Boa Vista – Insel aus Sand – Kap Verden Teil 2

Von Palmeira kommend erreichen wir Boa Vista nach ca. 7 Stunden Überfahrt. Ziel ist die weite Ankerbucht vor Sal Rei. Leider fehlt uns auch zu dieser Insel genaueres Kartenmaterial und so müssen wir uns auf Angaben von Seglern in diversen Internetbeiträgen verlassen. Vor Sal Rei liegt die kleine Ilhéu de Sal Rei, der Bereich zwischen der Insel und dem Festland ist nur unzureichend genau kartographiert und so scheint uns die Durchfahrt doch etwas heikel. Geankert werden kann zum einen direkt vor dem Hafen von Sal Rei, allerdings wird im Ankerfeld vor einigen größeren Wraks gewarnt. Der zweite Ankerplatz liegt südlich der Ilhéu de Sal Rei vor dem weitem Sandstrand der Praia de Estoril, ca 0.5 sm vom Strand entfernt. Es ist schon später Nachmittag als wir die Nordwestspitze Boa Vistas erreichen und es ist noch eine knappe Stunde Fahrzeit. Die Ilhéu de Sal Rei zu umrunden wird auch nochmal ein paar Minuten dauern aber uns scheint das südliche Ankerfeld sicherer zu sein. Bei Sonnenuntergang fällt der Anker auf ca. 4 m Tiefe im türkisblauem Wasser, die letzten Sonnenstrahlen tauchen die Westküste mit ihrem unglaublich langen hellen Sandstrand und die farbenfrohe Kulisse Sal Reis in ein warmes weiches Licht, so stellt man sich einen Traumstrand vor.

Am nächsten Morgen, es ist Sonntag, der 1. Advent, können wir dann bei strahlendem Sonnenschein, die Schönheit der Insel sehen. Anders als Sal, die überwiegend karg und staubig wirkte, erstrecken sich auf Boa Vista weite Sanddünen mit kleinen grünen Oasen so weit man schauen kann. Dazwischen stehen wie an einer Perlenkette aufgefädelt die bunten Häuser der Stadt, Strandcafes, Bars sowie einige Surf- und Kiteschulen. Vom Land her weht eine straffe Brise, die vor allem zahlreiche Surfer auf´s Wasser lockt. Wir versuchen unser Glück, mit dem Dinghy an Land zu kommen ohne komplett durchnässt zu werden – es gelingt uns nur mäßig. Bei 27°C Wasser- und Lufttemperatur ist das aber kein Problem.

Sal Rei, die Hauptstadt Boa Vistas, mit seinen ca. 6.000 Einwohnern ist eine quirlige bunte Stadt. Bis auf das Quartier rund um den alten Fischereihafen, mit vielen windschiefen Häuschen und engen Gassen, scheint auch diese Stadt wie am Reißbrett entworfen zu sein. Vermutlich ist auch das auf den enormen Bevölkerungszuwachs der letzten Jahre zurück zu führen. Herzstück ist der Largo Santa Isabella, ein großer öffentlicher Platz, auf dem kleine Pavillons stehen, ein großer Kinderspielplatz angelegt wurde und auf dem einige große Bäume Schatten spenden. Drumherum gibt es viele Geschäfte, Restaurants, Bars, Banken und die zentrale Anlaufstelle für Aluguers bzw. Taxen. Der Unterschied könnte kaum größer sein: während am nur wenige Meter entfernten Fischerkai (Avenida dos Pescadores), an dem wir unser Dinghy abgelegt haben, das Leben eher ruhig, entspannt – afrikanisch – zu geht, ist es hier entlang der breiten Hauptstraße (Rua 4 de Julho) geradezu geschäftig und es wirkt alles irgendwie vertrauter, europäischer. Hier finden sich mehrgeschossige Wohn- und Bürogebäude, Banken, Geschäfte, Tankstellen und das Krankenhaus. Und es wird unheimlich viel gebaut. In nahezu jeder Straße sehen wir halb fertiggestellte Rohbauten, die zum Teil schon bewohnt sind, an denen gewerkelt wird oder ganze Baugruben ausgehoben werden – der Boom der Stadt scheint durch den zunehmenden Tourismus gerade  richtig an Fahrt aufunehmen. Am nördlichen Stadtrand sieht man aber auch die Kehrseite der Entwicklung, denn nicht alle Menschen partizipieren hier am Wachstum. So findet sich direkt hinter einer großen modernen Wohnanlage ein ausgedehnter Slum mit Wellblechhütten und Behausungen, die aus einfachsten Mitteln zusammen gezimmert wurden.

