St. Vincent – und die wunderbaren Menschen

Wieviel sind uns Begegnungen wert? An welchem Punkt entscheiden wir, einem fremden Menschen Gehör zu schenken, uns seine Geschichte, sein Anliegen anzuhören? Kann man den Wert neuer Bekanntschaften überhaupt messen und wie viel ist man bereit, selbst zu investieren? Diese Fragen beschäftigen uns für ein paar Tage nachdem wir unfreiwillig unseren Aufenthalt auf St. Vincent doch verlängern müssen. Starker böiger Wind um die 25 – 28 kn gegen an, dazu eine enorm aufgewühlte See machen uns das Vorankommen schon ab Young Island schwer. Entlang der Westküste erfassen uns immer wieder Fallböen, mal direkt mal als Legerwall, dann herrscht plötzlich Flaute dann wieder Wind. Ein ständiger Wechsel zwischen Segel rauf, runter, steuerbord, backbord, Maschine an, Maschine aus – es nervt! Hoch am Wind machen wir nur 3 kn Fahrt gegen die Welle, selbst unter Maschine werden wir es nie vor Einbruch der Dunkelheit bis nach St. Lucia schaffen. Die letzte Ankerbucht liegt bereits 5 Meilen hinter uns, als wir entscheiden kehrt zu machen und in der Bucht von Chateaubelair vor Anker auf besseres Wetter zu warten.

Die Bucht ist im Doyle-Guide mit nur wenigen Worten beschrieben. Bis auf die Dark View Waterfalls (die ich ja schon kenne) und der 18 km lange Aufstieg auf den Soufrier-Vulkan bietet der Ort nicht viel Erwähnenswertes. Ein kleines Städtchen an der Westküste in dem man hauptsächlich von Fischfang und Landwirtschaft lebt, umgeben von Urwald und weit von der Hauptstadt entfernt. Immerhin gibt es ein Immigration- and Customs Office, denn wir sind ja offiziell bereits ausgereist. Weiter ist zu lesen, dass es oft schwierig ist mit dem Dinghy an Land zu kommen, zuweilen sei es unmöglich. Bis auf den großen Fähranleger, welcher derzeit umgebaut wird, gibt es keinen Steg für Beiboote. Somit muss man an den Strand fahren und hoffen, dass die großen Wellen nicht gerade in dem Moment brechen, wenn man versucht an Land zu steigen. Es wird vor vielen Händlern auf Booten, Bettlern und neugierigen Kindern gewarnt. Man soll möglichst alles an Bord wegräumen in der Nacht und das Dinghy am Besten an Bord legen – na prima!

Wir lassen uns von der starken Nordwest-Dünung in die Bucht schieben und sehen schon von weitem, dass hier ein heftiger Schwell steht – das kann ja heiter werden. Wir halten nach den beschriebenen Mooring-Tonnen Ausschau als uns schon von weitem der erste „Typ“ auf einem abgeranzten Surfbrett entgegen gepaddelt kommt. Immerhin trägt er eine Art Rettungsweste und zwischen seinen Beinen liegt ne Einkaufstüte. Das Spiel kennen wir jetzt schon ganz gut: Er wird uns wahrscheinlich zu einer Tonne „begleiten“, beim Festmachen helfen und dann einen Tip (Trinkgeld) verlangen. Nebenbei wird er uns noch das was da in seiner Tüte hat, verkaufen wollen. Fitzmore, so sein Name, erklärt uns jedoch schnell, dass da wo wir festmachen wollen kein guter Platz ist, die Mooringtonnen sein abgebaut und zum Ankern ist es viel zu schwellig. Wir sollen ihm an den Rand der Bucht folgen, dort sei die See ruhiger und er können uns einen guten Platz mit Sandgrund zum Ankern zeigen. Na gut, dann folgen wir ihm mal, d.h. wir schleppen ihn hinter uns her bis zum anderen Ende der Bucht – umdrehen können wir immer noch. An der angezeigten Stelle dreht Martin erst mal das Wasser glatt, was jedoch gar nicht so einfach ist, denn neben Fitzmore paddelt auch schon der erste neugierige Junge mit seinem Surfbrett direkt um uns herum. Noch einen Meter näher dran und der Rockna-Anker wäre ihm direkt auf’s Brett geplumpst. Wir sind noch mit dem ganzen Ankergeschirr, Festmachen, Hahnepott u.s.w. beschäftigt als wir schon die nächsten Kids auf ihren Brettern auf uns zu kommen sehen. O.K. tief durchatmen, ist hier wohl so. Fitzmore bekommt natürlich seinen Tip und wir bekommen von ihm die größte Papaya, die ich jemals gesehen habe. Er verabschiedet sich schnell von uns mit dem Hinweis, dass er uns hier alles besorgen kann und morgen wieder käme. Jetzt muss er aber schnell los, drei weitere Yachten halten Kurs auf die Bucht…

So richtig wohl fühle ich mich an unserm Ankerplatz jedoch nicht. Keine Ahnung, wie oft wir uns jetzt schon 360° um unseren eigenen Anker gedreht haben. Zudem sind wir gefühlt sehr dicht an Land, wenn das Heck zur Küste dreht. Vielleicht noch 30 m bis zur Küste, für geübte Schwimmer keine wirklich weite Distanz trotz der Strömung. Somit sind wir auch das erste Schiff im weiter wachsenden Ankerfeld, welches – nun da die Schule aus ist – von immer mehr Kindern besucht wird. Die Kids sind tatsächlich unglaublich neugierig und fragen allerhand, jedoch habe ich schnell den Eindruck, dass sie einfach nur wissbegierig sind, wer da so in ihrer Bucht Halt macht. Und doch merken wir schnell, dass jedes Gespräch auf die Frage hinaus läuft, ob sie vielleicht ne Cola oder einen Keks bekommen können….

