihren Mann, die uns schon während unserer Reise immer und jederzeit bei allen medizinischen Fragen weitergeholfen haben – Miri & Dolf, herzlichen Dank dafür! Ich würde ja lieber schöne Urlaubsbilder versenden, stattdessen gibts für die beiden nun täglich ein lecker Foto vom Abszess …

Donnerstagmorgen das selbe Spiel: Frühstück, zur Bushaltestelle laufen, Bus nach Hillsborough, Umsteigen, Bus zum Hospital, warten … das geht mir jetzt schon auf die Nerven. Eine sehr wortkarge Krankenschwester macht den Verbandswechsel. Leider kann ich nicht sehen, was genau sie tut und wie sorgfältig. Auf meine Fragen bekomme ich nur wenig Antworten und mein Entschluss steht fest, dass ich mir den Weg ins Spital sparen werde. So schwierig kann das nun auch nicht sein. Alle notwendigen Materialien wie Verbandszeug, Gaze, Kompressen und Desinfektionsmittel haben wir in Mengen an Bord. Mit der Hilfe von Miri und einem befreundeten Arzt auf der ADAGIO werde ich mich schon soweit selbst verarzten können, ohne dass mir das Bein abfault.

Zur Sicherheit schaue ich am Freitag Vormittag kurz bei Dr. Freddy vorbei. Er schaut sich das Loch nur kurz an und meint, dass sei gar nicht so dramatisch. Trotzdem verschreibt er mir ein weiteres Antibiotikum (wie ich heute weiß, tut er das bei allen erdenklichen Beschwerden) für die nächsten drei Tage. Ich soll die Wunde schön feucht halten, zweimal täglich mit Salzwasser spülen, desinfizieren und abdecken – that‘s it! Na das hört sich doch gar nicht so dramatisch an, zurück zum Boot.

Einigermaßen erleichtert und beruhigt kann ich mich nun endlich dem lange ausstehenden Blogbeitrag widmen. Zwischendurch schaue ich immer wieder auf die Pakettracking-Seite von UPS. Vor reichlich 5 Wochen hat ein Paket mit Ersatzteilen, neuem Laptop und diversen persönlichen Dingen Deutschland verlassen – die zugesicherte Lieferzeit betrug 14 Tage. OK, durch Corona und den eingeschränkten Flugverkehr besonders nach Europa kann es sicherlich zu Verzögerungen kommen und wir sind froh, wenn das Paket überhaupt irgendwann mal ankommt. Dementsprechend groß ist unsere Freude als der Tracker anzeigt, dass das Paket Grenada erreicht hat, nächste Station müsste dann Anfang kommender Woche Carriacou bzw. die Tyrell Bay Marina sein. Kurz darauf vermeldet das Tracking, dass die Lieferung zugestellt wurde, Empfänger Mrs. Tamisha Young/St. Georges Grenada …. What the f..k!?! Wer bitte ist Tamisha Young und wieso hat sie unser Paket? Zeitgleich erreicht uns bzw. meine Mama eine Mail von UPS, dass der Empfänger Mr. Martin Kuettner in Harvey Vale/Carriacou nicht gefunden werden kann und wir doch bitte eine andere Adresse bzw. irgend eine Art von Kontakt per Telefon oder Mailadresse angeben sollen. Oh man, das gibt‘s doch gar nicht. Wir tauschen mehrfach E-Mails aus, warten auf Antwort, schreiben zurück und schließlich tätigt Martin den wohl teuersten Anruf zur unfähigsten Company auf unserer bisherigen Reise. Nach etwa 20 Minuten Gesprächsdauer in die USA sind 100 € dahin und wir sind kein bisschen schlauer. Zu allem Hohn teilt uns UPS abschließend mit, dass der Auftrag für sie erledigt sei, da das Paket ja ausgeliefert wurde – herzlichen Dank! Wir wollen trotzdem nichts unversucht lassen und fragen im Marina Office nach, wie denn hier die übliche Praxis bei Paketsendungen ist. Schließlich lassen sich viele viele Segler Material und Ersatzteile in die Marina schicken, häufig ist die Wartezeit recht lange aber irgendwann kommt jede Lieferung an – außer mit UPS. Die Dame im Office lächelt ganz milde, vielleicht auch mitleidig, als ihr sage, welchen Lieferdienst wir beauftragt haben. Sie beruhigt mich aber und meint, dass es immer ein paar Tage dauert bis eine Fähre die Sendungen aus Grenada mitbringt, in der Regel einmal pro Woche. Wir sollen uns ein wenig gedulden und Mitte kommender Woche wird das Paket schon da sein… wir werden sehen.
Zum Glück spielen am Abend Stan & Cora im Frog‘s und wir können die beiden zum ersten Mal, seit wir so gut mit ihnen befreundet sind, live erleben. Die Bar ist brechend voll, die Musik der beiden einfach nur gut, wir lernen unzählige Leute kennen und wir haben das Gefühl nun endlich in Carriacou angekommen zu sein.

