St. Vincent and the Grenadines

Nach den Bilderbuch-Stränden auf Grenada, Sandy Island und Carriacou kann ich mir kaum vorstellen, wie es noch schöner, noch karibischer, noch „traumstrandiger“ sein kann. Jedoch versprechen die Bilder im Revierführer für den nördlichen Inselstaat St. Vincent and the Grenadines, kurz SVG, Karibikfeeling erster Klasse. Die Gewässer rund um die mehr als 80 Inseln und Inselchen, gelten als eines der beliebtesten Segelreviere der Leeward Island.  Somit fällt die Auswahl der Inseln die wir anlaufen wollen, gar nicht leicht. Allen ist gemein, dass sie mit Palmenstränden, kristallklarem Wasser, freundlichen Menschen, chilligen Beachbars oder geschützten Korallenriffen mit den besten Schnorchelbedingungen werben. Zudem sind die Wege innerhalb der Grenadinen recht kurz, teilweise unter 10 Meilen. Zahlreiche Charterunternehmen werben daher mit One-way-Törns südwärts zu den Grenadinen, denn der einzige Nachteil in diesem Seegebiet liegt im beständigen Nordostwind. Von Grenada weiter nordwärts zu gelangen bedeutet daher immer, hoch am Wind zu segeln.

Nachdem wir im Costumes- and Immigration-Office in Carriacou unserer Crewliste ein drittes Mitglied, meine Mama, hinzugefügt haben, verlassen wir den Inselstaat Grenada mit Ziel Union Island. Die südlichste Insel von SVG, auf der wir wiederum den bekannten Papierkram für die offizielle Einreise erledigen müssen bevor es weiter in die Grenadinen geht, liegt nur 10 Meilen entfernt. Wie erwartet weht heute ein straffes Lüftchen aus NO mit 20 – 24 kn. Gegen die spitze Atlanikwelle und mit gerefften Segeln benötigen wir dann doch 3 h bis Clifton Harbour, der Inselhauptstadt. Die Bucht erscheint riesig, allerdings sollte man bei der Anfahrt schon die Hände aus den Hosentaschen nehmen. Zum eine ist die Betonnung nicht so einfach auszumachen, zum anderen liegt inmitten der Bucht ein sehr flaches ungekennzeichnetes Riff. Trotz reichlich vorhandener Mooringtonnen wird dazwischen noch frei geankert und statt eines Speedlimits für Dinghys scheint es eher einen Geschwindigkeitswettbeweb für Gummiboote zu geben … Bei der Einfahrt kommt uns Mr. Plat mit seinem Holzbötchen entgegen. Er führt uns an eine der freien Mooringtonnen und hilft uns beim Durchfädeln der Leine am glitschigen Ankerball. Viele Einheimische verdienen sich damit ein paar EC dazu, denn sie bekommen einen geringen Anteil der Nutzungsgebühren von den Marinabetreibern für ihre Hilfestellung. Entsprechend viele bunte Holzbote knattern durch die Bucht. Die Mooringtonne von Mr. Plat liegt zwar sehr dicht am Strand und damit an der Einflugschneise sämtlicher Beiboote die zum Dinghy-Hafen wollen, dafür können wir aber das WiFi der nächsten Bar anzapfen. Zudem ist unser Weg an Land recht kurz, was unserem neuen Crew-Mitglied sehr entgegen kommt. So richtig geheuer sind Uta die Fahrten mit unserem kleinen Schlauchboot noch nicht. Allerdings ist es nun mal der einzige Weg, trockenen Fußes an Land zu kommen und so überwiegt die Neugier eines Landgangs dann doch recht schnell die Angst vor nassen Füßen beim Ein- und Aussteigen oder gar einer Kenterung.

Union Island ist wie erwartet eine fröhlich bunte, ein wenig chaotische Insel. Die wenigen Einheimischen, mit denen ich beim Einkaufen ins Plaudern komme, sind überaus höflich und freundlich. Und ins Plaudern kommt man hier unheimlich schnell. „Hey maahn, ho´r ye doin?“ (Hey mein freund, wie gehts dir), wobei die Übersetzung und vor allem die Aussprache nicht einfach wiederzugeben sind, sind hier wie überall in den Grenadinen nicht nur einfache Floskeln. Häufig schließt sich dran direkt ein Gespräch über „woher kommst du“, „was machst du“ an … oder nach Geld, aber das ist eine andere Geschichte. Fragt man die Gemüse Verkäuferin, den Helfer am Marinasteg oder irgendeinen Typen auf der Straße nach seiner Geschichte oder woher er kommt, spürt man einen unglaublich tiefen und ehrlichen Stolz auf die eigene Herkunft – die Grenadinen, St. Vincent …. „no betta place in da hole world, maahn!“ Mich erstaunt das deswegen so sehr, denn hier auf Union Island fällt mir zum ersten Mal die Klufft zwischen den Einrichtungen für die überwiegend gut betuchten Touristen und die der ortsansässigen Bevölkerung auf. Einerseits die penibel feine Marina- und Appartementanlage mit eigenem Dinghy-Hafen über den eine pitoreske Brücke führt. Über der schmalen Hafenpromenade thront ein zauberhaftes durchgesyltes Restaurant mit einer tollen Aussicht über die Bucht. Als Blickfang dient ein großes Meerwasseraquarium in dem Lobbster in diversen Größen begutachtet werden können, bevor sie gegrillt oder als Pasta-Beilage auf dem eigenen Teller landen – pro Pfund 70 EC. Wenige Meter dahinter beginnt das alte Zentrum der Stadt, schiefe bunte Holzhäuschen, einfache Bars, BBQ-Grills. Omis, die selbstgezogenes Gemüse verkaufen, junge Typen, die an irgendeinem Außenbordmotor rumschrauben, ältere Herren, die in der Sonne dösen. Über dem winzigen Markplatz wabbern Raggamusik und Haschisch-wölkchen während am Fischereisteg die Einheimischen 3 Lobbster für insgesamt 20 EC kaufen. Im Bougainville-Resort nebenan schlürft man auf der Terrasse Chardoné für 27 US$ pro Glas. Für mich sind das zwei völlig verschiedene Welten und ich verstehe bis heute nicht, warum man in einem fremden Land, einer fremden Kultur Urlaub macht aber den Standard von daheim auch im Ausland braucht…