Martin läßt das Dinghy zu Wasser um an Land die Ein- bzw. Ausreiseformalitäten zu klären. Da es ein echter Kraftakt ist, den neuen Außenborder an’s Dinghy zu montieren, lassen wir das für heute und Martin versucht es mit Paddeln. Bis kurz vor dem Strand klappt das auch ganz gut, allerdings erwischt auch ihn eine recht hohe Welle und spült ihn samt Gummiboot an Land – zum Glück war die Maschine nicht dran! Mir reicht’s für heute, der Tag lief so gar nicht wie geplant. Außerdem fällt es mir unglaublich schwer, unsere vielen Besucher bestimmt aber freundlich abzuwimmeln. Da ist sie also wieder, die gewohnte Skepsis vor den Einheimischen, die sich nicht zuletzt aus den Hinweisen des Doyle Guide speist. Bei jedem Bötchen oder Paddelbrett, dass auf Selene zuhält verkrieche ich mich unter Deck und warte bis die „Hello Captian“- Rufe von draußen nicht mehr zu hören sind, außerdem hab ich die Hände voll klebrigem Brotteig…

Als Martin wieder zurück ist, meint er ganz aufgeregt, dass neben uns die „Wild Child“ von Capitain Lexi vor Anker liegt – oh wie, schön, alte Bekannte! Dazu muss ich ein wenig ausholen: Capitain Lexi, eine sehr resolute und stimmgewaltige Kanadierin haben wir durch Zufall über Kolja, den wir wenige Tage zuvor getroffen haben, in der Prickley Bay Grenada kennen gelernt. Kolja, ein echt entspannter Typ der gerade das Abitur in der Tasche hat, trampt seit einigen Monaten um die Welt und kam zur selben Zeit wie wir mit einem Segelboot auf Grenada an. Seither suchte er nach einer nächsten Möglichkeit, weiter nach Südamerika oder irgendwo anders hin zu segeln. Bis er ein neues Boot gefunden hat, welches ihn weiter mitnimmt, schläft er einfach draußen im Wald. Natürlich hätten wir ihn für eine Weile an Bord nehmen können, aber nur wenige Tage später sollte ja schon Mama in Kingstown zusteigen. Wir sind neugierig, wie man es als „Anhalter“ in die Karibik schafft und so laden wir ihn natürlich zu uns an Bord ein. Während wir eine uns dreien völlig unbekannte Frucht verspeisen, die Kolja aus Interesse einfach mal mitgebracht hat, erzählt er von seiner Reise, seinen „Mitfahrgelegenheiten“, seinen Begegnungen und auch den Schwierigkeiten beim Trampen. Ich bin schwer beeindruckt. In dem Alter hätte ich mir das nie zugetraut, noch dazu alleine. Mal ganz davon abgesehen, dass mir meine Eltern wahrscheinlich die Ohren langgezogen hätten mit dem Hinweis, ich solle erstmal was vernünftiges lernen, bevor ich an Urlaub und Reisen denke….
Dennoch gestaltet es sich für ihn wohl schwieriger als gedacht, hier ein neues Boot zu finden. Obwohl in der Bay so viele Yachten vor Anker liegen, scheint es nicht einfach für ihn zu sein, mit den Eignern/Skippern in Kontakt zu kommen. Um ihm bei seiner Suche zu helfen, bieten wir ihm an, über Nacht zu bleiben und am nächsten Morgen einen Funkspruch im Sailors-Network abzusetzen. Die Reichweite über den „Segler-Gossip-Kanal“ ist sehr hoch und vielleicht kann er darüber eine neue Crew finden. Kolja nimmt das Angebot gerne an, noch dazu mit der Aussicht, statt wieder im Wald, auf einer richtigen Matratze zu schlafen. Am nächsten Morgen gibt er sein Anliegen per Funk durch und bekommt auch prompt eine Antwort. Am Mittag will ihn ein Segler an der Sailors Bar treffen – perfekt. Wir bringen ihn an Land und warten gemeinsam auf John, der aber nicht auftaucht. Stattdessen hören wir, wie sich am Nebentisch mehrere Segler (sorry, Segler*innen) unterhalten. Eine Frau fragt nach einen Tramper aus Deutschland, den sie heute morgen im Segler-Funk gehört hat und sie sei dringend auf der Suche nach einer Crew. Hier, hier, hier! Das sind wir! Die Frau mit der eindrucksvollen Stimme stellt sich als Captain Lexi aus Kanada vor und sie brauche für die Weiterfahrt nach Norden dringend Verstärkung für ihr Boot. Wir überlassen ihr unseren „Schützling“ und sind froh, dass heute scheinbar zwei Menschen gefunden haben, wonach sie suchen. Wobei, ein wenig schmunzeln müssen wir doch, denn unterschiedlicher können Charaktere kaum sein. Kolja, ein tiefenentspannter Waldorffschüler, der sich um gar nichts Sorgen macht, teilweise den Wald Menschenansammlungen vorzieht und trotzdem neugierig auf die Welt ist. Capitain Lexi, eine energische und selbstbewusste Langzeitseglerin, die viel rumgekommen ist und genau weiß was sie will und und vor allem was nicht. Von sich selbst sagt sie, dass sie ein wenig „crazy“ aber auf eine liebenswürdige Art ist. Und um das unter Beweis zu stellen, trällert sie mal eben „Alle meine Entchen“ auf deutsch, was sie von ihrer Mitseglerin/Partnerin? Elena gelernt hat – wir sind gespannt, wie dieses Mitsegelabenteuer weitergeht.