Dennoch ziehen sich die nächsten Tage bzw. Wochen wie Kaugummi. Die Hitze ist unerträglich! Dass es heiß sein wird zur Regenzeit habe ich mir schon gedacht, aber diese Temperaturen und die dazugehörige Luftfeuchtigkeit sind einfach nur lähmend. Ob es am Klima oder an den Antibiotikas oder dem erzwungen Nichtstun liegt kann ich nicht genau sagen, aber ich bin einfach nur müde, müde, müde. Wir nehmen uns unzählige kleine Dinge vor, der Sonnenschutz im Cockpit muss dringend vergrößert werden und wir brauchen irgendetwas zum Regenwasser sammeln. Aber alles, wirklich jeder Handgriff dauert eine gefühlte Ewigkeit. Einmal den Niedergang runter in‘s Boot und wieder rauf und uns läuft der Schweiß aus allen Poren. Wir schlafen schlecht, die Moskitos sind einfach überall, wir bekommen die Hitze nicht aus dem Boot. Will man am Tag tatsächlich was schaffen, muss man direkt bei Sonnenaufgang beginnen. Wir finden meist erst sehr spät in der Nacht Schlaf und somit kommen wir früh nicht in die Gänge – viel verlorene Zeit, ein Tag gleicht dem anderen. Um sich abzukühlen kann Martin wenigstens in‘s handwarme Wasser springen, mir bleibt vorerst nur die Pütz. Ende der zweiten Woche ist es dann doch geschafft und wir spannen auf dem Vordeck unser neues „Regensammelsystem“ auf. Das schwere Tuch haben wir von Andy, dem Segelmacher bekommen, dazu noch ein paar Tips zur Form und Verstärkung an den Seiten, Schlauchanschluss dran und fertig – jetzt müsste es nur noch regnen!

Wir sind mitten in der Hurrikan-Saison, sozusagen in der heißen Phase und es passiert nix, absolut gar nichts. Auf dem Atlantik bildet sich eine Tropical Wave nach der nächsten aber alle Systeme ziehen Gott sei Dank weit entfernt ihre zum Teil kuriosen Bahnen.

Einerseits sehr gut für all die Segler und Einwohner der Karibik, andererseits hat es gefühlt seit Tagen bzw. Wochen nicht wirklich geregnet.

Mit dem Ende der zweiten Woche ist für uns nun auch klar, dass wir unseren Lift-Termin in der Marina nicht einhalten können. Das über Budget Marine bestellte Antifouling ist nach mehr als 6 Wochen noch immer nicht da und hängt irgendwo in Miami fest. Zu unserer großen Überraschung sind die Mitarbeiter der Tyrell Bay Marina mehr als entgegenkommend und so verschieben wir den Krantermin um einen weiteren Monat. Ehrlicherweise sind wir beide ganz froh darüber, denn in der Hitze auf dem staubtrockenen Gelände am Schiff zu arbeiten ist eine echte Tortour. Wir haben in den letzten Tagen andere Segler kennen gelernt, die derzeit ihr Schiff an Land haben und es ist allen anzusehen, dass es keine Freude ist. Noch vor Sonnenaufgang beginnt für die meisten der Tag, ab spätem Vormittag verkriecht sich jedoch jeder irgendwo im Schatten und setzt die Arbeit für drei bis vier Stunden aus. Wir überlegen, ob wir in der Zwischenzeit einen Abstecher nach Grenada machen sollten, denn hier auf Carriacou gibt es nun nicht all zu viel zu entdecken. Allerdings schnellen gerade in den südlichen Ankerbuchten die Infektionszahlen für Denguefieber und Chikunguya in die Höhe, selbst Fälle des Zika-Virus werden vermeldet. Vielleicht doch keine so gute Idee, jetzt nach Grenada zu segeln. Um es hier gar nicht so weit kommen zu lassen, wird in den darauffolgenden Tagen gegen Abend jeder Strauch, jeder Busch, alle größeren Grünflächen durch die Behörden eingesprüht und ausgeräuchert. Ich will gar nicht wissen, was da genau verwendet wird! Wieviel der Einsatz bringt, kann ich auch nicht sagen, denn die Moskitos sind trotzdem jeden Abend da. Zu Hunderten am Strand, in den Bars, in Geschäften, einfach überall. Selbst auf dem Wasser auf dem Boot gibt es kein Entkommen, es fühlt sich an wie Russisch Roulet ob man an Dengue erkranken wird oder nicht.

