Sao Nicolau – die Unberührte – Kap Verden Teil 3

„Feliz Natal“ liebe Leser!

Heute ist schon der 23.12. – morgen ist Weihnachten und wir sitzen bei angenehmen 24°C gegen 21:00 Uhr im Hafen von Mindelo. Die letzten Tage auf Sao Vincente waren schon wieder so erlebnisreich, dass es einige Mühe bereitet, die Eindrücke der zuvor besuchten Inseln Sao Nicolau und Santa Lucia zu Papier (zu Internet) zu bringen. Wobei … unsere Überfahrt von Boa Vista nach Sao Nicolau werden wir so schnell nicht vergessen!

Unseren ursprünglchen Plan, weiter nach Süden zur kapverdianischen Hauptstadt Praia auf der Insel Santiago zu segeln, haben wir nach langem Hin und Her dann doch -leider- verworfen. In sämtlichen Segelforen und privaten Segelblogs, die wir dazu studierten, wurde all zu oft fast eindringlich davor gewarnt, in der Bucht von Praia vor Anker zu gehen. „If you want to get robbed, go there“ (wenn du überfallen/ausgeraubt werden möchtest, geh nach Praia!) Wobei nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dass etwas vom Boot gestohlen wird uns abschreckt, sondern die mittlerweile etablierte Mentalität vor allem bei Teenagern und Kids uns abschreckt, dass man eine Art „Schutzgeld“ dafür bezahlt, dass z.B. das Dinghy am Strand bewacht wird.  Bei „Nicht-Bezahlung“ von ca. 10 € ist bei viel Glück das Dinghy zwar noch da, aber dafür mit Sand vollgeschaufelt, die Benzinleitung am Außenborder gekappt, der Tank entleert oder ebenfalls voll Sand gefüllt … Dazu muss man wissen, dass der Durchschnittslohn auf CV bei 8h Arbeit ca. 800 ECV/8 € beträgt. Aus den Erfahrungsberichten anderer Segler lesen wir, dass im Hafenamt eine Art Haftungsausschluss zu unterschreiben sei, wenn man es ableht, einen bewaffneten Schutzman an Bord zu nehmen. Die Höhe der Bezahlung hänge allerdings auch von der Tagesform der Beamten ab. Einerseits ist es sehr schade, auf Grund der Warnungen, die uns auch die Einheimischen auf Boa Vista mit auf den Weg geben, die südlichen Inseln nicht zu besuchen. Andererseits bieten die weiteren nördlichen Inseln noch so viel was entdeckt werden will! Also auf nach Sao Nicolau, Santa Lucia, Sao Vincente und zu guter letzt Sao Antao!

Nun, die für uns  mittlerweile recht kurze Überfahrt von knapp 85 sm von Boa Vista nach Tarrafal auf Sao Nicolau hatten wir uns als angenehme Nachtfahrt vorgestellt. Sicher, es würde alles andere als windstill sein, denn seit wir auf den Kap Verden angekommen sind, bläßt uns der NO-Passat stetig mit bis zu 30 kn um die Ohren. Mit der Abenddämmerung ließ der Wind aber bisher immer um ein bis zwei Windstärken nach. Vielleicht sind wir auch schon ein wenig bequem, nachlässig oder zu selbstbewußt unterwegs, in dieser Nacht führt uns jedenfalls Neptun bzw. der Atlanik mal wieder deutlich vor Augen, wie rau es auch auf „kurzen“ Passagen zugehen kann. Wir sind uns schon nach wenigen Stunden einig, dass dieses „Inselhopping“ das anstrengendste Stück unserer gesamten bisherigen Reise sein wird.