Wir müssen heute zuerst die Anmeldung auf der Insel erledigen. Die Beschreibungen, wo denn die Policia Maritima zu finden ist, waren allesamt etwas uneindeutig und so landen wir natürlich in der falschen Polizeistation. Man schickt uns ca. 1 km nach Norden Richtung Stadtrand. Das große blaue Polizeigebäude scheint noch recht neu zu sein, groß, hell, klimatisiert und mit sämtlicher moderner Technik ausgerüstet. Die Anmeldung selbst ist wiederum unkompliziert und dauert nur einige Minuten. Wir schlendern noch ein wenig durch die Stadt, Martin hatte unterwegs ein kleines Geschäft für Auto- und Mechanikzubehör entdeckt und wollte dort nach Zündkerzen für unseren muckernden Außenbordmotor schauen. Mit Händen und Füßen erklären wir der Dame was wir suchen. Das Teil ist auch schnell gefunden und die Freude darüber läßt uns gleich zwei kaufen (unser Evinrude ist ein Zweizylinder…) . Blöd nur, das wir das mit den Escudos noch immer nicht so richtig gecheckt haben, die geschäftstüchtige Frau zockt uns je 10 € für eine Zündkerze ab… Es wird nicht das letzte Mal sein, und so arbeiten wir jetzt daran, uns den örtlichen Gepflogenheiten besser anzupassen und „knallhart“ zu verhandeln.

Die nächsten Tage machen wir einfach nur Urlaub auf dem Boot, genießen das herrrliche Wetter, das warme Wasser, gehen schnorcheln, schwimmen, mit dem SUP auf´s Wasser – Seele baumeln lassen. Nicht, dass es nichts zu entdecken gäbe, aber der konstant straffe ablandige Wind macht jede Fahrt an Land zu einer sehr nassen Angelegenheit. Einmal probieren wir es, da wir ein paar Dinge in der Stadt besorgen wollen und sind nach 50 m auf dem Dinghy klatschnass. Auch wenn die Kleidung sehr schnell trocknet, haben wir sicher ein lustiges Bild abgegeben, wie wir wie zwei tropfnasse Pudel durch die Stadt laufen und eine kleine Wasserspur hinter uns her ziehen.

Im Reiseführer lese ich, dass sich ein Ausflug in die nur wenige Kilometer entfernte ehemalige Hauptstadt Rabil lohnen würde. Die Stadt läge malerisch auf einem Bergrücken westlich der Ribeira da Rabil, einem weiten oasengleichen Flußtal. Mit dem Aluguer gehts in 15 Minuten vorbei am Flughafen nach Rabil. Der Fahrer läßt mich auf einer dorfplatzähnlichen Einöde zwischen niedrigen Häuschen aus dem Wagen. Als das Auto weg ist bin ich scheinbar der einzigste Mensch auf diesem Flecken Erde. Kein Einwohner zu sehen, die Häuser wirken allesamt unbewohnt, kaum ein Baum, nicht mal einer der sonst allgegenwärtigen Straßenhunde. Nur ein Huhn kommt mir auf der „Hauptstraße“ entgegen. Ein Wegweiser zeigt mir die Richtung zur Olaria di Rabil an, einer Töpferei, in der die Keramikkunst, Gefäße ohne Drehscheibe aufzubauen noch gepflegt und an die jüngere Generation weitergegeben wird. Diese Tradition beherrschen nur noch wenige alteingesessene Einwohner von Rabil und man verspricht sich durch die Wiederbelebung der Töpfereikunst ein einigermaßen gesichertes Einkommen. Der große Brennofen steht allen Bewohnern zur Verfügung. Zudem wird die Olaria als soziales Projekt geführt, in dem vorrangig Menschen mit körperlichen Behinderungen beschäftigt werden. Auch in der Olaria bin ich der einzigste Besucher. Leider, leider verhindert mal wieder die Sprachbarriere mit den Beschäftigten hier ins Gespräch zu kommen und mehr über die traditionelle Bearbeitung zu erfahren – ich muss unbedingt Portugisisch lernen! Hinter der Töpferei erhebt sich ein kleiner Hügel, von dem weite Teile des Ortes, der Ribeira de Rabil (Flußtal) und die nördlich gelegenen großen Sandwüsten zu sehen sind. Auch von hier oben wirkt der Ort sehr ärmlich, staubig und karg. Vom Glanz einer ehemaligen Hauptstadt ist so gar nichts zu erkennen.