Nun treffen wir sie hier wieder und ich bin gespannt, wie es Mr. Kol (so sein Name an Bord) geht. Am nächsten Morgen halten sie kurz bei uns, bevor sie versuchen mit ihrem Beiboot an Land zu fahren. Es dauert eine ganze Weile bis sich die Kapitänin zu einen Landeversuch durchringt. Kolja und Elena gehen an Land und Lexi schaut nochmal bei uns vorbei. Martin war vorhin schon ganz aufgeregt und jetzt sehe ich auch, warum. Lexi hat genau den selben Außenbordmotor wie wir, unser Evinrude ist ja leider kaputt. Martin wittert eine Chance, das alte Ding loszuwerden. Vielleicht im Ganzen, vielleicht als Ersatzteil. Lexi ist auch gleich Feuer und Flamme als sie unsere Maschine sieht, da ihr Motor doch wesentlich schlechter gewartet ist. In dem Moment habe ich mich schon damit abgefunden, dass ich heute wahrscheinlich wieder nicht an Land komme, denn nach wenigen Minuten sieht unser Cockpit wie ne Schrauberwerkstatt aus. Lexi saugt förmlich alle Erklärungen zum Aufbau, Wirkungsweise und Reparaturmöglichkeiten auf, die Martin ihr zeigt. Er hat sichtlich Spaß daran, unsere alte Maschine mit der Antriebswelle aus Lexis Johnson wieder in Gang zu bringen. Währenddessen gibt sie uns stückchenweise Einblick in ihr Leben, wie sie zum Segeln gekommen ist, warum sie das tut und wie lange schon. Ein bewegtes Leben mit scheinbar vielen Tiefen und wenigen Höhen. Lexi macht trotz ihrer energischen Art einen etwas ängstlichen und zutiefst mißtrauischen Eindruck. Ich denke mir kurz, dass sie sich viele positive Erfahrungen und Begegnungen entgehen lässt aus Angst davor, vielleicht eine schlechte Erfahrung (mehr) zu machen. Welche Insel bzw. Ankerplatz sie anläuft, entscheidet sie nach der Anzahl und Aussage negativer Rezensionen zu einem Ort. Nun, die meisten Menschen neigen dazu, hauptsächlich negative Erfahrungen zu publizieren, positive findet man hingegen nur selten. Daher wundert es mich, dass sie hier in Chateaubelair gelandet sind… Sie klärt mich auf, dass sie den Chris-Doyle-Guide nicht besitzt und nur nach Rezensionen im www sucht, o.k.!?!

Während die Stunden so dahin fließen und die Teile an den Motoren getauscht werden springt Lexi des öfteren auf und schaut nach ihrem nur wenige Meter entfernten Boot. Es kommen immer wieder Händler und Kinder vorbei, die das Schiff neugierig bestaunen. Bei jedem Boot das sich nähert, befürchtet sie, dass sie ausgespäht und später bestohlen werden. Sie hat Angst um ihr Dinghy, um ihre Treibstoffkanister, um scheinbar alles, was nicht niet-und-nagelfest mit dem Boot verbunden ist. So paranoid kann man doch gar nicht sein… Auch wir bekommen öfters Besuch, aber wir versuchen freundlich und bestimmt nach einer kurzen Plauderei die Angebote abzulehnen. Manchmal nicht ganz einfach, aber es geht. Fitzmore kommt vorbei, dann John, dann Boy-Boy, dann einige Kinder. Am späten Nachmittag hält ein sehr altes und handgezimmertes Ruderboot auf Selene zu. Der alte Fischer macht auf mich einen sehr ärmlichen und schon fast bemitleidenswerten Eindruck. Zähne hat er nicht mehr viele und somit ist er schwer zu verstehen. Auch seine Augen sind seltsam trüb und ich frage mich, wie viel er überhaupt noch sehen kann. Aber wir verstehen trotzdem ganz gut, dass er uns seine gefangenen Fische verkaufen möchte. Lexi macht kurzen Prozess und erklärt ihm, von oben auf ihn herab schauend, dass sie nichts außer ihrem T-Shirt und den kurzen Hosen habe, sie sei keine reiche Frau sondern ein armer Segler und ob er ihr vielleicht etwas Geld geben könnte … ich bin in dem Moment so verdutzt und denke nur kurz: Das hat sie jetzt nicht wirklich gesagt! Er schaut uns ganz entgeistert an, fragt nach einer Zigarette, die ich ihm schnell gebe um die unangenehme Situation zu beenden, dann paddelt er mit gesenktem Haupt davon. Ich fühle mich kurz richtig mies und schäme mich für dieses Verhalten dem Fischer gegenüber, noch dazu weil es auf unserem Boot passiert ist. Was wird er jetzt wohl denken… Schließlich sind wir hier die Gäste und auch wenn wir nichts für das Ankern bezahlen, ist es deren Heimat, deren Bucht, deren Insel die wir wie selbstverständlich anlaufen … so muss das zu Kolonialzeiten gewesen sein. In dem Moment schnurrt der reparierte Motor los und alle an Bord sind glücklich. Lexi kauft uns den alten, in Gang gebrachten Evinrude für einen schmalen Taler ab, denn wie alle Langzeitsegler (wie wir letztendlich auch), ist auch ihr Budget begrenzt und behält ihren „Alten“ als Ersatzteillager. Na Gott sei Dank, sind wir das olle Teil jetzt los.

Als Lexi glücklich und zufrieden zu ihrem Boot zurücktuckert, sage ich Martin, dass mir das Verhalten von unserem Gast dem Fischer gegenüber echt peinlich ist und ich mich dafür schäme. Bin ich froh, Martin sieht das genau so. Wir sind uns einig, dass wenn er nochmal vorbei kommt, wir uns bei ihm entschuldigen oder vielleicht sogar versuchen, ihn an Land zu finden.
Als wir spät Abends im Cockpit sitzen, taucht plötzlich erneut Mr. Boy-Boy wie aus dem Nichts mit seinem kleinen Boot an der Bordwand auf. Auch ihn hatten wir heute Nachmittag schon zu verstehen gegeben, dass wir eigentlich nichts brauchen und gerade mit der Reparatur des Motors beschäftigt sind. „Noo Problem, my fried, I cam letar!“ Und auch er hat diese kindliche, naive Sprache, die es mir unheimlich schwer macht ihn einerseits ernst zu nehmen und andererseits unverrichteter Dinge davon zu schicken. Auf dem Bug seines Bötchens steht ein Pappkarton aus dem er wie aus einer Schatztruhe immer neue Früchte herauskramt. Eine einzelne Orange, dann eine Banane, dann eine Mango, dann eine Muskatnuss und alles aber wieder einzeln in den Karton zurück verstaut. Es wirkt so als wolle er zum einen etwas verkaufen, zum anderen könne er sich aber auch nicht von seinen Schätzen trennen. Die Art, wie er die Vorzüge seiner Früchte anpreist ist so einmalig, dass wir ihm doch etwas abkaufen, auch wenn unser Obstnetz langsam von der Decke reißt. Das Geschäft dauert reichlich 20 min und er hat sich gerade 3 mal mit „A go home nao, b’caus a need some sleep“ in die Nacht verabschiedet, als er doch wieder hinter der Sprayhood auftaucht. Ob wir vielleicht etwas an Bord haben, was wir nicht mehr bräuchten und ihm verkaufen könnten. Mmmmmh, wir schauen uns mit großen Augen an und fragen, an was er genau denkt. Unter anderem zwei Reifen (ca 40 cm Durchmesser), eine Signalpistole, 10 Batterien in Größe des kleinen Fingers und ne Taschenlampe. Wir erklären ihm, dass wir diese Dinge nun gerade nicht vorrätig an Bord haben und Mr. Boy-Boy nickt verständnisvoll, da unser Schiff ja auch nicht so groß sein. Vielleicht kommt bald ein größeres Boot und er fragt dort einfach nochmal nach. Er verabschiedet sich wiederum 3 – 4 mal mit dem Hinweis, dass er jetzt schlafen müsste und wünscht uns eine gute Nacht. Bis morgen dann.