Wir starten bei Sonnenuntergang, setzen das Vorsegel im 1. Reff und Martin überlegt, gleich noch das Großsegel gerefft dazu zu setzen, damit wir mehr Fahrt beim Halbwindkurs machen können und etwas mehr Ruhe ins Boot bringen, denn die Dünung schaukelt uns schon in der Ankerbucht ordentlich durch.  Mir ist das alles irgendwie noch nicht so geheuer, denn wir befinden uns noch ein wenig in Landabdeckung. Vielleicht sollten wir warten, bis wir die kleine vorgelagerte Insel passiert haben und uns direkt zwischen Boa Vista und Sao Nicolau auf dem „offenen“ Meer befinden. Schulterklopfen, genau die richtige Entscheidung! Wenig später erfasst uns eine hohe, spitze und kabbelige Welle, der Wind erreicht bei 22 -27 kn eine konstante Windstärke 6. Immer wieder erfassen uns starke Böen um die 32 kn im Zusammenspiel mit großen Brechern, die als erstes meine Kamera aus dem Regal quer durch das Schiff bis in die Pantry befördern (alles, gut, sie geht noch). Der zweite Schreckmoment läßt uns ins mittlerweile klatschnasse Cockpit stürmen, als es nach einer Welle mit mit Böe und enormer Schräglage laut am Heck Rumpelt und Knallt. Ich denke im ersten Moment wir hatten eine Kollision, aber nein, durch die Schräglage ist der Wind unter das seitlich am Schiff angebrachte Solarpanel gefahren und hat es aus der Halterung gerissen. Am Kabel ziehen wir es hinterm Heck durchs Wasser, zum Glück ist es noch da. Wir sind noch keine 3 Stunden unterwegs und haben es jetzt schon pappen-satt! So geht es die ersten 60 sm (knapp 12 h) durch die Nacht, an Schlaf ist nicht zu denken. Bei Tagesanbruch erreichen wir dann endlich die Ostspitze von Sao Nicolau und hoffen, dass mit der Landabdeckung zum einen die Dünung und auch der Wind nachlassen. Leider weit gefehlt. Die letzten 25 sm werden zur echten Nerven- und Geduldsprobe, der Windmesser kennt jetzt nur noch eine Richtung: 28, 30, 32, 36 kn … bei Wind um die 40 kn kapitulieren wir an der Südspitze. Zu viel für Selene, zu viel für die Genua, zu viel für uns. Segel sofort bergen, Maschine an und gegen den Wind die letzten 5 Meilen in die Bucht von Tarrafal motoren. Endlos ziehen sich die paar Meilen, Tarrafal direkt vor Augen aber wir kommen scheinbar nie an. Mit jeder großen Welle, die unser Schiff von vorne trifft, bleiben wir nahezu stehen – „Ich-hab-die-Schnauze-aber-so-was-von-voll-Stimmung“! Kurz überlegen wir, weiter nach Westen zu segeln, aber das bedeutet nochmals minimum 12 Stunden bei diesen Wetterbedingungen. Also Augen zu und durch! Zu guter letzt macht es uns Sao Nicolau auch beim Ankern wirklich schwer, mit bis zu 36 kn fegt der Wind über die hohen Berge in die Ankerbucht. Dazu ist es im schwarzen Sand unmöglich zu erkennen, ob man den Anker auf „reinem“ Grund oder über Steinen fallen läßt. Wir verlassen uns auch hier auf die Angaben bzw. Koordinaten aus diversen Segelforen und tatsächlich ruckt der Rocna beim zweiten Versuch sehr deutlich ein. Mit uns liegen ca. 10 weitere Yachten vor Anker, die genauso wie Selene mit jeder Böe heftig am Anker zerren und weit auf die Seite gedrückt werden. Unglaublich, das haben wir beide noch nie erlebt: innerhalb von 5 Sekunden dreht der Wind von 10 auf 38 kn auf, gerade noch himmlisch still und fast windarm tost ein krachend lauter Windstoß nach den nächsten über die Bucht. Wir vertrauen uns dem Anker bzw. der Ankerwache an und versuchen nach dieser Überfahrt erstmal ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Anders als Sal und Boa Vista, die bei strahlendem Sonnenschein ihre karge oder wüstenhafte flache Küsten präsentierten, versteckt sich Sao Nicolau hinter einem dunstigen Nebelschleier. Hin und wieder reissen die Wolken auf und man erkennt schroffe, steil ansteigende Berge. Die Insel ist hoch, sehr hoch im Verhältnis zu den anderen. Man glaubt den höchsten Bergrücken zu sehen bis sich ein weiteres Mal die Nebelglocke lichtet und ein noch höherer Gebirgszug aufblitzt. Tiefe Felsschluchten ziehen sich vom Monto Gordo (1.318 m) bis an die Küste. Kein Wunder also, dass es hier so unstete Winde und Fallböen in der Bucht gibt. Wir warten einen günstigen Moment ohne heftige Böen ab um das Dinghy zu Wasser zu lassen. Wenigstens Martin muss als Yachteigner zur Polizei, um uns anzumelden. Auch wenn sich Selene bisher nicht vom Ankerplatz entfernt hat, bleibe ich vorsichtshalber doch an Bord. Wie schnell das gehen kann, dass sich ein Anker losbricht haben wir ja erst kürzlich in Sal Rei gesehen. Also tuckert der Captain mit dem Dinghy an Land und funkt mich kurze Zeit später an. Dass auch in Tarrafal Kinder bzw. Teenager einen Obolus für die Bewachung des Dinghys verlangen, hatten wir schon gehört. Eine erste Offerte von ein paar Halbstarken lautet 3.000 ECV – also 30 € dafür, dass einer auf`s Beiboot aufpasst und ein zweiter Martin zur Polizei bringt – whaaat!!!? Wir besprechen uns kurz am Funkgerät, der Preis ist mehr als dreist und kommt auf gar keinen Fall in Frage. Jedenfalls kann Martin die Buben ganz gut runterhandeln, er vereinbart einen Preis für heute, morgen und die nächsten Tage, bezahlt wird wenn uns der „Häuptling“ der Gang wie versprochen einen Fahrer für einen Privatausflug zum Monto Gordo organisiert – geschickt eingefädelt, allerdings wird das wie wir später merken werden noch für einige Diskussionen sorgen.