Auch das Tal der Ribeira läßt nur ansatzweise erahnen, dass es sich hier um ein grünes, fruchtbares und als Anbaugebiet genutztes Flußbett handelt. Große Trockheiten der vergangenen Jahre haben die Zahl der Palmen stark dezimiert. Irgendetwas schönes muss es doch aber auch hier geben und so laufe ich einmal quer durch den gesamten Ort an den Nordrand. Dort steht die recht klobige Igreja Sao Roque, das älteste Gotteshaus der Insel. Unterwegs sehe ich dann doch einige Einwohner, allesamt sehr freundlich, sie grüßen und winken und manchmal erzählen sie mir auch was, aber ich verstehe leider nichts. Meine Standardantwort „Desculpa, nao falo portugues“ (Entschuldigung, ich spreche kein Portugiesisch) wird dann meist mit einem Lachen und einem Schulterklopfen quittiert. Vom Vorplatz der Kirche hat man dann tatsächlich einen grandiosen Blick auf die hier beginnende Sandwüste, die Deserto de Viana, die wir uns unbedingt noch anschauen wollen. Mein Blick geht über das vertrocknete Flußtal und bleibt an dem Bergrücken hängen auf dem die Ortschaft liegt. Anders als im Reiseführer beschrieben, ist dies jedoch alles andere als ein malerischer Anblick, der Hang ist über und über vermüllt, Plastetüten, Kanister, Ölfässer, dazwischen Bauschutt und alles Mögliche andere an Unrat wird scheinbar über die Hangkante gekippt und mit dem Wind davon getragen. Schade!

Für den nächsten Tag können wir ganz kurzfristig am Abend doch noch eine Tour in den wilden Norden der Insel buchen. An der Stelle vielen lieben Dank an Kai Andrea von www.cabokaitours.com für die schnelle und unkomplizierte Organisation. Für 4 Stunden soll es am Nachmittag mit einem Quad über staubige Pisten und Pfade von Rabil aus in die weite Wüstenlandschaft der Deserto de Viana gehen, weiter zum Bergdörfchen Bofareira und anschließend zur weiten Costa de Boa Esperanca, wo das Wrack der Cabo de Santa Maria seit 1968 der tosenden Brandung trotzt. Wir sollen uns robuste Kleidung anziehen, da es ein sehr staubiger bzw. dreckiger Ausflug wird, festes Schuhwerk und ein Mundschutz werden empfohlen. Diese „safarieähnlichen“ Touren werden von Quadzone durchgeführt und man ist in der Regel mit 8 – 12 Quads als Gruppe unterwegs.