Es dauert gar nicht lange bis am nächsten Morgen Fitzmor vorbei schaut und uns nach unseren Plänen für den Tag fragt. Tour zum Vulkan gefällig? Oder zu den Wasserfällen? Ob wir sonst irgendetwas brauchen? Nein, vorerst nicht, wir sind gut versorgt und Obst brauchen wir momentan auch nicht. Ok, eine Kokosnuss nehmen wir, keine Ahnung wie wir die aufbekommen. Wir plaudern noch eine ganze Weile, dann versucht er sein Glück bei den anderen Yachten. Kurz darauf hören wir von unter der Bordwand erneut „Hello Captain, how r’ya? How’s yar day, ma friend? (Hallo Kapitän, wie geht’s. Wie ist dein Tag, mein Freund?) Ich sehe ihn gar nicht gleich, aber da ist wieder John auf seinem Mini-Surfbrett, ein riesiger Eimer mit Obst steht zwischen seinen Beinen – wie macht der das, ohne umzukippen? Gestern haben wir ihm ein paar Bananen abgekauft, heute versucht er es mit Orangen. Wir lehnen dankend ab, da wir jetzt schon nicht mehr wissen, wann wir das viele Obst essen sollen. Aber das lässt er nicht so richtig gelten, die Orangen könne man prima auspressen und dann mit Rum verfeinern – mmmh, wo er Recht hat, hat er Recht. Ich zeige ihm die wenigen EC-Münzen die wir noch haben, denn einen Schein kann er nicht wechseln und zähle ihm 9 EC (3 €) für die handvoll Orangen vor. Er strahlt und packt uns gleich die doppelte Anzahl Früchte auf`s Deck. Wir plaudern auch mit ihm noch eine Weile und mir fällt auf, dass auch er wie alle unsere Besucher eine sehr einfache und langsame Sprache verwendet. Durch die häufigen Wiederholungen von zum Teil ganz simplen Sachverhalten entsteht irgendwie schnell der Eindruck, dass man es – nun, wie sage ich es am Besten – mit einem sehr einfachen Geist zu tun hat. In den kommenden Tagen werden wir aber noch merken, dass dem nicht so ist. Zum einen ist der inseleigene Dialekt ist für uns kein bisschen zu verstehen. Die Unterhaltungen mit den Seglern erfolgt für die Einheimischen somit auch in einer Art Fremdsprache. Zum anderen sind für uns ganz alltägliche Sachverhalte wie z.B. die Beschaffung von AA-Batterien, einer Taschenlampe oder von Paddeln für viele hier ein Anliegen von höchster Wichtigkeit und extrem schwierig.

Nachmittags versuche ich dann auch mal mein Glück, möglichst trocken an Land zu kommen. Das SUP scheint mir heute besser geeignet zu sein als das Gummiboot. Alles klappt gut, die Wellen tragen mich bis an den Strand, ich steige in das knöcheltiefe Wasser, ziehe das Bord an Land – WUMMMS – eine große fiese Welle ist dann doch immer zwischen den recht kleinen versteckt. Die Dusche erwischt mich vom Scheitel bis zur Sohle und ich stehe wie ein begossener Pudel am Strand. Prima! Wieder zurück zum Boot wäre jetzt auch Quatsch. Egal, das laue Lüftchen bei 30° und Sonnenschein wird mich schon bald wieder getrocknet haben. Und so mache ich mich pitsche-patsche nass auf den Weg in das kleine Städtchen. Der dunkle Sandstrand ist nur wenige Meter breit, dahinter stehen schon die ersten einfachen Holzhütten. Viele davon hat der letzte Hurrikan 2017 einfach davon geweht, aber mit Hilfe der Regierung konnten die Einwohner ihre Behausungen neu errichten, erfahre ich später. Unter Kokospalmen und Mandelbäumen gackern überall Hühner herum, Ziegen blöken und an den dicken Stämmen sind hier und da Schweine angepflockt, die sich die kühle Meeresbriese um die Schnauze wehen lassen.

Die Häuser bzw. Hütten wirken dennoch recht einfach, zum Teil ärmlich und improvisiert aber der Ort strahlt eine ungemeine Friedlichkeit und Ruhe aus. So muss es auf den karibischen Inseln gewesen sein, bevor diese von Touristen/Seglern entdeckt wurden. Die Menschen, die mir begegnen sind unbeschreiblich freundlich. Hello Ma’am, how was ya day? Evre thing’s fine, ma friend? Ja, was soll ich da sagen, wie mein Tag bisher war… Etwas belustigt über mein triefendes Aussehen kommt man schnell ins Gespräch. Die meisten fangen laut an zu lachen, als ich ihnen erzähle, wie ich an Land gekommen bin. Es folgt ein gut gemeintes Schulterkopfen nach dem Motto: Das lernst du auch noch.