Mit der langsam einsetzenden Ruhe nach den aufregenden Stunden auf See, setzt bei uns der Hunger ein. Nur wenige hundert Meter vom Ankerplatz liegt der kleine Fischereisteg und es kommen ständig Fischerboote an, die ihren letzten Fang für heute abladen. Es ist schon später Nachmittag und so langsam scheint am Fischerkai Ruhe einzukehren. Also stecken wir uns flux ein paar Penunzen ein und fahren mit dem Beiboot nochmal schnell an Land. Je näher wir kommen um so mehr füllt sich der Anleger mit Zuschauern. Nur wenige Meter trennen uns vom Kai und wir werden wie das englische Königspaar empfangen. Die Jungs reißen sich förmlich daum, wer die Leine vom Dinghy entgegen nehmen darf, zig Hände strecken sich mir entgegen um mir an Land zu Helfen. Einer der Fischer will eben seinen ausgenommenen Fischabfall über die Kaimauer kippen und wird von den Umstehenden sehr energisch davon abgehalten, auch nur ein Fizelchen auf unser Dinghy zu kleckern. Entgegen der ersten Erfahrung an Land sind die Jugendlichen aber sehr, sehr höflich, keiner versucht uns irgend etwas aufzuquatschen oder zu verkaufen. Mir ist es fast ein wenig unangenehm, wie man uns einfach nur mit großen Augen bestaunt. Ein vielleicht 17 Jähriger hager Typ schält sich aus der Menge, gibt an seine Kumpels kurz die Fakten durch und fragt uns auf englisch, wie er uns helfen könne: Mit Fisch ist unsere Antwort. Wir schauen auf die fast leeren Tische am Steg und er führt uns ganz zielstrebig daran vorbei, die wirklich guten Fische seine in der Halle nebenan zu finden. In dem halbdunklen Gebäude ist ein riesiger Obst- und Gemüsemarkt untergebracht. Die älteren Frauen, die hier im Halbdunken sitzen und Fische filetieren oder Gemüse putzen scheinen wie auf Komando des Halbstarken loszuwirbeln. Er zeigt uns verschieden Fische, die in großen Truhen auf Eis lagern und zieht einen wunderschönen, frischen … ja keine Ahnung … super lecker aussehenden Fisch hervor. Mein Bruder gibt mir später den Tip, dass es sich dabei um einen der besten Speißefische – eine Goldmakrele – handelt. 250 ECV, als 2,50€ pro Kilo soll das Prachtexemplar kosten. Gewogen und bezahlt wird der ganze Fisch – wir bezahlen ca. 8 €. Das Filetieren und Ausnehmen könnten wir gleich noch vor Ort machen lassen (eine der Frauen wetzt schon ein riesiges Messer), aber das möchten wir gerne selbst erledigen. Wir werden mehr oder weniger wieder zum Dinghy eskortiert, mittlerweile liegen doch ein paar Fischabfälle drauf, zig Hände helfen uns wieder beim Einsteigen und es wird zum Abschied von allen gewunken.

An Bord beginnt nun das große Schlachtfest, wobei das marzialischer klingt als es letztendlich ist. Und wer Fisch bzw. Fleisch essen will, der sollte sich ruhig mal mit dem ganzen Tier beschäftigen statt nur die sauberen, küchenfertigen Filets in die Pfanne zu werfen. Ohne uns selbst über den grünen Klee zu loben, aber es war der bisher beste selbst ausgenommene und zubereitete Fisch an Bord und er versöhnt uns auch gleich mit den anstrengenden Stunden vorher.