Die Abholung per Taxi wird vom Veranstalter organisiert und so bewaffnen wir uns am Quadzone-Stützpunkt mit weiteren 20 Ausflüglern mit Helmen. Es gibt ne kurze Einweisung und dann gehts auch schon auf den kleinen Übungsparkur. Ich überlasse das Fahren Martin. Zum einen kann ich dann mehr gucken und er kann als leidenschaftlicher Motorrad- und Gespannfahrer mal wieder richtig am (Gas-) Hahn drehen. Ein Guide fährt vor uns, dann als erstes Quad wir hinterher und schon verlassen wir das Firmengelände, aber kein anderes Quad folgt uns. Offensichtlich haben wir heute Nachmittag als Einzige die Nordtour gebucht – prima, denn Kolonne fahren ist bei weitem nicht so cool wie mit einem eigenen Guide durch die Dünen zu hacken. Wir fahren einmal kreuz und quer durch Rabil und ich erkläre Senba unserem Tourguide, dass ich gestern schon hier war, wir also direkt in die Wüste fahren können. Dann geht die wilde Fahrt auch schon los, Senba gibt richtig Gas und wir hinterher. Rauf, runter, links, rechts immer weiter in die Sanddünen, eine wahnsinns Landschaft. Obwohl es nichts weiter außer Sand und ein paar mickrigen Bäumchen zu sehen gibt, ist es nach jeder neuen Düne wieder anders, wieder total schön und faszinierend. Alles sieht gleich und aber auch irgendwie ganz anders schön aus. Hauptsache Senba weiß, wo wir gerade sind.

Nach einer halben Stunde halten wir auf einer hohen Sanddüne neben einer kleinen Oase, aus der auch gleich ein Souvenirhändler auftaucht und seinen schönen Krimskrams anpreist. Leider kann er gar nicht richtig loslegen denn ich stelle mit großem Schreck fest, dass wir meinen Rucksack auf der wilden Fahrt verloren haben. Große Sche***! Da sind unsere Papiere, Geld und der Bootsschlüssel drin. Senba fackelt nicht lang und heizt mit uns sofort die halbe Strecke zurück. In einer Senke steht ein Jeep und wartet scheinbar schon auf uns. Die Wüstenausflügler haben den Rucksack gefunden und wollten gerade bei Quadzone Bescheid sagen. Wumms. Was für ein riesen Stein der mir da vom Herzen fällt. Mit Senba gehts zurück zur kleinen Oase, der Händler muss ja noch sein Geschäft abschließen 😉 Während ich einige … naja, viele Fotos mache, kommt Martin mit unserem Tourguide ein wenig ins Gespräch. Er erzählt uns viel über seine Arbeit und die Lebenswelt der Kapverdianer, vorallem aber über die Lebensumstände von Migranten, die wie er selbst aus dem Senegal kommen und auf den Kap Verden sich eine neues Leben aufbauen. Der Tourismus spielt dabei eine enorme Rolle, Arbeit gäbe es immer zu finden und je besser die Fremdsprachenkenntnisse seien um so höher sei auch der Verdienst. Aber auch hier machen sich die vielen, vielen Arbeitssuchenden gegenseitig Konkurenz und so wird teilweise enormes Lohndumping betrieben.

Nach unserer Wüstenexkursion geht es über steinige, staubige Pfade zum Bergdorf Bofareira. Ein kleiner Marktplatz bildet das Zentrum der Siedlung, drumherum einfache bunte Häuschen, ein Kinderspielplatz und eine Freiluftfitnessanlage sowie ein zentrales bzw. öffentliches Waschhaus, welches wie in den meisten Ortschaften, den Bewohnern das eigene Badezimmer ersetzt. Hier läßt man sich anscheinend überhaupt nicht stressen. An manchen Hauseingängen sitzen Frauen zusammen und palavern oder knacken Nüsse, Männer sitzen im Schatten und Spielen Oril, ein ursprünglich aus Afrika stammendes Brettspiel, welches als eins der ältesten Spiele der Welt gilt.

Die nächsten 20 Minuten werden dann doch ganz schön anstrengend. Über holprige Pfade und Stock und Stein gehts zum zweiten Highlight der Nordtour, zum Wrak der Cabo de Santa Maria. Das spanische Frachtschiff mit dem Ziel Brasilien lief aus ungeklärten Gründen 1968 an der Nordküste auf Grund und liegt seither dicht am Strand. Ein schaurig schöner Anblick, wie die Wellen um das Wrak tosen. Zudem ist der gesamte Strand der Boa Esperanca traumhaft schön. Nach osten und westen deht sich ein scheinbar endloser weißer Sandstrand an dem sich die atlanischen Wellen tosend brechen. Auch wenn die Anfahrt recht anstrengend und die Rückfahrt nicht weniger holprig war, hat sich der Ausflug an diesen einsamen Landstrich durchaus gelohnt.