Ich will mir die lange Bucht und vor allem den Fähranleger noch mal genauer anschauen, ob es nicht doch eine bessere Anlegemöglichkeit für das Dinghy gibt, als mir eine ältere Frau am Strand ganz aufgeregt und winkend entgegen läuft. Auch sie fragt mich gleich, ob mit mir alles in Ordnung sei, da ich so nass bin. Nein, nein Ma’am, alles in Bester Ordnung. Dann folgen die üblichen Fragen nach meinem Namen, wo ich her komme und ob mir St. Vincent gefalle. Sie stellt sich als Miss Maisy vor und möchte gerne, dass ich ein Foto von ihr mache. Ich denke mir noch, das kenne ich doch schon, gleich im Anschluss möchte sie für das Fotografieren ein kleines Trinkgeld haben. Aber nichts dergleichen passiert. Wir plaudern noch eine Weile und dann bietet sie mir doch noch Limetten zum Verkauf an. Ich sage ihr, dass mir zwar tatsächlich Limetten fehlen aber ich leider nur einen großen 100 EC Schein dabei habe. Oh, gar kein Problem, denn könne sie wechseln, ich solle ihr nach Hause folgen … öhm

Miss Maisy

… noch bevor ich etwas erwidern kann huscht sie schon flink zwischen den Häusern und Gärten hindurch und winkt mir, ihr zu folgen. Na gut, warum nicht. An ihrem Häuschen angekommen bleibe ich erst mal auf der Veranda stehen. Von meinen Beinen und Füßen rieseln noch immer Unmengen schwarzer Sand, aus meinem Shirt und der Hose tropft nach wie vor das Meerwasser. Sie bittet mich dennoch vehement herein und ich solle einen Moment warten, bis sie das Wechselgeld gefunden habe. An der Tür schrecke ich jedoch kurz zusammen. Im Halbschatten sitzt eine ganz winzig kleine, in sich zusammen gefallene uralte Omi, die mich mit wachen Augen mustert und mir ein lautes „Good afternoon, Ma’am!“ entgegenschleudert. Wo ich herkomme, möchte sie wissen und ich solle neben ihr Platz nehmen. Ich lehne dankend ab und sage ihr, dass ich ganz voll Sand bin und meine Hosen nass wären. Och, dass sei gar kein Problem denn es ist nicht ihr zu Hause – goldig!

Mrs. Adam, stolze 96 Jahre alt aber noch fit

Also setze ich mich brav hin und versinke in dem weichen Sessel, der die Feuchtigkeit aus meinen Klamotten förmlich aufsaugt. Mr. Adam ist sage und schreibe 96 Jahre alt und möchte wieder und wieder von mir wissen ob ich aus England komme. Ich sage ihr wieder und wieder, dass wir aus Deutschland mit einem Segelboot gekommen sind aber die Antwort scheint sie irgendwie zu enttäuschen, ich werde später noch erfahren warum. Miss Maisy hat inzwischen die Wechselscheine gefunden und zählt mir die 100 EC in die Hand. Dabei verwechselt sie einen 10 EC mit einem 100 EC-Schein. Ich weise sie auf ihren kleinen Fehler hin, mit dem Hinweis dass dies kein gutes Geschäft für sie sei. Sie holt ihre Brille und bedankt sich überschwänglich. Dafür soll ich die Limetten kostenlos bekommen. Aber vorher muss ich noch ein bisschen bleiben und ihr von mir erzählen. Letztendlich redet dann doch sie mehr und ich erfahre, dass die alte Mrs. Adam eine Freundin der Familie sei und sie sie pflegen würde. Ihre Kinder arbeiten alle in der Hauptstadt oder auf anderen Inseln. Somit muss sie ihren Unterhalt mehr oder weniger alleine bestreiten. Dazu hilft sie den älteren Bewohnerinnen mit Besorgungen oder verkauft z.B. die Eier deren Hühner. Eier ist ein gutes Stichwort, die wollte ich noch im Supermarkt besorgen – also warum nicht direkt bei ihr. Ich frage noch, ob ich ein paar kaufen könnte – na klar, gerne! Wieviele sollen’s denn sein, eine ganze Stiege (30 Stk.). Sie sieht ein, dass das für mich ein Problem ist, eine ganze Stiege auf dem Paddelbrett bis zum Boot zu bekommen. Aber ihr Neffe kann das übernehmen. Wir einigen uns auf 15 Stück (für 5 EC), die sie ganz behutsam in eine Tüte packt und ich bezweifel dass auch nur eines davon im Ganzen bei Selene ankommt. Aber da steht auch schon der Neffe in der Tür, so ein Zufall, es ist Fitzmore. Die Tante gibt dem Neffen unmissverständlich die Fakten durch und Fitzmore macht sich sogleich mit seiner kostbaren Fracht auf den Weg zum Boot ohne auch nur eines zu zerbrechen. Ich verabschiede mich inzwischen und muss verspreche nochmal vorbeizukommen, bevor wir abreisen.

Am Strand hatte ich das kleine Holzboot mit der Aufschrift Torpedo liegen sehen, welches dem alten Fischer gehört. Ich erzähle Martin davon und er beschließt, dem Fischer einen Besuch abzustatten und sich für den Vorfall gestern zu entschuldigen. Ausgestattet mit zwei Bier und wieder pitschnass von der Dinghyüberfahrt sowie dem ungewissen Gefühl, ob er sich überhaupt erinnern kann, macht er sich kurz vor Sonnenuntergang auf den Weg.

Mr. Torpedo, der eigentlich Alfred heißt, sitzt im Schatten vor seiner kleinen Hütte direkt am Strand als ihn Martin anspricht und sein Bedauern ausdrückt. Sogleich kommt seine Frau Christina dazu, die große Augen macht und meint, ihr Mann würde keinen Alkohol trinken aber gerne Zigaretten rauchen. Der Schwiegersohn bekommt die Szene auch recht schnell mit, begrüßt Martin mit einem Händedruck bei dem ein riesiges Päckchen Marihuana unangesprochen den Besitzer wechselt. Dass ein großer weißer Mann bei dem offensichtlich wirklich zur ärmeren Einkommensschicht gehörendem Fischer vorbei schaut und sich für etwas entschuldigt was auf seinem Schiff passiert ist, ruft auch in der Nachbarschaft größtes Interesse hervor. Es dauert nicht lange bis unzählige Kinder in dem kleinen Vorgarten rumwuseln und die Erwachsenen dieser ungewöhnlichen Szene aus der Ferne beiwohnen. Martin bleibt noch bis es Dunkel wird. Der Fischer bedankt sich und schnorrt die halbe Packung Zigaretten genussvoll weg, Kesroy (der Schwiegersohn) bekommt das mitgebrachte Bier und alle zusammen bis auf die hochschwangere Tochter rauchen den Berg Marihuana. Zum Schluss bittet Martin Mr. Torpedo ob er uns morgen vielleicht einen schönen Fisch angeln könnte, er strahlt und verspricht morgen Mittag am Boot zu sein.