Die erste Nacht in Tarrafal bringt uns wie befürchtet wenig Erholung. Immer wieder werden wir aus dem Schlaf gerissen, in langen lauten Böen zwischen 25 -35 kn faucht und heult der Wind über die Bucht. Auf dem Kartenplotter, der zusammen mit der Ankerwache permanent angeschaltet bleib, hat der GPS-Tracker inzwischen einen schönen weitern Halbkreis um unseren Anker aufgezeichnet. Sobald der Wind nachläßt werden die Schiffe von den Wellen landwärts geschoben und quer zur Windrichtung gedreht. Setzen die Böen ein, werden die Yachten an ihrer Breitseite von der vollen Windstärke getroffen und legen sich dabei natürlich auf die Seite. So rollen wir in der Koje jedesmal von einer Seite auf die andere. Dementsprechend müde und verbimmelt sind wir am nächsten Morgen. Leider ist es noch immer recht trüb und nebelig, die Sonne blinzelt nur hin und wieder durch einen milchigen Schleier. Und so beschränken wir uns für heute auf einen kurzen Spaziergang durch Tarrafal. In der Hafenstadt leben ca. 5000 Einwohner, zweieinhalb mal so viel wie in der Hauptstadt Ribeira Brava. In den 1950 Jahren nahm sich ein Mönch des kleinen Ortes an, organisierte Geld in Rom und begann Häuser für die Einwohner zu bauen. Das Gemeinwesen wurde gestärkt und zusätzlich Arbeitsplätze geschaffen. Tarrafal verfügt über den einzigen Fähr- und Handelshafen von Sao Nicolau, zudem ist hier eine große Thunfischfangflotte stationiert, deren Fang in einer modernen Fischkonservenfabrik mit 200 Arbeitsplätzen direkt weiterverareitet wird. Dementsprechend geschäftig geht es auf den Straßen zu. Zwischen kleinen bunten Wohnhäusern stehen z.T. recht große und moderne mehrgeschossige Gebäude mit allerlei Krimskrams-Geschäften im Erdgeschoss. Es wird nicht viel Werbung von außen gemacht und so ist es immer wieder spannend, was es in den meist recht dunklen und verramschten Läden zu finden gibt. Die Menschen sind auch hier sehr freundlich und man versucht uns meist mit Händen und Füßen weiter zu helfen, denn das große Problem ist nach wie vor die Sprachbarriere.

Wie wir in den nächsten beiden Tagen feststellen werden ist Sao Nicolau ein echtes Naturparadies, besonders für Wanderer und Urlauber, die die Stille in grandioser Landschaft genießen wollen. Es gibt in nahezu jedem Ort mehr oder weniger Hotels und Pensionen zu finden, Tarrafal und das am Ostzipfel gelegene Fischerdorf Carrical können sogar mit einem weiten (schwarzen) Sandstrand aufwarten und die Insel verfügt über einen Flughafen. Dennoch ist Sao Nicolau trotz der spektakulären Landschaft vom Tourismus nahezu unberührt. Die Sprachkenntnisse der Einheimischen in Englisch sind somit ähnlich spährlich wie unser portugiesischer Wortschatz.

Am Abend steht uns noch einmal der Sinn nach frischem Fisch. Die Auslage gestern verspricht neben großen Thunfischen diverse Makrelen, Red Snapper, Schwertfische, MahiMahis in allen erdenklichen Größen. Ich schicke Martin an Land, er darf sich was raussuchen und ich versuche dann mein Bestes uns ein leckeres Abendessen zu zaubern. Kurz darauf kommt er mit einer riesigen Tüte und einem leicht entschuldigenden Blick zurück … mein Captain hat mir ganze 5 Kilo Thunfisch mitgebracht, na prima, immerhin als Filets und nicht im Ganzen. Was tut man also, damit von diesem riesigen Berg nicht ein Teil vergammelt? Einkochen. Dazu habe ich in einem Buch gelesen, dass man u.a. Thunfisch prima im Schnellkochtopf für lange Zeit haltbar machen kann. Während ich also die Filets vorbereite (waschen, kleinschneiden, würzen, etc) dazu nach leeren Konservengläsern suche und den Schnellkochtopf in Gang bringe, versucht Martin bei dem immernoch sehr böigen Wind den Grill im Cockpit in Gang zu bekommen. Gar nicht so einfach, eine etwas windgeschütze Ecke zu finden. Aber alles geht gut, wir brennen weder das Schiff noch die Filets an und genießen am Abend die frischen Thunfischsteaks über Holzkohle gegrillt. Das Einkochen hat auch super funktioniert, bisher sind alle Gläser dicht. Wir sind schon gespannt, wann und vor allem was wir daraus zaubern können, wenn mal kein frischer Fisch an Bord ist.