Auch wenn sich die Schilderungen nach der „grünen Hölle“ auf Carriacou anhören, das ist natürlich nicht richtig, die Insel ist wunderschön! Zum einen haben wir das ja schon bei unserem ersten Besuch im Februar festgestellt. Zum anderen mache ich mich nach 10 Tagen Auskurieren auf, endlich etwas anderes, neues von Carriacou zu sehen als die Tyrell Bay und Hillsborough. Die Wunde heilt leider langsamer zu als gehofft, aber noch einen Tag länger an Bord sitzen und ich drehe durch! Der nördliche Hügel an der Bucht scheint ein lohnendes Ziel zu sein, keine hundert Meter hoch und schnell zu Fuß zu erreichen – denke ich. Ich schaffe gerade mal die Hälfte des Anstiegs. Zum einen ist selbst morgens um 10:00 die Hitze unerträglich, zum anderen hilft nicht mal die stärkste Chemiekeule die unzähligen Moskitos abzuwehren. Geschlagen mache ich mich auf den Rückweg ohne den Berg und die wahrscheinlich traumhafte Aussicht erreicht zu haben. Für einen ausgedehnten Spaziergang reicht das natürlich nicht, also biege ich an der Hauptstraße in den schmalen Pfad ab, der hinunter zum Paradise Beach führt. Der Name ist Programm, schöner könnte ein Strand kaum sein! Das seichte Wasser glitzert perlmutfarben, gegenüber leuchtet der weiße Sand von Sandy Islan, Pelikane ziehen gemächlich ihre Bahnen. Ich setze mich für ein paar Minuten an den Strand und genieße die himmlische Ruhe, beruhigend plätzschern die Wellen ans Ufer, der Wind verfängt sich in den ausladenden Palmen. Ein paar Jungs versuchen vom Boot aus zu Angeln, ihre Technik sieht für mich wenig erfolgversprechend aus. Weit gefehlt, nach wenigen Minuten ziehen sie einen ganz beachtlichen Fisch in‘s Boot. Der 10 Jährige hat nur leider nicht die Kraft bzw. die Zielsicherheit den Fisch mit nur einem oder zwei gezielten Schlägen zu betäuben. Die Art und Weise wie er auf das arme Tier einsemmelt zerstört irgendwie den friedlichen Augenblick, doch dann denke ich mir, auch das ist die Karibik.

Wir treffen uns oft zum Abend auf der Woiee, Staneks Geschichten sind unglaublich, Coras Begeisterung und Ehrlichkeit über die vergangenen 40 Jahre Leben auf dem Wasser sind ansteckend. Auf der Woiee muss man sich nicht ankündigen, man kommt einfach an Bord, wenn man sieht, dass die Türen offen sind. Wir kommen immer häufiger in den Genuss, den beiden beim Proben zuzuhören. Mit Esteban kommt zum Piano und dem Saxophon noch eine Gitarre dazu, irgendwann entdeckt Stanek, dass seine Freundin Coralie wunderbar Singen kann.

Beim Proben dürfen wir immer mal wieder dabei sein, denn Estabans Gitarre hat irgendwo einen kleinen Wackelkontakt und da kommt dann natürlich Martin in‘s Spiel.

So langsam kommen wir auf Carriacou an und auch unsere Lieferung aus Deutschland findet sich irgendwann in Hillsborough ein, na endlich! Um das Paket ausfindig zu machen, haben wir einen lokalen Dienstleister angefragt, der Besorgungen und Aufträge zwischen Grenada und Carriacou abwickelt. Alltägliche Dinge sind hier leicht zu besorgen, aber sobald es etwas spezieller wird, muss man nach Grenada. Das ist mit 40 – 80 EC$ zwar halbwegs erschwinglich, aber es geht eben doch sehr viel Zeit verloren. Über „Carriacou shop4you“ kann man jedoch recht einfach eine Bestellung aufgeben und die beiden Mädels, mit denen wir Kontakt hatte geben sehr schnell Rückmeldung, ob und wann sie „das Teil“ nach Carriacou liefern können. Ein Segler hatte mir den Tip gegeben, diese Company anzufragen, ob sie nicht unser Paket finden können. Und tatsächlich hat es letztendlich nur 2 Tage gedauert, bis wir die frohe Kunde über den Verbleib von Mama‘s Paket erhalten haben. Leider war mein erster Weg zur Post nach Hillsborought dann doch erfolglos. Die Postangestellte zeigt mir die Lieferung zwar, aber mitnehmen darf ich sie nicht. Vor der Herausgabe muss die Lieferung im Beisein eines Zollbeamten geöffnet werden, denn natürlich muss noch Einfuhrzoll entrichtet werden – stolze 160 $.