Mrs. Torpedo aka Mama Christina

Gegen Mittag ist Mr. Torpedo wie versprochen mit den Fischen da. In seiner Kühlbox liegen unzählige Fische, die er heute morgen geangelt hat. Er lässt es sich nicht nehmen, die 5 Red Snapper für uns zu schuppen und zu säubern. 20 EC und eine Zigarette sind sein Preis. Nebenher zeigt er uns ganz stolz sein Fanggerät, welches aus einer Angelsehne mit mehreren Haken sowie einer alten Plasteflasche zum Aufwickeln der Schnur besteht. In der Bilge seines Ruderbootes schwimmen einige kleine Fische und ich sage ihm, die seinen wohl aus der Kühlbox geflohen. So schnell kann ich gar nicht schauen, wie er einen davon aus der Bilge fischt und einen Angelhaken dem zappelde Tier durch das Auge fädelt … würg! In Deutschland absolut verboten, lebende Köder zu verwenden, hier ist das die gängige, weil erfolgreichste Methode. Er lädt uns für den Nachmittag zu sich nach Hause auf eine Kokosnuss ein und wir nehmen die Einladung gerne an.

Vorher müssen wir noch zum Immigration- und Zollbüro unser Papiere abzuholen. Außerdem wollte ich bei Miss Maisy kurz vorbeischauen. Wir paddeln dafür zu zweit an den Strand und lassen das Dinghy zwischen den Palmen liegen. Dass es gestohlen werden könnte, bereitet uns keine Sorgen mehr. Sowohl Fitzmor als auch Boy-Boy und John versichern, dass wenn hier etwas abhanden käme, sie würden sofort in Erfahrung bringen können, wer das war.

Unsere Pläne für einen entspannten Nachmittag macht uns der Zollbeamte kurzerhand zunichte. Das Office hat zwar noch bis 18:00 geöffnet aber der Immigrationofficer ist schon weg. Er muss unsere Pässe neu abstempeln. Es ist bereits Freitag Nachmittag und vor Montag komme er auch nicht nochmal nach Chateaubelair. Der Zollbeamte zuckt nur hilflos mit den Schultern und empfiehlt, nach Wallilabou zu fahren. Ok, und wie sollen wir da hin kommen? Gibt es hier Taxis? Nein! Gibt es hier einen Bus? Nein! Gibt es hier Sammeltaxis? Manchmal! Kann man die Strecke mit dem Dinghy fahren? Vielleicht! Wir überschlagen schnell die Meilen bis in die Wallilabou-Bay und die noch zur Verfügung stehende Zeit bevor das Büro schließt und vor allem bevor es wieder Dunkel wird. Martin will es mit dem Dinghy versuchen und traut der neuen Honda-Maschine zu, zeitnah die 4 Meilen hin und auch wieder zurück zu bringen. Mir ist gar nicht wohl bei ein Blick auf die Wellen und unser kleines Gummibötchen. Auf dem Rückweg zum Beiboot frage ich deswegen schnell im einzigen Restaurant nach, wie schnell ein Taxi hier sein könnte und was das etwa kosten würde. Der Besitzer des Restaurants bekommt die Unterhaltung zwischen mir und der Kellnerin mit und bietet kurzerhand an, Martin für 50 EC mit seinem Auto zum Immigration-Office zu bringen. Perfekt, so machen wir das. Ich gehe derweil nochmal zu Miss Maisy und Mrs Adam. Die alte Dame erwartet mich bereits und fragt gleich als erstes ob ich aus England sei. Nein, Ma’am, wir kommen aus Deutschland. Und dann erzählt sie, dass sie als Kind in England gelebt hat. Ihre Mutter war Hausmädchen bei einer Familie in London und dort sei sie aufgewachsen. Später habe sie ihre eigentliche Heimat besucht und gemerkt, wo ihr zu Herz schlägt. Aber Geschichten aus England hört sie trotzdem gerne. Miss Maisy fragt mich ein wenig besorgt nach unseren weiteren Reiseplänen und ob das nicht gefährlich sei. Ich erzähle ihr, dass der Heimweg nicht ganz unproblematisch sei, die See, das Wetter, Stürme … auf den langen Passagen muss man viel Gottvertrauen haben. Das ist ihr Stichwort und sie schlägt mit einem Mal die Bibel auf, ließt mir einige Passagen vor und sagt mit unerschütterlicher Gewissheit, dass alles gut wir „God is great, God is good, God will bless you!“ Zum Abschluss will sie unbedingt noch mit mir beten und ich bin unglaublich gerührt, von dieser fürsorglichen Geste. Sie sagt mir zum Abschied, dass wir jederzeit in ihrem Haus willkommen sind und wir eine sichere Reise haben werden, da sie uns jeden Tag in ihre Gebete einschließen wird. Was für eine wunderbare Begegnung. Für viele Menschen hier scheint das tatsächlich auch ihr Schlüssel zum Glück zu sein. Trotz der aus unserer Sicht ärmlichen Verhältnisse, machen die Menschen einen zufriedenen und dankbaren Eindruck. Fragt man ebenso zurück „Wie geht es dir, wie war dein Tag?“ antworten fast alle „I’m fin, I walk with jesus“.