Am nächsten Tag wirds höchste Zeit, etwas mehr von der Insel als nur die Ankerbucht kennen zu lernen. Ich versuche also ein Aluger in Richtung Ribeira Brava aufzutreiben, aber leider finde ich keins. Irgendwann hält an der Hauptstraße dann doch eines dieser Sammeltaxi-PickUp’s, welches über und über mit Baumaterialien vollgestopft ist. Der Beifahrersitz ist noch frei und der Fahrer deutet mir, ich könne einsteigen. Kurz überlege ich, ob es eine so gute Idee ist, auf einer mir völlig unbekannten Insel, über die Berge, 25 km in die Hauptstadt als einzigster Fahrgast (Fahrgästin), in dieses Auto zu steigen. Die Sorgen sind jedoch absolut unbegründet. Leider können wir uns nicht wirklich unterhalten, aber immer wenn es was interessantes zu sehen gibt, fährt der Fahrer extra langsam. Schon nach den ersten Kilometern auf denen sich die Straße hoch in das Gebirge windet, ändert sich die Landschaft. Es wird grüner, vereinzelt tauchen Obst- und Gemüseplantagen auf, kleine Weiler ducken sich an sanfte Berghügel, dazwischen schroffe und tiefe Taleinschnitte. Schließlich sind wir am Scheitelpunkt des Passes zwischen Tarrafal und Ribeira Brava angekommen und vor mir liegt ein unglaublicher Blick hinunter, in das Tal in dem die Hauptstadt liegt. Ich bin gleich ganz aus dem Häuschen, was auch dem Fahrer auffällt und so hält er kurz auf der engen Passstraße. Ich mache ein paar Fotos und der Mann zeigt mir einen Aussichtspunkt in der übernächsten Spitzkehre. Dort angekommen, hält er wieder an, steigt mit mir aus und versucht mir die wichtigsten Orte, die man von hier oben sehen kann zu erklären. Unglaublich, atemberaubend! Hier muss ich morgen unbedingt mit Martin noch einmal her kommen. Vor uns weitet sich ein so unerwartet grünes und fruchtbares Tal, kleine Häuschen liegen versprengt an den steilen Hängen, dazwischen funkeln und blitzen die Blühtenstände der unzähligen Zuckerrohrplantagen. Hobbit-Land, denke ich. Und hinter uns erhebt sich majestätisch der Monto Gordo, welcher morgen unser Ziel ist.

Die Hauptstraße nach Ribeira Brava schlängelt sich von hier nach oben und dann in unzähligen Serpentien weiter hinunter durch dei Faja Ebene, den fruchtbarsten Teil der Insel. Im höher gelegenen Örtchen Faja de Cima ist es noch recht kühl, daher werden hier hauptsächlich Mais und Bohnen angebaut. Weiter unten in Faja de Baixo ist das Klima so warm und feucht, dass hier vor allem Bananen, Zuckerrohr, Papaya und Brotfruchtbäume gedeien. Eine paradiesische Landschaft. Zu verdanken sind diese guten klimatischen Bedingungen dem Passatwind. Auf Grund der Höhe der Insel kondensiert das Wasser an den steilen Hängen und sorgt somit auf der Nordseite der Insel für genügend Wasser auch wenn es nur sehr sehr selten regnet.

Die Hauptstadt selbst liegt in einem Talkessel, ca. 5 km von der Küste landeinwärts. Der Name „Ribeira“ ist uns jetzt shon häufiger begenet, denn damit ist einfach nur ein Tal bzw. Flußbett gemeint. Durch Ribeira Brava zieht sich somit ein breites Flußbett, jedoch vollkommen ausgetrocknet. Dieses ist nur an mächtigen Palmen und grünen Parks zu erkennen, die den ehemaligen Flußlauf kennzeichnen. Als es noch regnete muss dies ein breiter Strom gewesen sein, der auch die vielen kleinen Rinnsale aus den Bergen zum Meer geführt hat. Jetzt werden hier nur noch Autos geparkt oder man nutzt die staubige Piste als Abkürzung der engen Straßen in der Stadt. Umgeben von einer grandiosen Bergkulisse verteilen sich mehrere kleine Ortsteile auf die umliegenden Berghänge. Ein steil ansteigendes Tal führt hinauf zu dem Aussichtspunkt, an dem wir zuvor kurz angehalten haben. Hätte ich etwas mehr Zeit und vor allem nicht nur Flip-Flops an, wäre der Abstieg von dort oben, in die Stadt sicher eine wunderbare Wanderung gewesen.