Zurück geht es auf den letzten Kilometern über befestigte Straßen nach Sal Rei, welches in der Abendsonne mittlerweile ganz besonders bunt leuchtet. Nach insgesamt 4 Stunden sind wir dann zurück am Stützpunkt, Hosen, T-Shirts, Haare, alles staubig aber wir haben dafür einen super schönen und erlebnisreichen Tag gehabt! Mit Senba verabreden wir uns für den kommenden Tag nach Dienstschluss, er will uns dabei Helfen unsere Wasser- und Benzinkanister zu füllen, denn einen Water-Taxi-Geschäftemacher-Jay wie auf Sal scheint es hier nicht zu geben.

Am nächsten Morgen pfeifft uns schon früh der Wind von Land mit guten 20 – 25 kn um die Ohren, in Böen auch mal 30 kn. Durch die kabbellige See wippen die Segelyachten alle am Anker auf und nieder, schon bisschen nervig. Ich schnapp mir trotzdem mein SUP und will versuchen zu der kleinen Insel zu paddeln. Das gelingt mir auf der Hintour dank Halbwind noch ganz gut, nass bin ich nach noch nicht mal einer Minute. Das Inselchen hat einen schönen leuchtenden Sandstrand im Süden, an dem ich anlanden kann ohne gleich von einer Welle überrollt zu werden. Bis auf die ursprünglichen Fundamente der alten Wehranlage aus dem Jahr 1818 mit einigen rostigen Kanonen, sowie den Ruinen des alten Leuchtturms und dem neuen Leuchtfeuer, gibt es hier nicht viel zu sehen. Aber der Blick über die gesamte Bucht und auf die gegenüberliegende Stadt lohnen sich. Der Rückweg gestaltet sich dann jedoch schwieriger als erwartet. Von Land her bläst der Wind mit einer guten Windstärke 5, die dabei entstehenden Wellen machen mir das zurückkommen zusätzlich schwer. Zwischenzeitlich fühle ich mich wie bei den Olympischen Spielen im Wildwasserfahren. Aber so kommt der Kreislauf bei dem tagelangen Urlaubsmodus wenigstens auch mal wieder richtig in Schwung.

Der anhaltende starke und enorm boeige Wind sorgt dann aber doch noch für Aufregung im Ankerfeld. Ein Charterkatamaran, der sich ganz an die Spitze der Yachten gelegt hat bricht sich am Nachmittag mit seinem Anker los und treibt in Richtung der anderen Yachten. Eben lag er noch reichlich 50 m rechts vor uns, jetzt hängt er rechts hinter uns ganz dicht an einer anderen Segelyacht. Die Crew des Katamarans ist aber nicht an Bord. Die Zweimann-Crew des Segelbootes an welchem der Katamaran jetzt gefährlich nahe treibt, weiß sich anscheinend auch nicht anders zu helfen, als ihr Boot zum Kat hin abzufendern. Das 40 Fuß Ungetüm rutscht mit jeder Böe ein kleines Stückchen weiter. Wir überlegen kurz, was man machen könnten und ich schlage vor unseren Zweitanker am Katamaran zu befestigen, damit wenigstens beim Schwojen die Last etwas besser verteilt wird und er damit nicht mehr weiter driftet. Gesagt, getan, Martin fährt mit dem Dinghy rüber und als er neben dem Rumpf des Katamarans steht um eine der Klampen zu belegen, sieht man erstmal wie groß so ein Plasteeimer ist. Aber es scheint zu funktioniern. Nach weitern zwei Stunden reicht es den zwei anderen Seglern, sie ankern ab und suchen sich ein neues Ankerplätzchen. Von der Kat-Crew (4 Schweizer) ist nach wie vor nichts zu sehen. Irgendwann gegen 22:00 fährt Martin nochmal rüber um eine Notiz zu hinterlassen, was passiert ist und das sie an unserem Zweitanker hängen. Nicht dass die plötzlich aufbrechen und wir den CQR los sind. In dem Moment, als Martin gerade wieder ins Dinghy steigen will, kommt die Crew zum Kat und weiß erstmal gar nicht mit der Situation umzugehen. Schließlich steht da ein Fremder auf ihrem Boot. Die Sache klärt sich schnell, die Herren scheinen auch irgendwie erleichtert und froh zu sein, aber dafür dass wir ihnen eine Menge Ärger erspart haben ist es ein eher spärliches Dankeschön, welches wir erhalten … Aber wir bekommen wenigstens am nächsten Morgen um 7:00 unseren Anker zurück, dann dampfen sie ab.