Egal, wir wollen in die Tobago Keys, DER karibischen Inselgruppe, die wie keine andere für Traumstrände, türkisfarbenes Wasser, Korallenriffe, Fische, Schildkröten, einfach für Karibiktraum steht. Der Schlag nach NO ist kurz, gerade einmal 5 Meilen bis zur kleinen Inselgruppe. Auf Grund der vielen Riffe und Untiefen, die rund um die 4 Hauptinsel liegen, tuckern wir unter Maschine in Richtung Bardal-Island. Zwei Ankerplätze sind im Bereich der Keys angelegt, auch hier wieder viele Mooring-Tonnen gesetzt, da das Ankern in geschützten Riffen ein erhebliches Maß an Sorgfalt bzw. Erfahrung voraussetzt. Die Inselgruppe ist wie Sandy Island als Natural Reserve eingestuft und es gelten somit besondere Regeln beim Ankern zum Schutz des Riffes und der Tierwelt. Die Mooringtonne kostet pro Tag 50 EC, dazu kommt noch ein „Snorkling-fee“ (Schnorchel-Gebühr) von 3 EC p.P./T. Wie erwartet sind wir nicht alleine, ich schätze an die 50 Yachten bzw. Katamarane werden die nächsten Tage unsere Nachbar sein … Die unterschiedlichen Türkis-Abstufungen im Wasser zeigen uns an, wo Sand bzw. wo Steine oder Riffe sind. Einmal um die eigene Achse mit dem Schiff drehen, zieht die Wellen glatt und mit einem letzten Blick ins glasklare Wasser wissen wir, dass unser Anker auf Sandgrund fällt. Unter dem Schiff befinden sich ebenfalls keine Korallenbänke, die von der schwoienden Ankerkette beschädigt werden könnten. Jetzt aber genug Segeltheorie – ab ins herrlich klare, 30 °C warme Wasser.

Schwärme von bunten Fischen, immer wieder Schildkröten, sogar ein Rochen schwimmt vorbei. Der helle weiße Sandstrand von Bardel ist zum Schwimmen eindeutig zu weit weg, noch dazu weht auch heute ein straffes Lüftchen aus NO und so paddel ich wie ein Olympionike gegen die Wellen an. Martin hat’s da unter Wasser mit Schwimmflossen und Schnorchel leichter. Aber der kurze Kraftakt lohnt sich, das kleine Eiland ist wie aus dem Bilderbuch. Denkt man sich die vielen anderen Landgänger, die mit knatternden Dinghys, Selfisticks, aufblasbaren Badetieren und Picknickkörben den Strand heimsuchen weg, könnte man sich wie Robinson fühlen. Den meisten reicht es aber schon ein schickes Foto für Instagram in formvollendeter Pose am Strand zu schießen und lassen sich dabei die herrliche Aussicht auf der kleinen Insel entgehen.

Nur wenige Meter oberhalb des Gewusels am Strand, bin ich fast alleine. Ein paar wenige Wanderer oder Naturliebhaber, die anscheinend auch die Ruhe suchen begegnen mir noch, aber dann habe ich die Insel scheinbar für mich. Jedoch nur scheinbar, denn plötzlich schaut mich aus einem Strauch keinen Meter von mir entfernt ein ca. 60 cm langer Leguan an – Tach auch! Was nun, was fressen die, sind die nett, ich hoffe die sind satt und genau so relaxed wie die Menschen in der Karibik! Der Leguan hat aber offenbar auch keine so große Lust darauf von mir beäugt zu werden und so klettert er für seine stattliche Größe doch ziemlich geschickt von den dünnen Zweigen. Ab jetzt bewege ich mich wie ein Indianer auf Pirsch im Schneckentempo vorwärts. Und tatsächlich finden sich plötzlich jede Menge Leguane, die unter Sträuchern und auf Ästen in der Sonne dösen. Manche sind ein wenig aufgebracht, dass sie in ihrer Mittagsruhe gestört werden. In ihrer unnachahmlichen Art wackeln sie dann ein Stück auf dem Weg davon, bleiben stehen, fangen an mit dem Kopf zu nicken (ich habe mal irgendwo gelesen, dies sei eine Drohgebärde) und ziehen sich dann ins Unterholz zurück. Neben den urzeitlichen Tierchen finden sich nebenher noch viele, viele Vögel, die ich bisher nicht kannte, Schmetterlinge, Blumen, Palmen, Kakteen – für Naturliebhaber ein kleines Paradies. Und immer wieder diese wunderbare Aussicht auf das Riff. Erst von hier oben kann man die gesamte Größe überblicken.

An der Nordostküste gibt es einen weiteren kleinen Sandstrand, den aber wahrscheinlich nur wenige besuchen, die im Hauptankerfeld liegen und den „beschwerlichen“ Aufstieg von 100 m nicht auf sich nehmen. Ein paar ganz wagemutige Yachties haben zwischen Insel und Außenriff geankert. Ich überlege kurz, ob wir vielleicht auch dahin umziehen sollten, wenn es heute Nacht zu turbulent wird – so eine kleine negative Ahnung hat mich heute schon befallen, als ich die vielen, vielen Charter-Kats gesehen habe.