Mit Stan & Cora, Joanna & Andy, Siri & Harald, Sahra von der Alani und einigen mehr haben wir wirklich gute Nachbarn bzw. Freunde und es kommen fast täglich neue dazu. Wir treffen uns am Abend häufig in einer der Bar‘s, das Frog‘s wird für uns wie für viele Segler zum Treffpunkt, Wohnzimmer und Nachrichtenzentrale. Egal ob auf einen Kaffee, zum Arbeiten, E-Mails checken, Wifi nutzen oder dem wöchentlichen Konzert der Ruff‘a Nuff‘s, man trifft immer bekannte Gesichter, hört die wildesten Strorries und natürlich die wichtigsten News. Es geht nicht ganz so international zu wie auf den anderen Inseln oder in andern Bars, denn Carriacou scheint wohl sehr fest in „französischer“ Hand zu sein. Für uns aber mal wieder eine gute Gelegenheit, Vorurteile abzubauen. Seit unserem Besuch auf Martinique und auch während unsere Reise sind uns die Franzosen nicht unbedingt an‘s Herz gewachsen. Zu arrogant, zu egoistisch, wenig Respekt für geltende Regelungen, manchmal wie die Axt im Walde und immer wieder das Problem der unmöglichen Kommunikation. Im Frog‘s ist das jedoch anders. Zu unserer großen Überraschung sprechen einige der „unliebsamen Nachbarn“ ganz passabel Englisch, wenn es Verständigungsprobleme gibt, helfen Hände und Füße und wildes Gestikulieren. Interessanterweise bestätigen uns einige Franzosen genau diese Ressentiments, nicht selten sind sie enorm verärgert und bringen überhaupt kein Verständnis für das Verhalten ihrer Landsleute auf. Die Mehrzahl derer, die uns gegenüber so offen sprechen sind allerdings schon länger hier. Sei es Coralie, Esaban, Olivia, Julie & Patto, JP, Marco, Genevieve, Murielle & Patrik … sie alle sind irgendwann auf Carriacou hängen geblieben oder haben sich bewusst für dieses kleine Eiland entschieden. Sie haben ihren alten Job/ihr altes Leben an den Nagel gehängt, sind per Boot gereist zum Teil die gleiche Strecke wie wir, sind aus irgendeinem Grund geblieben und haben sich hier eine neue Existenz aufgebaut. Der Erfolg gibt ihnen Recht, je nachdem wie man Erfolg definiert aber keiner sagt mir, er/sie habe diese Entscheidung bisher bereut. Es ist nicht das große Geld was hier verdient wird, aber mit einer – sagen wir mal – „europäischen“ Arbeitseinstellung und etwas Talent, Geschick und Geschäftssinn, lässt es sich allem Anschein nach durchaus gut und vor allem entspannt in der Karibik Leben und Arbeiten. Keine Frage, auch hier scheint nicht immer die Sonne, die kulturellen Unterschiede können nicht immer mit smoother Ragge-Musik überdeckt werden und das Geld für Wohnen, Essen, Sonstiges muss erstmal verdient sein. Trotzdem, für mich erscheint eine Rückkehr in die deutsche Lebensweise und vor allem Arbeitswelt immer abwegiger, abstruser und wenig zufriedenstellend … Und ganz ehrlich, wer würde in der aktuellen, sich erneut zuspitzenden Situation nicht lieber hier statt in Deutschland sein?!