Als ich am späten Nachmittag zurück komme, holt mich Martin mit dem Dinghy am Strand ab und sofort sind unsere „Freunde“ wieder da und wollen über die Dinghy-Bewachung sowie die Bezahlung für einen privaten Fahrer für morgen verhandeln. Nach einigen schweren Diskussionen und immer wieder Rückversicherung, was im Preis enthalten ist, einigen wir uns auf 6.000 ECV (60 €) für einen Fahrer morgen ab 10:00 Uhr, der uns den ganzen Tag zur Verfügung steht. Wir klären kurz, was wir alles sehen wollen und dass die „Bewachung“ des Dinghys inklusive ist. Alles in allem ein stolzer Preis. Vor allem wenn ich daran denke, dass der nette Fahrer von gestern nur den regulären Preis von 350 ECV haben wollte, obwohl er so oft angehalten hat und in Ribeira Brava sogar nach 5 Minuten zurück gefahren kam, da ich meinen Reiseführer im Auto liegen gelassen habe. Naja, wir sind gespannt.

Am nächsten morgen sind wir pünktlich da, ein Fahrer samt PickUp wartet auch schon und der „Große“, der als einzigster ein wenig Englisch kann, nimmt unser Dinghy in Empfang. Dann geht leider erneut eine Diskussion ums Geld los. Ein Typ aus der Truppe verlangt jetzt plötzlich wieder 10 € für die Bewachung, der nächste nur 5, der Große kann sich nicht erinnern, dass wir 60 für alles per Handschlag vereinbart haben… So geht es eine ganze Weile hin und her, bis es dem Fahrer dann zu blöd wird. Er schiebt uns ins Auto, knallt die Türen zu, faltet die Halbstarken verbal kurz zusammen, dem Nervigsten gibt er ein Zeichen, Handshake und schon braust er mit uns los. Waldemar, so sein Name, spricht aber leider kein Englisch, was wir am Abend vorher jedoch zur Bedingung gemacht hatten. Nun gut, was wir alles sehen möchten, können wir ihm auch so auf der Karte zeigen. Ich hoffe nur, es gibt kein Problem zwischendurch, denn unser Fahrer ist ein eher unentspannter, wortkarger und leicht aggresiver Hühne. Seine aufbrausende Art bekommen wir mehrfach während der Fahrt vor Augen (Ohren) geführt, als bei diversen Anrufen irgendetwas seinen Unmut hervorruft und der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung einen Kopf kürzer gemacht wird. Wir versuchen uns zu entspannen und spätestens als wir an dem gestern schon besuchten Aussichtspunkt hoch über Ribeira Brava angekommen sind, nimmt uns die Landschaft so gefangen, dass uns der grummelige Chaufeur schon fast egal ist.

Auch Waldemar taut für einen kurzen Moment auf und versucht uns z.B. die Zuckerrohrplantage und die Groque-Mühlen im Tal zu zeigen. Anders als der Aluguer-Fahrer gestern verlassen wir die Hauptstraße und Waldemar fährt in der Faja-Ebene winzige kleine, enge Holperpisten um uns die reichen überbordenden Plantagen zu zeigen. Wir passieren putzige halbverfallenen Wohnhäuschen, alte Groque-Mühlen, es geht mal hinauf, mal hinunter, zwischdurch versperren uns Ziegen, Hühner oder Esel den Weg.

Schließlich gelangen wir wieder an die Hauptstraße, die nun direkt an der rauen Nordküste verläuft. Unser nächster Stop soll der „Branco Azul“ sein, ein tiefes Loch in einer am Meer liegenden Lavaplatte aus der die Brandung des Atlantiks wie eine Fontaine nach oben gedrückt wird. Der Weg dahin ist zwar im Reiseführer recht ausgiebig beschrieben, aber wir hätten den winzigen Ort und vorallem den Zugang zum Meer alleine nie gefunden.

Den anstrengendsten und lohnenswertesten Teil unseres Ausflugs nehmen wir ausgerechnet zum Mittag in Angriff – eine Wanderung auf den Monto Gordo. Dazu sind noch ca. 700 Höhenmeter zu überwinden um auf den Gipfel mit 1.318 m zu gelangen. Angegeben ist die Tour laut Reiseführer mit 3 h ohne Pause. Das versuche ich auch Waldemort zu erklären, aber er ist der Meinung, 2:30 h genügen und er sei gegen halb 3 wierder am Nationalparkhäuschen, um uns abzuholen. Ich befürchte, dass wird für Diskussionen sorgen, denn wir wollen uns auf gar keinen Fall auf unserer Wanderung stressen lassen. Von Beginn an führt der Weg zuerst auf einer gepflasterten Holperstrecke steil bergan. Wir bleiben in jeder zweiten Kehre stehen, zum einen weil uns jetzt schon die Luft ausgeht, zum anderen, weil der Ausblick einfach grandios ist. Riesige Agaven ragen weit in den Himmel, dazwischen so weit man schauen kann, üppiges grün, Pflanzen, die ich so noch nie gesehen habe. Besonders schön sind die Drachenbäume, Dragoeiros de Cachaco, ein urzeitliches Gewächs, welches in der Fülle nur noch im Hochland von Sao Nicolau zu finden ist.