Auf der Rückfahrt mit dem SUP taucht ganz plötzlich ne riesige Schildkröte vor mir auf und will auch partout nicht untertauchen. Ich bleibe also erst mal regungslos sitzen und wir treiben eine ganze Weile nebeneinander her. Die Verhaltensregeln für die Keys besagen u.a., dass man sich den Tieren nicht mehr als zwei Meter nähern soll. Auch anfassen, bedrängen oder hinterher schwimmen ist untersagt. Die Situation klärt sich schnell als ein vollbesetztes Dinghy mit 8 bierdosenschwenkenden, sonnenverbrannten Vollidioten der Meinung ist, die Schildkröte aus nächster Nähe fotografieren zu müssen – ich liebe Chater-Crews! Zurück an Bord berichten Martin und ich, wie faszinierend die Inselwelt sowohl über als auch unter Wasser ist, denn die Mama hat sich noch nicht so richtig von Bord getraut. Da es keinen Steg zum Anlegen für Beiboote gibt, muss man bis an den Strand fahren und im passenden Moment aussteigen bevor einen die nächste Welle an den Strand spült. Das klingt offensichtlich für sie wie ein Himmelfahrtskomando und so versuchen wir sie mit allen Mitteln in das Dinghy zu locken, morgen klappt es bestimmt. Das SUP ist ihr bisher auch so ein Graus und da sie aber gerade so schön im Wasser dümpel,  überrede ich sie von der Leiter auf das wackelige Paddel-Bret zu steigen. Es klappt auf Anhieb! Noch zwei, drei kurze grundsätzliche Erklärungen und meine liebe Uta kreiselt freudestrahlend mit ihren 70 Jährchen auf nem SUP vor den Tobago Keys! Mama, bin stolz auf dich!

Mit der Abenddämmerung enden leider auch die Patrouille-Fahrten der Parkranger und viele Crews wechseln in den Party-Modus. Das Speedlimit von 5 kn ist scheinbar außer Kraft gesetzt, sowohl Einheimische als auch Gäste heizen zwischen den Booten hindurch. Durch den entstehenden Schwell fangen die Schiffe an, im Ankerfeld zu tanzen. Dazu kommt Party-mucke von 2 – 4 Schiffen in unterschiedlicher Lautstärke, die Qualität ist bei allen nicht überzeugend. Das ist leider genau die Situation die wir befürchtet haben, der oft zu beobachtende Konflikt zwischen einzelnen Charter-Crews und Eigneryachten. Die einen wollen ihren Urlaub zur geilsten Zeit des Jahres machen, also Party, Party, Party ohne Rücksicht auf andere, die anderen wollen einfach nur ihre Ruhe und mokieren sich schon beim kleinsten Pieps. Und so beobachten wir für ein, zwei Stunden das Kräftemessen zwischen mehreren (französischen) Charter-Katamaranen und Eigneryachten, die auf Grund ihrer langen Segelerfahrung demonstrieren müssen, wer hier die Chefs im Ankerfeld sind. Über gleißend helle Flutlichtscheinwerfer, die die Missetäter in der gesamten Bucht ins rechte Licht rücken, bis hin zu Funksprüchen, die das komplette amerikanische Schimpfwortregister bemühen, werden alle Geschütze aufgefahren. Schade, aber friedliche Koexistenz scheint für manche Zeitgenossen undenkbar zu sein.

Letztendlich verbringen wir noch zwei weitere herrlich entspannte Tage in den Keys: Schwimmen, Schnorcheln, Seele baumeln lassen. Ein kurzer Besuch per Dinghy auf Petit Bateau, der größten Insel im Archipel, zeigt uns, dass es hier noch weitaus touristischer zugehen kann. Zwischen Petit Bateau und Petit Remeau liegt das zweite große Mooringfeld des Naturschutzgebietes. Die Yachten hier sind um einiges größer, der Trubel an Land ebenso. Viele Händler mit Krimskrams und Souvenirs, Einheimische die eisgekühltes Bier zu den Charteryachten liefern, Musikgedudel am Strand … es erinnert irgendwie ein wenig an Malle. Am letzten Tag können wir Mama dann doch noch überreden, die „Höllenfahrt“ mit dem Gummiboot an den Strand zu wagen, unsere Berichte von der herrlichen Aussicht, den Pflanzen, Tieren und der unbeschreiblichen Ruhe auf Bardel Island lassen sie ihre Bedenken dann doch endlich über Bord werfen. Da unser kleines Schlauchboot für drei Personen „ä bissl“ klein ist, paddel ich mit dem SUP voraus und helfe am Strand beim Anlegen – letztendlich alles gar kein Problem und die kurze Exkursion auf das Inselchen zahlt sich für sie natürlich auch aus.

Nachmittags verlassen wir nach drei Tagen doch schon das Karibik-Insel-Paradies. So schön es ist, hier die Seele baumeln zu lassen, uns läuft langsam die Zeit davon. Die Insel Mayreau lassen wir westlich liegen und segeln das kurze Stück von 7 Meilen nördlich nach Canouan. Neben zwei Tagesankerbuchten im Süden der gerade mal 7.5 km² kleinen Insel bietet sich hier nur die Grand Bay vor der Hauptstadt Charlestown als Liegeplatz an. Beim Schmökern im „Doyle Sailors Guide“ ist zu lesen, dass auf Canouan in den vergangenen Jahren massiv investiert und privatisiert wurde. So befindet sich mittlerweile sowohl der gesamte Süd- als auch der Nordteil der Insel in „privat property“, also in Privatbesitz reicher Ausländer bzw. Entwicklungsgesellschaften. Weniger als die Hälfte der Gesamtfläche Canouans ist für Besucher und, was besonders traurig ist, für die Einheimischen genehmigungsfrei zu betreten! An der Südspitze wurde mit der Glossy Bay Marina ein Hotel-Resort entwickelt, die schmale Landzuge dahinter nimmt komplett der Flughafen ein, welcher speziell für Lear-Jets und mittelgroße Privatflugzeuge errichtet wurde. Der Norden der Insel und damit der größte Teil Canouans gehört der CRD – Canouan Resort Developement Company, welche auf einer Gesamtfläche von ca. 3.5 km² lediglich ein Hotel mit 25 Zimmern und einen standesgemäßen Golfplatz betreiben, der riesige Strand der Maho Bay im Norden gehört freilich auch dazu. Bedauerlicherweise befindet sich der höchste Berg Canouans, der Mt. Royal, ebenfalls hier und so ist eine Besteigung ohne permit nicht möglich…