Am Samstag beschließen wir trotz Sommer-Sonne-Kaktus-Feeling, dass es auch endlich Weihnachten werden muss. Aus der Heimat erreicht mich ein ganz lieber Gruß mit Video vom Tannenbaum-anputzen, dazu immer wieder Bilder vom Plätzchenbacken. Ich wühle mich durch unsere Schapps auf der Suche nach geeigneten Zutaten. Der Gang bzw. die Fahrt in einen der vielen Supermercados, die hier interessanterweise ausschließlich von Asiaten geführt werden (und auch alle chinesische Namen haben) wird sich wahrscheinlich nicht lohenen um sowas wie Marzipan, Schokoladenkuverture, Zitronat, Oblaten oder Rosinen aufzutreiben. Und so wird bis auf Mürbeteigplätzchen und Kokosmakronen nicht viel zu machen sein. Trotzdem macht es Spaß, auch wenn es eine echt schweißtreibende Angelegenheit ist unter Deck bei 30°C in Weihnachtsstimmung zu kommen. Aber wenigstens schmilzt die Schokolade von selbst und die Butter ist immer weich. Am Abend werden dann die richtig schweren Geschütze aufgefahren und Martin muss sich einen winterlichen Erzgebirgshit nach dem nächsten zu Räuchermännchenduft und Plätzchenverkostung anhören. Juhu, es ist Advent!

Ein letztes Mal gehts noch in die Stadt, wir müssen unsere Papiere bei der Polizei abholen und uns abmelden. Wir decken uns mit viel frischem Obst und Gemüse bei einer der netten Straßenverkäuferinnen ein, die wir vor ein paar Tagen schonmal aufgesucht haben. Das Angebot ist riesig, frisch und noch dazu recht günstig. Wir holen außerdem viel Trinkwasser (in Flaschen) da das Leitungswasser nicht mal zum Zähneputzen verwendet werden soll. Und wir finden endiche eine Paderia (Bäckerei), bisher habe ich in keinem Geschäft Brot gefunden. Aber der Kellner im Restaurant in dem wir uns gestern Abend noch ein richtig gutes Abschiedsessen gegönnt haben (Dachterasse am alten Hafen mit Blick über die Bucht, wahnsinnig gutes Serra-Filet, Thunfischsteak, gegrillter Ziegenkäse, Thunfischtatar – ein Gedicht- und eben Brot!) gab mir den Tip mit der Bäckerei. Also gibt es hier doch sowas, nur wird es frisch gebacken und ist zu Mittag meist schon ausverkauft.