Nachdem wir auf ca. 1.000 m die Baumgrenze und somit leider auch den kühlen Schatten verlassen haben, führt der Weg die letzten Meter über staubtrockene Pfade in sengender Sonne. Schniefend und schnaufend, nach Wasser und Luft schnappend erreichen wir schließlich den Gipfel und werden mit einer traumhaften Aussicht über die Insel belohnt. Vor uns fallen nach Süden die Hänge karg und steil zur Küste hin ab. Nach Norden ziehen sich sanfte grüne Hänge in denen vereinzelt spitze Felsnadel aufragen. Einfach wunderschön! Wir genießen für eine halbe Stunde den Ausblick und vor allem die Stille, denn bis auf ein paar neugierige Rabenvögel haben wir den Monto Gordo heute für uns ganz alleine.

Der Abstieg dauert dann auch nicht lange. Unterwegs begegnet uns nur ein Esel, der schwer beladen und scheinbar ganz alleine den Gipfel besteigen will. Seelenruhig trottet er an uns vorbei, schaut kurz rüber und setzt seinen Weg fort. Nach ein paar Minuten hören wir dann doch eine Stimme. Ein Bauer unbestimmbaren Alters schimpft und grummelt vor sich hin, ob er mit sich oder dem vorauseilenden Esel spricht, erschließt sich uns leider nicht. Als er uns bzw. meine Kamera sieht, wird er mit einem Mal ganz freundlich und stellt sich in Pose. Natürlich ist auch das nicht kostenfrei, wie er mir mit einer eindeutigen Handbewegung begreiflich macht. Ich drücke ihm 200 ECV in die Hand und er bedankt sich überschwenglich.

Als wir am Nationalparkhäuschen ankommen, sind wir ca. eine halbe Stunde zu spät. Waldemorts Wagen läuft schon und er raunzt uns nur ein kurzes „You are late!“ entgegen. War die Hinfahrt noch sehr kraftstoff- und fahrzeugschonend, braust unser Fahrer jetzt wirklich wortlos die Serpentinen Richtung Tarrafal hinunter. Auch wir werden immer stiller, denn uns beschleicht das ungute Gefühl, dass bei unserer Ankunft gleich wieder ne riesige Diskussion mit den jugendlichen Yeah-yeahs losbricht. Aber zum Glück ist der Große und seine Gang gerade beschäftigt, nur einer von der Truppe döst neben unserem Dinghy im Schatten. Wir drücken Waldemort die 60 € in die Hand, er verspricht jedem seinen Teil auszuzahlen und wir machen uns so schnell es geht aus dem Staub. Der „Große“ will gerade noch zu uns herüber laufen, aber Gott sei Dank läßt uns unser Dinghy-Motor diesmal nicht im Stich. A propos Motor: Das ist auch so eine endlose Geschichte, die aber Martin besser erklären sollte. Kurz gesagt, wir waren schon mehrfach kurz davor, die olle Möhre gegen ein neueres Model zu tauschen. Aber immer wenn wir diese Drohung geäußert haben, lief der kleine Evinrude wieder ganz passabel.

die Vorbereitungen für Weihnachten laufen
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie gelb sind deine … Kanister!

Den Nachmittag nutzen wir um Selene ein wenig auf Vordermann zu bringen, denn am nächsten Morgen soll es weiter zur kleinen unbewohnten Insel Santa Lucia gehen. Wir fahren nochmal (incoknito) an Land, um unsere Papiere bei der Polizei abzuholen. Der Beamte meint, dass man vor Santa Lucia zwar Ankern darf, aber das Betreten ist eigentlich nur mit Genehmigung möglich. Es gäbe wohl eine Naturschutzstation und ein „Watch-men“ würde zu uns an Bord kommen und wenn wir möchten auch auf die Insel begleiten. Ein wenig Bauchschmerzen bereitet uns jedoch die Überfahrt. Es sind zwar nur 25 Meilen, aber wir müssen doch recht hoch an den Wind gehen. Dazu die atlantische Welle und die Düse, die in der Regel zwischen den Inseln herrscht, naja, wir werden sehen.