Im nördlichen Bereich der Charlestown Bay und damit im Windschatten der angrenzenden Berge sind einige Mooringtonnen vor dem Tamarind Beach Hotel gesetzt, will man ankern so muss man dieses außerhalb des Mooringfeldes tun. Südlich des Fähranlegers ist jedoch reichlich Platz und es liegen nur wenige Schiffe vor dem lagen Strand. Wir suchen uns ein Plätzchen mit vermeintlich ausreichend Abstand zu unseren Nachbarn, denn im Revierführer ist zu lesen, dass Fallwinde aus Nordost und entgegenstehender Schwell im Wechsel mit der Tide, die vor Anker liegenden Boote mächtig hin und her schwoien lassen. Trotz mehrerer Dinghystege in diversen Karten finden wir keine Anlegemöglichkeit für unser Gummibötchen, von dem riesigen Fähranleger mal abgesehen. Also bleibt nur zu „beachen“, aber da wir das ja nun mehrfach mit Mama geübt haben, klappt es auch diesmal ohne zu kentern 😉 Als wir von unserem abendlichen Landgang zurück auf dem Boot sind, ist uns der Ankerplatz dann doch nicht mehr so geheuer. Eine Motoryacht, die heute Nachmittag noch einige Bootslängen entfernt von Selene lag, kommt uns nun plötzlich bedrohlich nahe. Um die Nacht ruhig schlafen zu können, ankern wir also nochmal um. Bei 30 – 40 m Ankerkette reicht ein anfänglicher Abstand von 60 m zum nächsten Boot dann doch nicht aus, wenn man sich 180° um den eigenen Anker dreht.

Am nächsten Vormittag beliefert uns Markus, den man über VHF 16 erreichen kann, mit allem möglichen was wir in den Keys nicht bekommen konnten: Eis für den Kühlschrank, Diesel, Wasser, Bier und einen schönen großen frischen Red Snapper. Nicht alle Crewmitglieder wollen beim Ausnehmen und Filieren dabei sein und so schaut uns Mama nur gelegentlich aus dem Niedergang auf die blutigen Finger. Dank des vielen Eises im Kühlschrank können wir die Filets ohne Bedenken erstmal bis zum Abend lagern.

Canouan näher kennen zu lernen, überlassen wir diesmal Uta. Die Aussicht, Land und Leute zu entdecken, hat sie inzwischen so mutig gemacht, dass sie ohne lange zu fackeln um eine Überfahrt an Land bittet und sich auf die Socken macht. Ganz ehrlich: Ich finde das cool, wenn ich mal 70 bin möchte ich auch noch so ne Neugier auf Neues und Unbekanntes haben und vor allem ohne Scheu alleine auf Menschen und fremde Kulturen zugehen können, dass sie englisch sprechen kann, hilft natürlich ungemein. Als sie wieder zurück ist, sprudelt es dementsprechend auch aus ihr heraus, was sie alles gesehen, erlebt, erfahren hat. Freut mich, die „Kleine“ auch mal alleine losschicken zu können 😉 Ich suche mir derweil ne nette Bar am Strand, Arbeit wartet. Genauer gesagt unser Reiseblog und dazu brauchen wir nun mal eine gescheite Internetverbindung. Das Netz ist leider auch in der Mangrove Bar recht mau, dafür sind die Cocktails straff, die Aussicht bezaubernd und die Angestellten nett. Es dauern nicht lange bis ich mit Raffield, einem der Kellner ins Gespräch komme. Eigentlich sei er Ingenieur aber auf St. Vincent war keine Arbeit zu finden, in der Tourismus- bzw. Dienstleistungsindustrie bekomme aber jeder einen Job. Gerade im Blick auf Canouan ist das schon ein heikles Thema und so taste ich mich ganz vorsichtig an die Situation zwischen Einheimischen und Investoren/superreiche Ausländer heran. Seine Antwort ist wie überall in der Karibik keineswegs negativ und eher höflich. Die Touristen sein wichtig und willkommen, aber sie sollen sich doch bitte nicht wie assholes (Arschlöcher) benehmen. „Whith money you can buy everything!“ sagt er zum Abschluss dann doch etwas resigniert dazu. Er würde sich wünschen, dass wenigstens die handvoll Einwohner Canouans (ca. 1.500) ihre Insel überall genehmigungsfrei betreten könnten und ihnen nicht noch mehr Land genommen wird – kann ich absolut verstehen.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf, fällt die Entscheidung nicht schwer, die nächstgelegene Insel Mustique auszulassen. Einst als „playground and hide-away“ der Reichen, Schönen und Berühmten entwickelt, ist die Promi-dichte bzw. derer, die sich dafür halten, nirgends in der Karibik so hoch wie auf Mustique. Dementsprechend lang ist die Liste der „Don’ts“, die Liste der „Do’s“ hingegen sehr kurz. Wir beschließen also direkt nach Bequia zu segeln. Kurs NNO für reichlich 20 Meilen. Wie erwartet bläst uns ein straffer Nordostpassat entgegen und wir kommen gegen die spitze Atlantikwelle so hoch am Wind nur langsam voran. Wir sollten uns echt angewöhnen, die große Genua gegen die kleinere Fock bei solchen Schlägen zu tauschen.

Die letzten 3 Meilen in die Admiralty Bay verlangen unserer Geduld und vor allem der Maschine noch mal einiges ab. Bei Böen bis zu 30 kn direkt auf die Nase zieht sich die Ankunft eine knappe Stunde hin und wir haben sehr, sehr viel Zeit, den Küstenstreifen und den Revierführer ausgiebig zu studieren. Da es nur im Süden Bequias eine weitere kleine Ankerbucht gibt, ist die weite Bay vor der Hauptstadt Port Elisabeth ordentlich voll. An die hundert Yachten liegen über die ganze Bucht verstreut vor Anker oder vor Mooring, trotzdem wirkt es nicht überlaufen. Schon in den ersten Minuten nachdem unser Anker vor dem Prinzess Margret Beach fällt und Ruhe einkehrt, bemerke ich, dass dieses Fleckchen Erde einen ganz eigenen Zauber hat. Entlang der Ostseite der Bucht befinden sich mehrere feine Sandstrände, natürlich fehlen die Palmen nicht, kleine bunte Bars und Restaurants in sämtlichen Preisklassen ziehen sich bis zum Hafen. Es gibt einen Fußweg über die Klippe und weiter am Strand, der ganz dicht am und über dem kristallklaren Wasser gebaut ist. Jede zweite Bar oder Surfschule oder Geschäft hat hier einen Anlegesteg. Man schlendert unter Palmen und Mandelbäumen, über weißen Sand, neben her schwimmen bunte Fische und Schildkröten. Schon der erste kurze Landgang lässt mich zu dem Schluss kommen – Traumhaft, hier will ich bleiben!