Der Plan steht somit: Am Sonntag Abend soll es nach einer ganzen Woche auf Boa Vista über Nacht weiter nach Sao Nicolau gehen. Wir bedauern es schon ein wenig, nicht weiter nach Süden zu segeln und die Inseln Maio, Brava und Santiago auszulassen. Jedoch haben wir besonders über die Bucht von Praia, der Hauptstadt der Kap Verden, enorm viele schlechte Erfahrungsberichte und Warnungen gelesen. Dabei geht es nicht nur um Raub oder „Schutzgelderpressung“ zur Bewachung des Beibootes am Strand,  von mehreren tausend Escudos, nein – es gibt leider auch immer wieder Fälle von bewaffneten und gewalttätigen Raubüberfällen auf Yachten. Bei der Anmeldung im Hafenamt sollen zudem, ja nach Tagesform der Beamten, Haftungsausschlüsse vorgelegt worden sein, wenn man als Yachteigner es ableht einen -natürlich kostenpflichtigen- Schutzbeamten an Bord zu nehmen. Die Kosten für diesen „Service“ sind wohl auch recht variabel. Selbst hiesige Einwohner von Sal Rei, die wir nach der Sicherheit in Praia befragen, warnen uns eindringlich davor und raten ab, die Hauptstadt per Segelboot zu besuchen. Schade und irgendwie auch nicht nachvollziehbar, warum man ausgerechnet in der Hauptstadt das Kriminalitätsproblem und vor allem den damit verbundenen Imageschaden nicht in den Griff bekommt.

Also heißt das nächste Ziel Sao Nicolau. Der starke und zuweilen sehr böige NO-Passat der letzten Tage hat gegen Abend immer merklich nachgelassen. Wir hoffen die 85 sm so gut durch die Nacht bei moderatem (Halb-)Wind segeln zu können und am Montagmorgen nach einer schönen Nachtfahrt -denn wir haben gerade Vollmond- auf einer neuen schönen Insel anzulanden…

10 Antworten auf „Boa Vista – Insel aus Sand – Kap Verden Teil 2“

  1. Hallo ihr Beiden,
    Vielen Dank für die wunderbaren Berichte und Videos. Ich warte immer sehr gespannt darauf. Ich wünsche euch ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes Ankommen in der Karibik.
    Liebe Grüße Gisela

  2. Ach, wie freue ich mich immer über eure Berichte!!! Es ist ein richtiges Fest für mich. Und am Schönsten ist es, dass ihr gesund, glücklich und zufrieden seid.
    Ich wünsche euch ein gesegnetes Weihnachtsfest!
    Damit heute kein Stuhl am Tisch frei bleibt, werde ich euch beim Abendessen vertreten.
    Seid lieb gegrüßt und umarmt von eurer
    Evi

  3. Wir können die Feststellungen von Deinen Eltern nur bestätigen . Es ist ein wirklich tolles Video. Nancy hat mir heute auch gesagt, das wir das unbedingt anschauen sollen. Macht weiter so und weiterhin solche tollen Erlebnisse-aber nur positive. Claudia hat Eure kleine Weihnachtsfeier ganz lieb ausgestaltet. Das geht einem richtig an die Nieren.
    Viele liebe Grüße von Oma Rosi und Opa Hannes !!!

  4. Hallo Claudi, hallo Martin,

    wir verfolgen Euren Blog nun seit Eurer Abreise. Es macht viel Spaß die Videos anzuschauen. Eure Reiseberichte halten unsere Vorfreude auf unsere Auszeit vor allem jetzt zur Winterzeit am köcheln 🙂 . Frohe Weihnachten und eine gute Überfahrt in die Karibik wünschen

    Claudia und Marko
    SY GOOD FELLOW

    1. Hallo ihr beiden 😉

      Hier sieht man tagsüber von Weihnachten nix. Aber nachts ist es lustig. Da blinken überall Lichterketten an den Palmen 😉 Mit etwas Mühe hört man hier und da auch Weihnachtsmusik. Ansonsten ist es schon ungewohnt Mitte Dezember mit kurzen Klamotten und FlipFlops herumzulaufen.

      PS: In Mindelo haben wir Eure Flasche Wein geköpft – war lecker! Vielen Dank nochmal.

  5. Ein tolles Video! Klasse Eindrücke, da kann man neidisch werden … so viel tolle Eindrücke. Wir wünschen euch noch eine gute Reise und einen schönen 4. Advent. Mutti und Vati

  6. Wiedermal ein wundervolles Video von einer feinen Landschaft. Wir wünschen Euch beiden frohe Weihnachtstage bei nicht wirklich weihnachtlichen Temperaturen.
    Liebe Grüße aus der Lausitz von Doris und Ulli :-))

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