Die Frage nach dem „Wie Weiter“ wenn wir nach Deutschland (jemals) zurück kommen beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Erste Zweifel, dass ich in der „alten Heimat“ nach all den Erfahrungen, Erlebnissen und Beispielen, wie es auch gehen könnte, wieder glücklich werde, sind mir schon in Dominica gekommen. Wir haben das Thema meist nur ganz kurz angeschnitten, abgetan und verdrängt, da mit dem gewonnenen bzw. erzwungenem Jahr noch unglaublich viel Zeit für eine Entscheidung vorhanden schien. Die Frage ließ mich jedoch all die Wochen nie so richtig los. Um Antworten zu finden, das Für und Wider abzuwägen, das Risiko abzuschätzen und zu Begreifen, was mich genau umtreibt, suchte ich das Gespräch mit vielen Seglern. Allen voran natürlich Stanek & Cora. Wobei ihre Geschichte natürlich außergewöhnlich ist und die Umstände damals vor 40 Jahren den Ausstieg aus Deutschland zu wagen, mit heute überhaupt nicht zu vergleichen sind. Aber auch Andy & Joanna haben diesen Schritt getan, Jan und Maggi in Dominica ebenfalls. Ich könnte noch unzählige Namen aufzählen, von Leuten die ich hier bzw. unterwegs kennen gelernt habe. Nicht alle Geschichten und Lebensläufe sind schön oder einfach oder nachahmenswert. Es dauert lange und bedarf viel Zeit, bis von den ausschließlich oberflächlich tollen Erfahrungen, ein Einblick in die schwierigen Momente gewährt wird. Wir kennen genug Segler, die Jahre unterwegs sind, die mit großem Enthusiasmus gestartet sind und die irgendwann, meist auf Grund von Geldproblemen, hängen geblieben sind. Die Seglercommunity ist besonders bei diesem Thema recht verschwiegen, nur wenige berichten offen über Probleme und Sorgen. Keiner will zugeben, dass der große Traum von Freiheit irgendwo, irgendwie, an irgendwem gescheitert ist. Und dennoch haben viele perfekte Fassaden Risse, leidigstes Thema ist dabei meist das Geld. Paare bleiben zusammen auf ihrem Boot, weil es für beide keine andere Möglichkeit gibt. Das Boot ist das zu Hause und da das Geld für ein zweites fehlt, arrangiert man sich eben auch wenn man nicht mehr wirklich zusammen ist. Andererseits haben wir/ich unterwegs unzählige Europäer getroffen, die sich bewusst für ein Leben in der Karibik entschieden haben, die sich auf das Risiko, das Abenteuer und die Verwirklichung eines neuen, anderen Lebens eingelassen haben. Nicht jeder ist zufrieden, nicht jeder ist reich geworden, aber was ist schon reich? Ist es der mit viel Geld, mit stetiger Arbeit, mit einem unkündbaren Job, mit vielen Absicherungen, mit einem schicken Haus, viel Anerkennung und dickem Rentenfonds? Oder der mit dem Mut zum Risiko, der mit Blick auf das Heute statt auf das Übermorgen, der der begreift, dass das Leben kurz ist, der sich die Zeit nimmt im Jetzt zu leben statt auf abgesicherte glückliche Tage in ferner Zukunft zu hoffen?

Für einen Reiseblog sind das ohne Frage komplizierte und ungewöhnliche Gedanken, aber für mich sind sie entscheidend und tragen vielleicht dazu bei zu verstehen, warum dies höchstwahrscheinlich mein letzter Blogbeitrag sein wird.

Während ich jetzt zum x-ten Mal versuche, meine Gedanken zu ordnen und diesen letzten Absatz zu schreiben hat Martin Carriacou verlassen und ist nach Grenada gesegelt. Auch diese Formulierung ist nicht richtig, denn letztendlich habe ich ihn verlassen. Die Gründe im Einzelnen aufzuführen ist an dieser Stelle ein Ding der Unmöglichkeit. Und auch wenn ich auf diesem Blog viel Persönliches geschrieben habe, Einblick in meine Gedanken- und Gefühlswelt gegeben habe, ist ein öffentlicher Blog einfach nicht die richtige Stelle, um das Ende einer Beziehung auszudeklinieren. Ich weiß, dass ich mit meiner Entscheidung, dass Ende unserer gemeinsamen Reise einläute, dass ich mir damit die Chance verbaue, gemeinsam mit Martin neue Insel, Ziele und Segeltörns zu erleben … am Schwierigsten jedoch, am Unverzeihlichsten ist allerdings die Tatsache, dass ich ihn mit Selene alleine lasse. Ich kann nur soviel sagen: Wer mich bzw. uns kennt, wird wissen, dass ich mir die Entscheidung nicht leicht gemacht habe, dass ich auch jetzt da ich schreibe, Zweifel habe, mich das schlechte Gewissen plagt und ich traurig bin, dass wir bzw. ich an diesen Punkt gekommen sind. Wie es nun weitergeht mit mir auf Carriacou und Martin auf seinem Schiff, wird die Zeit zeigen. Für ihn ist der Blick in die Zukunft ohne Frage weitaus schwieriger, denn für ihn kam das Ende zwar nicht überraschend aber doch wie ein Schlag in die Magengrube. In ein paar Tagen sehen wir uns hoffentlich wieder, Stanek feiert seinen 75 Geburtstag und auch wenn uns nicht zum Feiern zumute ist, wäre ich sehr froh, Martin hier zu sehen. Ich weiß, dass es unglaublich schwierig ist, ihn in dieser Situation zu unterstützen und zu helfen. Aber ich weiß, dass unter unseren Leser viele, viele Leute sind, die diese Situation kennen, die ihm zuhören werden oder einfach nur ein paar persönliche Worte schreiben werden. Seid so gut und lasst alles raus, was Euch dazu einfällt. Das schlimmste ist in so einem Moment alleine zu sein.