 

Aber schon am ersten Tag wird die anfängliche Freude getrübt, unser alter Evinrude Außenbordmotor quitiert mit einem lauten Knall nun endgültig seinen Dienst. Diagnose: Antriebswelle gebrochen, shit! So ein Ersatzteil ist wohl kaum mehr aufzutreiben. Da schon Samstag ist, wird es gar nicht so einfach sein, einen neuen „Gebrauchten“ zu beschaffen. Statt durch Port Elisabeth bzw. durch Bequia zu schlendern, halte ich die Stellung an Bord und Martin versucht einen Ersatz zu beorgen. Natürlich müssen wir hierfür erst mal recht viel rumtelefonieren, was über das deutsche Netz nicht ganz billig ist, denn mit dem Dinghy müssten wir jetzt an Land paddeln – und die Bucht ist groß. Zum Glück haben wir bereits am Vormittag Uta an Land gebracht, so dass sie von der ganzen Aktion bzw. meiner schlechten Stimmung nichts abbekommt. Martin schafft es nach einigen Versuchen und mehreren Stunden schließlich doch noch einen Yachtausrüster an die Strippe zu bekommen, der uns eventuell weiterhelfen kann. Über VHF 68 bestellt er ein Wassertaxi (Mrs. Blessing, die uns noch oft fahren wird) und lässt sich von ihr zur Werft bringen. Da saß ich dann also, wartete und wartete, schaute sehnsüchtig an Land – hach, so nah und doch so fern. Zwischendurch funkt mich Mama mehrfach an, dass sie bitte abgeholt werden möchte.. Herrschafftszeiten!!! Das auch noch! Na gut, sie wusste ja noch nix von unserem Problem. Aber Jack’s Bar gegenüber macht ganz vorzügliche Cocktails und das Internet ist auch sehr gut, also wird sie erst mal dort geparkt.

 

Irgendwann am späten Nachmittag kommt Martin zurück und hält freudestrahlend einen neuen Außenbordmotor in der Hand. Wobei, in der Hand stimmt nicht so ganz, das gute Stück wiegt satte 27 kg, hinzu kommt der externe Tank mit 20 Litern. Ich reibe mir ungläubig die Augen als er den 4-Takter aus dem großen Holzboot von Mrs. Blessing in unser Mini-Dinghy wuchtet. Wenn ihm da schon der Schweiß auf der Stirn steht und unser Bötchen gleich mal 20 cm tiefer im Wasser hängt … wie wollen wir den denn bitte zu zweit ohne Badeplattform vom Boot aus rauf- und runter heben? Egal, mein Skipper ist sichtlich bemüht, mir die Vorteile der neuen Honda-Maschine zu erörtern, noch dazu – und da muss ich ihm leider recht geben – war es der Einzige, den wir auf die schnelle bekommen konnten. 550 € für einen gebrauchten 5PS Honda 4-T, BJ 2011 sei außerdem ein fairer Preis. Einzig der riesige Tank stimmt ihn etwas unzufrieden, aber den können wir am Montag sicher noch durch einen kleineren ersetzen. So vollgepackt wie unser Schlauchboot jetzt ist, wird es schon mit zwei Personen echt eng, an die Zuladung durch Einkäufe o.ä. gar nicht zu denken. Wie auch immer, Martin ist trotzdem begeistert und nachdem wir gleich am Montag einen kleineren Tank für 100 € besorgt haben, pflügt er nun wegen jedem nötigen und unnötigen Landgang durch die Bucht. Ähnlich einem jugendlichem Yaeh-Yaeh, dem man das erste Moped überlassen hat, steht im dabei ein Grinsen im Gesicht, denn alleine schafft er das Gummiboot in Gleitfahrt zu bringen – super, fein gemacht! Und so hat halt jeder seinen Spaß.

Die nächsten zwei Tage treibe ich mich an Land herum und besteige (mal wieder) zur größten Mittagshitze die höchste Erhebung. Zum Mt. Pleasant ist es nur ein halbstündiger Aufstieg (je nach Kondition und Tageszeit), die Straße führt direkt aus Port Elisabeth in vielen vielen Serpentinen nach oben auf ca. 230 m Höhe. Unterwegs hat man einige schöne unverbaute Ausblicke auf die Bucht, der höchste Punkt ist dann aber leider ne echte Enttäuschung: ein mehr oder weniger eingezäuntes, extrem vermülltes Gelände auf dem zwei Sendemasten stehen, die Aussicht nach allen Seiten zugewuchert. Leider habe ich auf den letzten hundert Metern auch keine Möglichkeit gefunden, nahe an die Bucht zu kommen. Überall Privatbesitz, keine öffentlich zugänglichen Aussichtspunkte, sehr sehr schade! Also schnell zurück an’s Wasser. Im „Gingerbred“ genieße ich dann zum Nachmittags-Cocktail die unverbaute direkt vor mir liegende Aussicht auf das klare Wasser der Admiralty Bay, auch schön.

Eine Heerschar von Holz- und Gummibooten, dazu einige seltsame Eigenbauten machen sich jeden Morgen vom Nordufer der Bucht auf in das weite Ankerfeld. Die angebotenen Dienstleistungen reichen von Diesel tanken, Wasser liefern, Taxifahrten bis hin zum Wäschereiservice. Wenn man die Häuser hier an der Südküste, die Ortsteile heißen Belmont und Richmond, mit den Behausungen am Nordstrand vergleicht, scheint es auch hier zwei Welten zu geben. Nordwestlich des Fähranlegers beginnen der Ortsteile Pretoria, in den sich nur sehr selten Touristen verirren. So ganz kann ich das nicht verstehen, denn die Menschen hier sind wie überall freundlich, nett und enorm kommunikativ. Welche Frau würde da nicht weiche Knie bekommen, wenn ein gutaussehender Mann mit strahlend weißem Lächeln in der Stimmlage von Barry White (oder für Martins Kollegen, wie Marek ;)) ein „Hello Maam, ho’re y. Wish ye a wondrful day, ma’am“ entgegensäuselt. Es ist nicht so super sauber auf den Straßen, die kleinen Bars sind häufig aus einfachen Mittel aber liebevoll und witzig zusammengezimmert, die Häuser wie überall bunt, windschief und zum Teil verfallen. In den Werkstätten wir an der frischen Luft gearbeitet, d.h. an irgendeiner Palme wird ein Brett mit zwei Beinen als Tisch montiert, Schraubstock drauf, fertig ist die Werkbank mit Blick über die Bucht. Schließlich komme ich doch noch zu meiner Aussicht über die Admiralty Bay. Ein kleiner Pfad führt direkt von der Uferstraße einige Meter den Hang zu einer winzigen katholischen Kirche. Vor dem Eingang kann man die ganze Bucht überblicken und am gegenüberliegenden Ufer die riesigen, teilweise protzigen Anwesen amerikanischer und europäischer Milliardäre sehen …