Martin ist kurz vor Einbruch der Dunkelheit zurück und konnte die Passformalitätet erledigen. Unserer Abreise morgen von diesem wunderbaren Fleckchen Erde steht nichts mehr im Weg. Vorher aber wollen wir noch der Einladung von Mr. ado folgen, auch wenn es schon ganz schön spät ist. Die Familie sitzt auf den Stufen ihrer kleinen Holzhütte beim Abendessen und schauen auf die im Meer untergehende Sonne. Ich denke kurz, wie gesegnet diese Leute sind, für so einen Ausblick bezahlt man auf anderen Karibikinseln Millionen nur für das Grundstück. Mutter Christina und der Schwiegersohn springen so gleich auf, bitten uns Platz zu nehmen und verschwinden in der Hütte. Kesroy fragt ob wir was Essen oder Trinken möchten, aber wir lehnen erstmal ab und wollen auch gar nicht lange die Familienidylle stören. Kurz darauf erscheint er mit einer großen Schüssel Reis mit Gulasch und reicht es Martin. Da es jetzt schon recht dunkel ist, sind wir echt nicht sicher, was da in der Schüssel schwimmt. Martin langt trotzdem beherzt zu und es scheint zu munden. Nachdem er einen großen Teil verspeist hat, reichte er mir die Schüssel weiter. Ich kann gar nichts mehr erkennen aber es schmeckt fantastisch. Mutter Christina klärt uns auf, das sei Ziege mit Früchten, Kaktusfeige glaube ich, und allerhand Gewürze, die so unglaublich gut nach Karibik schmecken. Ich mubbel so vor mich hin als auch mir Kesroy meine eigene riesige Portion bringt. Ein wenig unangenehm ist es mir schon, denn ich glaube wir futteren ihnen gerade das Abendessen weg. Nein, nein, kein Problem, es ist genug für alle da – so, so rührend. Wann und warum haben wir das in Deutschland eigentlich mit der Gastfreundschaft Fremdem gegenüber abgelegt? Die hochschwangere Tochter ist der ganze Stolz von Vater Torpedo und alle freuen sich auf das Baby, welches nächste Woche zur Welt kommen soll. Ich frage sie eher beiläufig ob ich vielleicht ein paar Fotos von ihr und ihrem schönen großen Belly machen kann/soll und sie sagt sofort begeistert: „Yes, please! Come tomorrow!“

Das zierliche Persönchen von vielleicht 18 Jahren hat ganz schön an ihrem Bauch zu tragen und so biete ich ihr erneut meinen Platz zum sitzen an. Ich hocke mich neben den Familienvater auf ein ausrangiertes Surfbrett. Kesroy kommt noch dazu und zeigt uns seinen ganzen Stolz auf seinem eigentlich völlig unbrauchbarem Smartphone: Seine Freundin Chrystell (Tochter des Hauses), ihre beiden Kinder und seine Marihuana-Plantage! In dem Moment gibt das Surfbrett unter uns nach, wir landen alle auf dem Boden und zum ersten Mal höre ich Mr. Torpedo lauthals lachen – das Eis ist nun endgültig gebrochen. Das mit dem Gras interessiert uns jetzt doch ein wenig und Kesroy erzählt uns wirklich stolz, dass er einer der wenigen Farmer hier auf St. Vincent sei, der eine staatliche Genehmigung zum Anbau von Marihuana besitzt. Dafür muss er die Hälfte seiner Ernte zu einem Festpreis für pharmazeutische Zwecke abgeben, den Rest darf er behalten bzw. verkaufen. Und während uns Mama Christina Orangenlimonade serviert, rollt uns der Sohnemann einen Joint seines besten Grases auf… das Leben und manche ungeplanten Begegnungen sind einfach ein Geschenk 😉

Nach diesem vorzüglichen Desert steht uns beiden für die nächsten Stunden ein breites und entspanntes Grinsen im Gesicht. All zu lange können wir aber nicht mehr bleiben, wir müssen noch am dunklen Strand das Dinghy finden und vor allem das Boot. Alfred bringt uns persönlich bis an den Strand und ich staune wieder, wie er das bei seinem eingeschränkten Sehvermögen schafft. Nicht ein Stolpern, nicht ein Straucheln, wie ein Roboter läuft er über den holprigen Weg, die löchrige Straße und schließlich die schmale Brücke. Wir verabschieden uns herzlich und wünschen uns alles Gute. Wir sollen so bald wie möglich nach Chateabelair zurückkommen.

Kesroy’s pharmazeutisches Heilkraut zeigt inzwischen volle Wirkung und wir brauchen gefühlt Stunden, bis wir bei Selene ankommen. Martin lehnt sich ganz entspannt zurück, während ich fasziniert feststelle, dass man sich total schnell auf einem Gummiboot um die eigene Achse drehen kann, rückwärts also vorwärts paddeln geht auch, nur nicht so gut … luhstig! Wir kichern vor uns hin und Selene scheint immer wieder von uns weg zu fahren. Nebenher bemerken wir ein Ruderboot in unserer Nähe, welches aber einen ganz guten Sicherheitsabstand hält. Ist das Mr. Torpedo, der sicher gehen will, dass wir irgendwann bei unserem Boot ankommen? Wir schaffen es wieder erwarten trockenen Fußes an Bord und wollen den Abend ganz entspannt ausklingen lassen, als Mr. Boy-Boy hinter der Sprayhood auftaucht. „Good evaning, ma fried! How ar’ya?“ Er scheint etwas besorgt gewesen zu sein, da er uns im Beiboot gesehen hat und fragt ob alles in Ordnung ist … öhm … ja es könnte nicht besser sein! Ein wenig muss er schmunzeln, als er sieht, dass es uns offensichtlich sehr gut geht. Wir hören uns an, wie sein Tag war aber wieder nicht nur einmal sondern mehrmals, Boy-Boy wiederholt sich sehr oft und sehr gerne. Aber gut, das ist offenbar was ihn heute so beschäftigt hat. Dann fängt er an wie schon die Tage zuvor in seiner Schatzkiste zu kramen und packt uns schließlich drei Bananen und eine seltsam aussehende Frucht auf´s Deck. Eigentlich haben wir wirklich mehr Obst als wir jemals essen können und ich habe schon nach Alternativen zur Marmeladenherstellung gesucht (Gelierzucker kennt man hier nicht). Jedoch erinnere mich schwach daran, tags zuvor davon gesprochen zu haben, dass wir irgendwann mal wieder Bananen bräuchten und gerne eine Sternfrucht hätten. Das was da an Bord liegt ist definitiv keine Sternfrucht – sondern ein Sauersack, wie ich heute weiß.