Ob es das jetzt schon war? Ob wir uns wieder zusammenraufen? Ob ich mir mit meiner Entscheidung sicher bin und mir bewusst ist, welches Risiko ich eingehe? Keine Ahnung, ich will keine falsche Hoffnung wecken. Und wer weiß schon, wann ein Risiko zu hoch ist, diese Frage beantwortet einem letztendlich das Bauchgefühl und die eigene Erfahrung. Letztendlich ist der Umstand, dass ich hier gelandet bin auch nur eine Folge dessen, dass ich das Risiko eingegangen bin, meinen Job zu kündigen, meine Zelte weitgehende in Dresden abzubrechen und mit einem Schiff über den Atlantik zu segeln. Die meisten Menschen sagten mir damals, das Risiko sei es nicht Wert. Falsch! Bei all den oberflächlich betrachteten manchmal abstrusen, unerklärlichen, irrationalen oder risikoreichen Entscheidungen die ich in meinem Leben bisher getroffen habe, hat mich ein Spruch geleitet: Man wir später einmal die Fehler am meisten bereuen, die man nicht riskiert hat.

Hier schreibt Martin: Der Beitrag ist nun schon eine Weile als Entwurf vorhanden. Leider sind alle Versuche gescheitert, die Hoffnung auf eine gemeinsame Weiterfahrt gemacht haben. Das hat mir Claudia leider vor kurzem sehr deutlich gezeigt. Um es kurz zu machen: Ich stehe völlig neben mir. Es kann durchaus sein, daß dies der letzte Beitrag in diesem Reiseblog war. Man möge auch die Rechtschreibfehler und fehlenden Endungen verzeihen. Darin war Claudi ein Meister. Mir steht im Moment überhaupt nicht der Sinn danach das zu korrigieren. Da geht er dahin, der karibische Traum…

So long,

Martin

Video:

 

 

 

17 Antworten auf „Carriacou – kleine Insel, große Folgen“

  1. Hallo Martin,
    das klingt alles sehr traurig, aber nachvollziehbar ist es nicht, klar ist es schön die Karibik zu erleben, aber wirft man gleich sein ganzes Leben über Bord? Laß Sie ziehen, weine ihr bitte keine Träne nach, auch wenn es schwerfällt, konzentriere Dich auf Dich und auf Dein wunderschönes Schiff, es wird Dich irgendwann sicher nach Hause bringen, sie wird irgendwann von der Realität eingeholt, eine Frau, die wahrscheinlich noch nie wirklich hat Verantwortung übernehmen müssen, hier in Deutschland lebt es sich schon gut und wer das nicht zu schätzen weiß, der soll bleiben wo der Pfeffer wächst. Bitte falle nicht um, wenn Sie irgendwann auf den Brustwarzen angekrochen kommt, die sogenannte Urlaubsleichtigkeit derentwegen sie den Cut gemacht hat ist bald dahin glaub mir. Ich wünsche Dir alles Gute und bald wieder eine schöne Zeit, ich bin auch Segler und Du hilfst mir sehr die momentan einsamen Abende gut zu überstehen. Gruß Alexander

  2. Hallo Martin!
    Wenn jemand nur zu einem in Guten Zeiten steht und abhaut, wenns nicht so gut läuft, dann ist es besser so, glaube mir!
    Auf die ausführliche Beschreibung einer Eiterbeule hätten bestimmt 99% der Leser verzichten können.
    Man stelle sich mal vor, Claudi hätte einen …

    [Martin hier: Ich habe das mal entfernt. Ich finde das geht zu weit. Bitte nicht persönlich nehmen]

    Viele Grüße
    Die andere Claudia von den Grünen

      1. Du hast recht.
        Ich habe noch nie einen Kommentar zensiert, aber ich finde auch das geht zu weit. Auch wenn Claudi einfach abgedampft ist, finde ich das Ihr gegenüber unfair. Ich habe Claudis Zugriff auf den Blog entfernt, also kann Sie höchstens selbst drauf antworten.