Zeit, den Sonnenuntergang zu genießen, denn der ist für alle gleich egal ob Protzhütte oder Holzhäuschen, 90 ft Yacht oder Jolle. Dazu bietet sich am besten die Floating Bar an, ein kleines zur Bar ausgebautes Ponton, keine 100 m von unserem Ankerplatz entfernt mitten in der Bucht. Zum Nachmittag ist es meist noch recht ruhig hier und man bekommt problemlos einen Platz auf der Schaukel (Stühle gibt es nicht), aber bevor sich die Sonne im Meer verabschiedet, platz die kleine Bar aus allen Nähten.

Ein interessanter Mix aus Langzeitseglern, Einheimischen und Charter-Crews, selbst Hotelgäste lassen sich mit dem Wassertaxi hier her bringen. An unserem letzten Abend hilft der Zufall mal wieder nach. Wir lernen ein ganz charmantes tschechisch/deutsches Pärchen kennen, die wir vor zwei Tagen als Musiker in einer Bar erlebt haben. Schwer zu schätzen, aber Stan & Cora sind vielleicht Mitte 60 und leben seit reichlich 40 Jahren auf dem Meer. Ihr erstes Schiff (BJ. 1928) haben sie gekauft, als Martin und ich geboren wurden. Seither haben sie alle Kaps umrundet, sind auf allen Ozeanen gesegelt und durch ihre grandiose Musik, kleine Berühmtheiten sowohl in der Karibik als auch im Pazifik geworden. Stan erzählt uns von seinen Jugendjahren, wie er aus Tschechien 68 nach Hamburg geflüchtet sei, mit Hilfsarbeiten Geld verdient habe und irgendwann mit Cora auf ein Schiff gezogen ist. Sie erzählen uns viel über das Leben auf See, welche Schwierigkeiten es geben kann, welche Möglichkeiten es gibt, Geld zu verdienen u.s.w. Es ist unglaublich spannend den beiden zuzuhören, denn in den Sommermonaten sind sie seit ein paar Jahren immer in Bequia, da gibt es natürlich auch viel Insel-Gossip zu berichten. Welche Villa gehört welchem Milliardär, wer ist nett, wer ein Arsch, wo gibts die günstigsten Lebensmittel, welcher Bootshändler versucht dich nicht über’s Ohr zu hauen…. Der letzte wichtige Tipp den sie uns mitgeben, ist, wo das Boot während der Hurrikan-Saison sicher liegt. Sie empfehlen uns die Hook-Bay auf Grenada und fragen, ob wir nicht mit ihnen dort die Sommerstürme abwettern wollen … öhm … mal überlegen… das hieße ein Jahr länger bleiben… Genau diese ungeplanten, herzlichen Begegnungen bei denen man das Gefühl hat, auf einer Wellenlänge zu liegen, sind für uns einer der Antriebe gewesen, diese Reise zu machen, vielleicht auch länger zu machen. Spätestens hier wird uns beiden klar, warum viele Atlantiksegler die beschwerliche Rücktour verschieben oder nie antreten und statt dessen in der Karibik hängen bleiben…

Nach dem sehr sehr schönen Abend mit Stan & Cora Lojda, den wir beidseitig wohl gerne wiederholt hätten, fällt der Abschied von Bequia am nächsten morgen um so schwerer. Aber Mamas Rückflug von St. Vincent findet bereits übermorgen statt. Trotz ihres Angebotes, mit der Fähre nach Vincy zu fahren, fände ich es doch irgendwie blöd, sie jetzt die letzten Tage alleine auf St. Vincent verbringen zu lassen. Neptun macht es uns am Morgen zusätzlich schwer. Mit den heftigen Böen von 25 kn steht eine kabbelige See in der Bucht und es wird ein echter Kraftakt, den neuen Motor an der Bordwand über die Großschot nach oben an Deck zu hieven. Fast fällt er ins Wasser, ich klemme mir die Haare im Flaschenzug ein, dann hält das Monster nicht am Heckkorb und muss schließlich unter Deck bugsiert werden. Der Wind meint’s auch nicht gut, mit 20 – 30 kn weht es gerade so gegen an, dass wir aufkreuzen müssten – also Maschinenfahrt. Mama bekommt zum Schluss auf den ca. 8 Meilen bis St. Vincent einen kleinen Eindruck von den atlantischen Wellen, die bei stattlicher Größe in kurzen Abständen Selene fast zum stehen bringen. Martin ist so genervt, dass wir zwischendurch kurz überlegen, der Maschine und dem Boot zuliebe umzudrehen und einen Zeitpunkt mit weniger Wind abwarten. Da wir mehr als die Hälfte hinter uns haben, sage ich Augen zu und durch.