So lustig es ist, Mr. Boy-Boy zuzuhören, ich möchte ihn jetzt gerne bezahlen und dann meine Ruhe haben. Er nennt uns einen Preis und mir fällt ein, dass er nach einer Taschenlampe gefragt hatte. Ich weiß, dass ich irgendwo noch eine einfache Lampe als Ersatz dabei habe, immerhin mit LED und vielleicht sogar wasserdicht. Nach kurzem Wühlen in den Schapps ist sie gefunden und ich präsentiere ihm mein Tauschobjekt. Boy-Boy bekommt große Augen und hüpft mit einem Mal ganz aufgeregt in seinem Boot von einem Fuß auf den anderen. Als er versteht, dass ich ihm die Taschenlampe tatsächlich geben will und er sie behalten darf, ist er seelig. Ok, sie reicht nicht ganz bis an Land , aaaaber: „I cahn’t us tis in ma dinghy. B’cause its no strong enauff! But I cahn us tis in ma hause!“ (Ich kann sie nicht im Dinghy verwenden, weil sie nicht stark genug ist. Aber ich kann sie zu Hause verwenden!) Freude! Und nochmal: „I cahn’t us tis in ma dinghy. But I cahn us tis in ma hause! When ser is no electrisity during hurikan“ und nochmal, und nochmal, … diese kindliche Freunde und der unnachahmliche Dialekt sind so ansteckend, dass wir uns vor Lachen kaum halten können. Immer wieder leuchtet er damit in Richtung Land, in sein Boot, dann mir in die Augen (ich bin kurz blind) und freut sich wie ein Schneekönig. Vor lauter Aufgeregtheit packt er gleich noch drei Orangen, einen großen Bund Bananen und mehrere Muskatnüsse dazu. Dabei erklärt er uns sehr ausführlich wie die Orangen, die Bananen und die Muskatnüsse zu verwenden sind. Besonders die Nutmeggs (Mukatnüsse) liegen ihm sehr am Herzen, denn mit jeder einzelnen Nuss, die er aus seiner Schatzkiste zaubert, erklärt er uns deren Verwendung. Jedes mal wenn er „Muskatnuss“ statt Nutmegg sagt, muss ich an diesen uralten Film mit Louis de Funes denken und versuche der Anständigkeit halber, nicht laut loslachen zu müssen. Ich denke mir, damit hat sich das jetzt erledigt, aber nein, das Geschäftliche muss noch geklärt werden. Die ersten drei Bananen und der große Sauersack sind das eine Geschäft, der Zuschlag danach ein anderes. Also geben wir ihm noch die paar EC und wünschen ihm eine gute Nacht. Gleiches Spiel wie die Tage davor, mehrmals seine Ankündigung: „A go home nao, b’caus a need some sleep!“ (Ich gehe jetzt nach Haus, weil ich schlafen muss!), Martin liegt zu dem Zeitpunkt schon auf der Bank im Cockpit und hält sich vor Lachen den Bauch. Dann gleitet BoyBoy leise mit seinem Ruderboot in die Dunkelheit um 10 Sekunden später wieder anzulegen und zu fragen, ob wir vielleicht 2 Reifen „tis size“ oder Batterien oder eine Leuchtpistole dabei hätten. Ich kann nicht mehr, denn jetzt zeigt er uns ganz stolz seine neue Taschenlampe … das Ganze wiederholt sich bis auf die Früchte noch zweimal und irgendwann bin ich mir nicht mehr sicher, ob das wirklich passiert ist oder die Nachwirkungen von Kesroy’s gutem Stoff waren….

Wobei, es gibt Begegnungen und Geschichten, die kann man sich nicht ausdenken. Derartige wunderbare Erlebnisse mit Menschen kann man auch nicht wiederholen, nicht erzwingen. Man kann aber danach suchen und wenn sich die Gelegenheit bietet sollten man den Moment nutzen, denn diese Geschichten sind die Essenz und der Grund auf Reisen zu gehen!

 

Video:

5 Antworten auf „St. Vincent – und die wunderbaren Menschen“

  1. Hallo ihr Liebe,
    es ist sehr schön, wieder tolle Erlebnisse von euch zu hören und mit zu erleben. Vor allem zu sehen, dass es euch gut geht.
    Ich könnte stundenlang lesen, bin total ergriffen und fühle mich teilweise, als wäre ich mittendrin und dabei.
    Herzlichen Dank und eine behütete Weiterfahrt.
    Liebe Grüße
    Evi

  2. Hallo Ihr Beiden
    Bei dem schaurigen Wetter in Deutschland,ist es eine Wohltat Eure Reiseberichte zu lesen und die Videos zu sehen.Man bekommt Fernweh.Unsere Nautilus haben wir auch für die kommende Saison vorbereitet und können es kaum erwarten wieder aufs wasser zu kommen.Solltet Ihr die BVI`s auf Eurer Route eingeplant haben,besucht unbedingt Virgin Gorda und die Insel Aegada.
    Beste Grüsse und eine gute Reise wünscht Euch die Nautilus Crew.

  3. Hallo Ihr Beiden
    Bei diesem schaurigen Wetter in Deutschland , ist das das Lesen Eurer Beiträge und das Schauen der Videos eine wahre Freude.Wir freuen uns auch schon auf die kommende Bootssaison undkönnen es kaum erwarten.Solltet Ihr die Absicht haben die BVI`s zu besuchen ,ist es lohnenswert Virgin Gorda als auch Anegada anzusteuern.
    Beste Grüsse aus der Lausitz von der Nautilus Crew

  4. Klasse, das ist Urlaub! Einfach offen zu sein, Land und
    Leute kennen zu lernen und über wirklich schöne Erlebnisse
    und Begenungen berichten zu können. Wir wünschen Euch
    weiterhin eine gute Fahrt und warten schon sehr gespannt auf Euren nächsten Bericht.

    Liebe Grüße
    Ruth und Egon

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