        Wie gesagt: Bitte nicht krumm nehmen, ich bin normalerweise der letzte, der irgend etwas zensiert, aber ich finde es nicht in Ordnung, sowas auf meiner Seite zu lesen.

  3. Liebe Claudia, lieber Martin

    und ja auch wir hatten überhaupt nicht damit gerechnet, dass ihr euch trennen könntet…für uns ward ihr ein tolles Team und eure Beiträge authentisch, nicht aufgemotzt oder „extra“ gemacht…und ich fand es so prima Sachsen gefunden zu haben die unterwegs sind :-). Ich komme ursprünglich aus Chemnitz und lebe seit über 20 Jahren in der Schweiz und eigentlich ist mein Freund „der Segler“… er hat immer die Blog oder Vlogs von allen angesehen ..aber es sind so oft Amis etc….da hat er gesucht bis er euch gefunden hat….und nun soll es schon vorbei sein… ich hoffe das wir trotz allem von euch hören und erfahren wie es mit euch (an Land und im Wasser) weiter geht…vielleicht ist es auch nur eine Pause, man kann nie wissen…. Wir wünschen euch beiden auf jeden Fall das alles gut geht und auch das das Reisen wieder leichter wird.
    Bezüglich das ihr nie von uns gehört habt, obwohl wir euch fleissig „verfolgt“ haben…. wir gehen nicht unbedingt davon aus, dass dies erwünscht ist, meist sind alle schon so überladen mit social media, dass man sich ja auch nicht aufdrängen will und so einfach stumm bleibt…wir wollten euch eigentlich auch schon lange mal unterstützen, aber hatten nie etwas gefunden, wie /wo man es tun kann….eben weil ihr nicht wie alle anderen „gebettelt“ habt, wollten wir das :-)…. wir wollten sogar schon anfragen, aber eben, dass ist auch so eine Sache. Aber nun hat das ja mal geklappt und wir freuen uns, dass ihr/du es so gut brauchen könnt!!
    Alles Gute Anja & Patrick

    1. Hallo Anja und Patrick,
      vielen Dank für die Worte.
      Die Doku wird weiter gehen, auch wenn dieses Kapitel nun leider auch dazu gehört. Wie gesagt, ich bin schon fleissig am nächtsten Beitrag/Video.
      Und was zu Spenden ist keinerlei Pflicht. Und falls was kommt, geht das Geld in Selene und die Reise. Ohne die Verlängerung wäre das auch nicht nötig geworden, das hatte ich schon gut durch kalkuliert. Aber halt nicht, daß ich Selene zu den karibischen Preisen aus dem Wasser holen muß …

      Gruß
      Martin

  4. Martin, lass den Kopf nicht hängen!! Es wird immer weiter gehen, und Du bekommst das auch locker alleine hin!
    Auch für Claudia alles Gute!
    Euer Blog ist wahnsinnig gut geschrieben!
    LG aus Dresden! Franzi

  5. Hallo Martin,
    eigentlich hatte ich mich gefreut wieder mal von Euch zu hören. Bei jeder Hurrikanmeldung nehme ich die Karte, um zu schauen, ob Ihr betroffen seid. Kann denn Claudia jetzt hier noch mitlesen? Eure Berichte waren von einem ganz besonderem Stil geprägt. Ich bin Euch sehr dankbar, dass Ihr uns alle an dieser abenteuerlichen Reise teilhaben ließet. Und so ganz will ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass Claudia wieder auf der Selene anheuert. Denn eins steht fest und das werdet Ihr erst mit ein bisschen Abstand merken, diese Reise hat Euch mehr zusammen geschweißt, als Ihr jetzt denkt. All die vielen kleinen und großen Abenteuer und Erlebnisse haben sich eingebrannt in Euer Innerstes. Das werdet Ihr nie wieder vergessen. Es war / ist Eure Reise. Und sicher hat es Euch auch verändert, wie Ihr jetzt darüber denkt, wie man leben sollte. Es tut mir sehr leid für Euch beide, dass diese Entscheidung sein musste. Ihr seid noch jung und Ihr habt beide eine Portion Abenteuerlust in Euch. Ihr könntet doch noch ein paar Jahre über die Meere segeln. Ich hatte das Gefühl, dass Ihr ein gutes Team seid.
    Lass trotzdem bitte weiter von Dir hören.
    Liebe Grüße Katrin