Eine Stunde später haben wir die Küste erreicht, Wind und Welle nehmen ab. Zum Glück, denn die Einfahrt zur Blue Lagoon ist auf Grund eines vorgelagerten Riffs ein wenig tückisch. Nur ein schmaler Cut von ca. 15 m bildet die Einfahrt zu Lagune. An Gezeiten und Wasserstände haben wir ja seit Europa kaum mehr gedacht, aber hier merkt der Revierführer nun plötzlich an, man solle sich vor der Einfahrt beim Hafenmeister nach der Wasserhöhe erkundigen. Na prima, Niedrigwasser! Bei der Durchfahrt halten wir kurz die Luft an, 2.10 m, 2.00 m, 1.90 m – es fängt an zu piepen, 2.00 m, 1.80 m – oh Schreck – 1.70 m, 1.80 m … da nur ein Tonnenpärchen gesetzt ist, weiß man auch nicht so richtig, wo der Einschnitt verläuft. Aber alles geht gut, kein Grundkontakt, aber viel Platz war wohl nicht mehr. Ich würde sagen, die berühmte „Handbreit Wasser unterm Kiel“.

Ein letzter gemeinsamer Tag bleibt uns jetzt noch, um etwas von St. Vincent zu sehen. Klar kann man an einem einzigen Tag nicht die Welt einreisen, aber um einen Eindruck zu bekommen versuchen wir den Tag so voll wie möglich zu packen. Auch wenn es nicht ganz billig ist, die beste Art ist eine geführte Inseltour – sprich ein Taxi für den ganzen Tag zu mieten – und sich zu verschiedenen Highlights fahren zu lassen. Mama, ganz Fuchs, hat das gleich noch am Abend im Marinabüro organisiert und den stolzen Preis von 250 US$ ein wenig gedrückt. Den Ausflug machen wir „Girlies“ dann alleine, Martin braucht nach all dem Stress dringend mal eine Tag Urlaub von uns Weibern 😉 Am Morgen werden wir von Glen in seinem klimatisierten Nobel-Schröder-Taxi abgeholt und er schlägt uns eine Tour im Westen der Insel vor. Dazu muss man wissen, dass es auf St. Vincent nur zwei Hauptverkehrswege gibt: den Leeward-Highway entlang der Westküste und den Windward-Highway an der Ostküste. Im bergigen Hochland des Nordens, wo sich der Soufrier-Vulkan befindet gibt es ausschließlich Wanderwege, genauso wie in der gesamten Inselmitte. Will man also von der Ost- an die Westküste muss man im Süden um die gesamte Insel herum fahren.

Wir beginnen unser Tour mit einer Fahrt durch das quirlige, bunte, laute und altehrwürdige Kingston. Kein Stopp unterwegs aber Glenn erzählt uns einiges zur Geschichte der Stadt und der Insel. Er bringt uns zum Botanischen Garten, dem ältesten der gesamten Karibik. Die weitläufige Parkanlage schmiegt sich an einen Hang oberhalb von Kingstown und erinnert ein wenig an einen englischen Landschaftsgarten. Die Artenvielfalt ist schon beim ersten Blick beeindruckend. Am Eingang werden wir von einem Mitarbeiter in Empfang genommen, der uns nun kreuz und quer zu den verschiedensten, kuriosesten und nie gesehenen Gewächsen führt. Samuel erklärt uns wo die einzelnen Pflanzen ursprünglich her stammen, zeigt und die Blüten, die Früchte, lässt uns anfassen, riechen, bestaunen … vom Micky Mouse Plant, über Brasilian Rubber Tree, Canonball-Tree, Black Pearl, Mandarine Hat …

Samuel weiß einfach alles. Würde man von einem Mitarbeiter eines botanischen Gartens auch erst mal erwarten. Jedoch scheint es hier nicht nur um Pflanzen zu gehen, der Garten ist auch eine Art soziales Projekt, denn die Angestellten, die die Besucher herumführen, haben allesamt so scheint es uns eine kleine körperliche oder geistige Einschränkung. Dennoch haben sie sichtlich Spaß, die Besucher durch die Parkanlage zu führen – tolles Projekt, toller Garten.

Unser nächster Stopp, den Glenn vorschlägt, liegt ganz im Nordwesten der Insel. Wir fahren gute 45 min entlang des Leeward-Highways zu den Dark-View-Waterfalls. Die Straße schlängelt sich dabei immer wieder in Serpentinen von der Küste weg in die Berge und zurück bis fast auf Meereshöhe. Die Ortschaften und die Vegetation ähneln Grenada sehr. Üppige Wälder, große Plantagen, Kokosnuss-Palmen, Papajas, Brotfruchtbäume und natürlich Muskatnüsse. Die Siedlungen werden jedoch immer ärmlicher, je weiter wir uns von der Hauptstadt entfernen. Der Highway wird irgendwann zur schmalen Straße, bei der es mit Gegenverkehr schon eng wird, schließlich geht es in eine Rumpelpiste über.

Am Parkplatz zu den Wasserfällen angekommen, erklärt uns Glen noch den kurzen Fußmarsch zum ersten und zum zweiten Wasserfall. Den Besucher trennt jetzt nur noch eine lange Hängebrücke aus Bambus bis zu den spektakulären Dark View Falls .. wie viele Besucher hier wohl kehrt machen. Aber dazu gibt es keinen Grund, die Brücke schwingt nur ein klein wenig und die beiden übereinander folgenden ca 20 m hohen Wasserfälle sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen. Obwohl das Naturspektakel zu einem der schönsten auf St. Vincent gehört, sind wir hier komplett für uns. Später klärt uns Glenn auf, dass das am Wochenende ganz anders sei und heute zu Glück auch kein Kreuzfahrtschiff in Kingstown liege.

Wir fahren auf der gleiche Strecke zurück und halten nur kurz in der Wallibou-Bay. Ehrlich gesagt, lohnt sich ein Ausflug in die Bucht nur für absolute „Fluch-der-Karibik“ Filmfreunde, denn hier sind die letzten Überreste des originalen Filmsets zu sehen. Der Streifen wurde bereits 2003 gedreht und die Requisiten trotzen seit dem hier Wind und Wetter. Entsprechend verfallen wirkte der Ort auf mich, auch wenn man bemüht ist, das Beste noch daraus zu machen. Die Bucht selbst eignet sich wohl auch zum Ankern, jedoch muss hier zusätzlich eine Heckleine an Land ausgebracht werden. In der Seglerszene gibt es traurigerweise auch immer wieder Berichte von Raub oder Diebstählen – hat vielleicht was mit dem Fluch der Karibik zu tun…

Letzter Stopp unserer Blitzexkursion ist das Fort Charlotte westlich der Hauptstadt, von wo aus man eine fantastische Aussicht über die gesamte Bucht von Kingstown genießt. Mitte des 18. Jh von den französischen Invasoren erbaut, fiel es bereits 1800 in die Hand der Briten. Diese bauten die Anlage massiv aus. Man fürchtete und schütze sich vor allem gegen die kämpferischen Ureinwohner, die Caribs. Daher sind die Mehrzahl der noch erhaltenen Kanonen nicht wie bei anderen Forts auf das Meer sondern ins Landesinnere gerichtet. Mit einem letzter Blick auf die hohen grünen Berge, an denen eben noch ein kurzes Sommergewitter einen Regenbogen zaubert, geht unsere St. Vincent-Exkursion auch schon zu ende.