Salz und Wüstenstaub kleben inzwischen überall
Vogelparadies Insel Razo

Letztendlich ist die Überfahrt dann wie erwartet anstrengend, aber bei Weitem nicht so arg wie unsere Überfahrt nach Sao Nicolau. Unterwegs passieren wir nördlich die Naturschutzinseln Razo und Branco, deren Betreten nur wenigen ausgesuchten Wissenschaftlern vorbehalten ist. Das Ankern am langen Sandstrand von Santa Lucia wird dann doch nochmal zur Herrausforderung, auch hier tost der Wind mit Fallböen um die 30 -35 kn über die Berge. Aber der Anker scheint auch diesmal zu halten, in einem weiten Bogen schwoien wir um die gesetzte Ankermarkierung. Wie in jeder Ankerbucht wird auch hier Martin den Anker abtauchen und schauen wie er liegt. Jedoch zögern wir eine ganze Weile ins Wasser zu gehen. Die drei Inseln (Razo, Branco, Santa Lucia) gelten als die fisch- bzw. artenreichsten Gewässer der Kap Verden. Besonder Haie mögen es hier sehr und nutzen die futterreichen Küsten gerne als Kinderstube… naja, wird schon keiner ausgerechnet jetzt vorbeikommen.

Wir bleiben zwei Nächte bzw. drei Tage vor Santa Lucia, in denen wir keiner Menschenseele begegnen. Am zweiten Tag versucht eine Yacht zu ankern und gibt es kurze Zeit später auf. Von Naturpark-Rangern ist auch weit und breit nichts zu sehen. Mit dem Dinghy an Land zu fahren, versuchen wir erst gar nicht. Um die kleine Insel wird die heranrollende Welle des Atlantiks so zusammengeschoben, das die harmalos aussehende sanfte Dünungung als laut grollende Brecher an den Sandstrand donnern. Jeder Versuch würde mit kentern enden. Ob es sicherer bzw. ungefährlicher ist, an Land zu schwimmen, testen wir auch besser nicht.

kein Mensch aber Wind, Wind, Wind

Am Mittwoch wird es aber dann wirklich Zeit, die letzte Insel der Kap Verden bzw. Mindelo anzulaufen. Wir haben ein wenig darauf gehofft, dass sich der Wind etwas abschwächt und die Anfahrt nicht so ruppig wird, aber der NO-Passat scheint dauerhaft bei 20 -30 kn zu blasen. Vor allem werden wir langsam unruhig bzw. ungeduldig, wo unsere Pakete, die wir nach Mindelo geordert haben, abgeblieben sind. Eines müsste schon in der Marina auf uns warten, bei den drei anderen tut sich seit Tagen nichts mehr am Sendungsstatus … ärgerlich! Unseren Plan, um den 16-20.12. Richtung Karibik aufzubrechen, haben wir mittlerweile schon gestrichen. Jetzt aber erstmal Mindelo, das berühmt berüchtigte und angeblich verruchte Langfahrtsegler-Mekka!

… mehr dazu im letzten Teil Kap Verden

5 Antworten auf „Sao Nicolau – die Unberührte – Kap Verden Teil 3“

  1. Habe gerade diesen Beitrag zum 3. mal gelesen bzw. gesehen. Soviel Arbeit machen Texten, filmen und fotografieren, dass es viel zu schade ist, nur mal „drüber zu lesen“. Danke euch beiden, dass ihr uns teilhaben lasst an eurem Abenteuer!
    Und jetzt habe ich zufällig auf YouTube ein Video, die Folge 19 , von Santa Lucia und die Weihnachtstage in Mindelo gefunden, danke auch dafür! Hinweis an alle, die neugierig auf die nächste Folge sind: dieses Video direkt auf YouTube suchen!
    Kommt bald gut in Grenada an und bleibt behütet
    Uta

  2. Liebe Claudia, lieber Martin,
    auch mir geht es so, dass ich eure Beiträge mit großer Spannung erwarte. Ermöglicht ihr doch, sehr nah bei so einer tollen Reise dabei sein zu können. Dafür habt ganz herzlichen Dank. Ich wünsche euch für das neue Jahr alles Gute, bleibt vor allem gesund, damit ihr weiter so erlebnisreiche Zeit verbringen könnt und wir, die wir hier zu Hause sind , mit Hilfe eurer Berichte auch bisschen von der Welt sehen können.
    Herzliche Grüße von Katrin aus der Lagunenstadt

  3. Vielen vielen Dank für den Reisebericht. Ruth und Egon wünschen
    Euch alles alles gute für den nächsten Schlag. Am 26.01.2020
    besuchen wir Eri und Frieder. Vielleicht können wir da schon
    den nächsten Reisebericht lesen und ein Vidio sehen.

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