  6. Lieber Martin, ich bin in Gedanken sehr oft bei euch. Was ihr Beide jetzt durchmacht, tut mir unendlich leid. Verliert bitte nicht den Mut.
    Ich wünsche euch , dass ihr, gemeinsam oder getrennt, auf alle Fälle aber gesund wieder nach Hause kommt. Ihr habt hier viele Freunde, seid nicht allein. Wir vermissen euch Beide.
    In herzlicher Freundschaft
    eure Evi

    1. Evi, du bist so lieb und emphatisch. ich denke, du siehst es wie ich, auch unser „karibischer Traum“, den wir infolge unseres Alters nur noch virtuell träumen konnten in der Begleitung der Selene seit dem Start im August 2019 in Ückermünde ist nun leider geplatzt,

      1. Hallo Uta, hallo Evi,

        Ja es ist eine wirklich eine schwere Zeit für mich … gewesen? Um ehlich zu sein, arbeite ich bereits heimlich am nächsten Beitrag. Ich habe viele Kommentare und EMails zu dem Thema bekommen. Einige haben mich daran erinnert, daß diese Reise Mein Traum war .. und das schon gute 1,5 Jahre, bevor Claudi dazu gestoßen ist. OK, wir haben die Bude zusammen gekauft, vorbereitet und ich bin gerade drann, mit Selene wieder zusammen zu finden. Das ist für die Weiterfahrt im Moment für mich das wichtigste. Dazu kommt die riesige Resonanz auf unseren „Bettelbeitrag“. Auch wenn Claudi abgedampft ist, ich habe das Gefühl, ich bin den Leuten etwas schuldig.

        Ich denke mal, das reicht erst mal für den Moment. Ich habe für mich ein paar Konsequenzen daraus gezogen und werde Selene auf die West-Ost Passage schicken. Der Trip war von Anfang an ein Hauptgrund für die Reise, weil er mich seglerisch reizt. Das wusste auch Claudi. Naja, zur Not mach ich das halt allein 🙂

        1. Hallo Martin, es sehr schade wie es gelaufen ist. Ihr seid immer sehr nett und authentisch rübergekommen. Ich habe auch schon seid Jahren seglerische Träume …. und plötzlich erhält man eine negative Gesundheitsmeldung vom eigenen Körper und alles steht in Frage…..deswegen nicht aufgeben Du lebst Deinen Traum und lebe ihn weiter……viele Grüße
          Jens

  7. Hallo Martin,
    in drei Monaten schauts schon wieder anders aus, WETTEN.. dass?
    Du hast ein Dach übern Kopf (Boot), einen Super Beruf mit dem man überall und in jedem Land was anfangen kann, Du kannst Dir selbst in jeder Situation helfen, Du könntest zurück über den Atlantic fahren und wieder arbeiten oder durch den P- Kanal weiterfahren ….
    Dir steht eigentlich alles offen, was willst Du mehr?
    Liebeskummer ist keine Krankheit, sondern nur ein Neuanfang.

    LG Hans

  8. Lieber Martin, mit dem Ausgang hatte ich nicht gerechnet.
    Ich danke euch für die schönen Reiseberichte, durch die wir euch auf der Reise begleiten konnten. Ich denke an dich und auch an Claudia und hoffe, dass ihr gesund bleibt und eure gemeinsamen Erlebnisse nicht durch diese Entscheidung getrübt werden.
    Bleibt behütet, da wo ihr gerade seid!
    Viele Grüße, Corinna

  9. Lieber Martin! Ein Bericht mit einem bewegenden Ende. Du hast mit dem Unternehmen viel gewagt und wirst es drotz aller Widerlichkeiten zum guten Ende führen. Unser beistand ist Dir sicher! Deine Dir vertrauenden Eltern Erika und Friedrich und Schwester Mandy mit Familie.

  10. Hallo Martin, wir haben uns ja „nur“ vor Jahren kennengelernt, als Du mit Maxi zusammen warst (Besuch im damals provisorischen Armeemuseum, Besuch bei Fam. Katja und Martin Barth zu Weihnachten). Ich wünsche Dir viel Kraft (die ich gerade auch benötige: habe mein Haus verkauft und bin – vor allem wg. meiner Sehbehinderung – „einige Meter weg“ ins altenbetr. Wohnen in der Altstadt von BZ umgezogen.
    Ich weiß, dass diese Worte Dir wenig helfen, aber vielleicht ist ein wenig Zuspruch nicht verkehrt…
    Herzlichst
    Hartwig

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