Wir haben das Glück, noch einige Tage bleiben zu können, für Uta heißt es am nächsten Morgen Abschied nehmen. Wahnsinn, wie schnell die drei Wochen in den Grenadinen verflogen sind. Sicher wird jeder verstehen und nachvollziehen können, dass uns der Blick auf die „lange Zeit“ Anfags ein paar Bedenken bereitet hat: wie wird das wohl sein so zu dritt, noch dazu mit Mutter!? Natürlich gibt es auch mal Wolken im Paradies, wenn man für mehrere Wochen auf relativ engen Raum zusammen lebt, jeder hat seine eigenen Vorstellungen wie er den Tag beginnt, gestaltet und beenden will. Aber in dieser traunhaften und chilligen Ecke der Welt, kann man gar nicht lange schlechte Laune haben. Uns hat’s jedenfalls riesig gefreut, Besuch aus der Heimat gehabt zu haben und der nächste Gast steht schon in den Startlöchern. Bis wir die Crew auf Maritique erneut erweitern dauert es noch 3 Wochen. Erste Aktion nachdem Mama ins Taxi gestiegen ist: umankern! In der Blue Lagoon ist heute „Turn-around-day“, das heißt es kommen viele, viele Cahrteryachten zurück und die nächsten Crews warten bereits ungeduldig am Steg bzw seit gestern Abend an der Beachbar. Für uns auch eine neue Erfahrung, dass die sonst so entspannten Kariben schlecht gelaunt und genervt sind. Wir verkümeln uns in das nahe Ankerfeld zwischen Young Island und Arnos Valle. Um wenigstens einen Berg von Meereshöhe an auf St.Vincent zu besteigen bietet sich geradezu der Felsen vor Young Island an, nur 250 Stufen und man kann eine ganz wunderbare Aussicht genießen.

Vielleicht bleiben wir ja noch ein paar Tage und finden die Zeit, in die Berge oder zum Vulkan Soufrier zu wandern. Es gibt hier noch so viel zu entdecken … wobei die nächste Insel St. Lucia mit den berühmten Pitons auch für einen längeren Aufenthalt spricht …

Hach, man bräuchte einfach viel mehr Zeit in der Karibik!

Video:

7 Antworten auf „St. Vincent and the Grenadines“

  1. Hey Kutt und natürlich Claudia unbekannter Weise
    Ich lese Eure Berichte seit letztem Sommer , wo wir uns nur knapp verpasst haben in Carmet sur Mer (wir waren im August dort und hatten eine kleine Fewo direkt am Hafen mit Blick auf euren Ankerplatz). Also mir macht es immer Freude zu lesen wie es euch gerade geht , vielen Dank dafür. Meine Catanoa soll nun dieses Jahr wieder fertig werden so da Sie nächstes Jahr endlich wieder schwimmt. Ich gehe jetzt in die Werkstatt und werde die Luckendeckel für die Trinkwassertanks fertig laminieren und am neuen Holzmast noch ein wenig schleifen, auch schön aber mal wieder Karibik wäre jetzt auch nicht schlecht…. viel Spaß Euch Axel

  2. Danke an Euch beide, dass ich mit Euch gemeinsam eine traumhafte Reise von Grenada bis St. Vincent erleben durfte. Diesmal nicht nur virtuell sondern mit allen Sinnen.
    Den besonderen Reiz der Reise machten die kleinen Inseln aus, die kein Kreuzfahrt-Riese anlaufen kann. Traumhafte Ankerbuchten, der direkte Kontakt mit der stets freundlichen und hilfsbereiten Bevölkerung und die himmlische Ruhe (nur begleitet vom Sound von Wind und Wellen) jenseits vom Lärm in den Marinas ermöglichen ein rasches Umschalten in den „karibischen Modus“. Wie wohltuend, so viele glückliche und entspannte Menschen zu erleben, denen es jedoch mit Sicherheit materiell nicht so gut geht wie den larmoyanten und überwiegend unzufriedenen Deutschen!
    Und dass ich von Euch auch noch den fertigen Reisebericht in Wort und Bild dazubekomme, ist ein Superservice!
    Ich wünsche Euch weiterhin eine interessante, inspirierende und behütete Reise und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel
    Ahoi Uta

  3. Hallo ihr zwei, ein toller Bildbericht, ich habe ihn mehrfach in aller Ruhe angeschaut, so etwas zu erleben, das ist doch kaum zu toppen. Geniesst diese Zeit, ich schaue sehr gern zu….. LG. Maria

  4. Ich sitze jetzt in warmer Umgebung (draußen pfeifts mal wieder recht frisch daher). Deswegen genießt die karibischen Verhältnisse, von denen dank <Deiner bildhaften Schilderung ich sehr profitiere!

  5. Ich genieße Eure Berichte über eine so tolle Welt, von der ich sehr wenig je erfahren habe. Super, freue mich auf den nächsten Bericht.
    Liebe Grüße
    Jochen

  6. Auch ich sage DANKE für diesen wunderschönen Bericht. Es tut so gut bei dem dauernden Regen einen Ausflug in eure Traumwelt zu machen.
    Und juhu – ich sehe euch wieder auf dem VesselFinder.
    Liebe Grüsse Gisela

  7. Danke, danke, ihr Lieben! War das wieder spannend und aufregend, aber wunderschön. Claudia, du solltest in Zukunft nur noch Bücher schreiben. Die Berichte sind Spitze.
    Liebe Grüße Evi

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