600 sm südwärts – Kanaren wir kommen

Am Donnerstag den 31.10. soll es also endlich weiter gen Süden zu den Kanaren gehen und damit die erste richtige Langfahrt über den Atlantik in Angriff genommen werden. Bisher hatte sich dafür kein stabiles bzw. konstantes Wetterfenster von geschätzen 5 – 6 Tagen ergeben. Im Moment steht ein relativ stetiges Hoch über Madeira, was zwar viel Wolken und Feuchtigkeit aber auch guten Westwind mit 12 – 15 kn mit sich bringt. Westlich der Biskaya braut sich allerdings ein deftiges Tiefdruckgebiet zusammen, welches zum Wochenende Starkwind und Sturm von 7 – 8 (später bis zu 11!) Windstärken in Nordspanien und Portugal hervorbringen soll. Ob und wie stark uns die Ausläufer treffen werden, wird sich zeigen ….

Vorhersage könnte kaum besser sein

Die verschiedenen Wettervorhersagedienste sind soweit übereinstimmend, dass wir die ersten 2 Tage Westwind bekommen sollen (perfekt zum Halbwindsegeln). Zwischen Samstag und Sonntag soll der Wind auf 5 , vielleicht auch 6 Bft in Böen zunehmen, bevor er dann aubflaut und danach konstant aus Nord bis zu den Kanaren weht, was wiederum einen optimalen Downwind-Kurs ergeben würde. Nach dem Ritt auf der Kanonenkugel bzw. über die Biskaya stelle ich mich vorsorglich schonmal auf 5 anstrengende Tage ein – und hoffe das wir guten Wind mit weniger Welle bekommen.

Adeus Sinés, schön war`s!

1. Seetag, Donnerstag 31.10.: Mittag werfen wir die Leinen los und verabschieden uns vom liebgewonnenen Sinés und damit auch vom europäischen Festland. Anfangs noch mit leichtem Wind aus West segeln wir keine halbe Stunde später mit Halbwind gute 6 – 6.5 kn gen Süd. Von der portugiesischen Küste ist sehr schnell keine Spur mehr zu sehen, dafür ist es heute einfach zu trüb und neblig. Der Atlantik zeigt sich wiedererwarten von seiner gnädigen Seite: keine zu hohen Wellen, eher gemächliche Wogen. Unter Deck ist nur der Windgenerator hin und wieder zu hören sowie das gleichmäßige Rauschen des vorbeiziehenden Wassers. 18:45 Uhr ist es mit einem Schlag stockfinster und so plötzlich die Nacht kam war auch der Wind weg. Wir dümpeln in die Nacht, Schleichfahrt mit schlagenden Segeln und scheppernden Rigg lassen keinen Platz für Segelromatik

Größenverhältnis Segelyacht vs. Tankschiff

2. Seetag, Freitag 01.11.: In den frühen Morgenstunden kommt endlich der ersehnte Wind auf, leider aber aus WSW was für uns mal wieder „Am-Wind-Segeln“ heißt … bitte nicht schon wieder, das hatten wir zur Genüge im Ärmelkanal. Das mittlerweile sehr ausgeprägte Tiefdruckgebiet sendet seine Ausläufer also leider doch soweit südlich… und mit der Windrichtung auch die entsprechende Windstärke. Selene fliegt mit 7 – 7.5 kn über die mächtigen Wogen, die jedoch im Boot nur wenig zu spühren sind. Leider ist der „Geschwindigkeitsrausch“ nur von kurzer Dauer. In den nächsten Stunden ist der Wind mal (heftig) da, dann wieder weg, kommt aus SW oder West oder Süd, aller 15 Minuten wird der Windpilot nachjustiert, die Segel getrimmt oder der Autopilot (Harald) muss für den Windpilot (Herbert) übernehmen, da gar kein verwertbares Lüftchen weht – entspanntes Segeln ist anders. Am Vormittag stabilisiert sich das Windfeld und wir segeln brav weiter Am-Wind bei 12 – 16 kn aus WSW. Der Tag selbst ist trüb und grau, auf uns liegt bleierne Müdigkeit. Gegen Mitternacht ziehen wir die aktuellen Wetterdaten per Satelitentelefon: es soll erstmal bei WSW bleiben, später mehr auf Süd drehen und noch eine Windstärke zulegen – na prima! Immerhin: trotz der mehrstündigen Dümpelei in der Nacht haben wir ein Etmal von 125.3 sm erreicht, da geht also noch mehr.

von wegen „Halbwind“! Gegen den Wind für ca.300 sm

3. Seetag, Samstag 02.11.: In der Nacht nimmt wie gestern schon der Wind merklich zu, Böen bis zu 18 kn sind „Am-Wind “ einfach tierisch ungemütlich. Es scheppert und rumpelt lautstark im Rigg wenn sich Selene unter einer der mächtigen Wogen weit auf die Seite legt. An sich ist die Dünung unerwartet moderat, nur ab und zu laufen dann doch mal ein, zwei „Brecher“ unter Selene durch, die unser Bötchen kurz auf 8 – 9 kn beschleunigen. Da das schon weit über der Rumpfgeschwindigkeit liegt, ist dann ein leichtes Vibrieren im ganzen Schiff zu spüren, ein Anzeichen dafür, dass in der Welle der Ruderdruck Aufgrund eines nahenden Strömungsabrisses erheblich nachlässt und in dessen Folge das Boot im schlimmsten Fall querschlagen kann. Trotzdem macht es Spaß, dem Ziel so entgegen zu fliegen. Für denjenigen, der jedoch gerade schlafen will, sinkt dabei natürlich der Spaßfaktor.  Wir haben noch alles an Segeln gesetzt, langsam wird es wirklch Zeit zu reffen. Da ich das alleine nicht machen kann (und will) muss ich Martin doch mal aus der Koje holen. Erwartungsgemäß grummelig stapft er über`s Deck und holt das Großsegel ein. So ganz ohne und nur mit Vorsegel ist aber auch Mist, wir wollen ja schließlich irgendwann mal ankommen. Also beide Tücher in`s 1. Reff. Selene ist nicht wesentlich langsamer, aber wir haben nicht mehr so arg Krängung, was das Fortbewegen unter Deck viel weniger anstrengend macht. Damit ist es endlich auch möglich, mal was richtiges zu Essen zu kochen. Neben der Müdigkeit schlägt der Hunger doch auch heftig aufs Gemüht.

Nur gut, daß im letzten Hafen (Sines) ein großes Überraschungspacket von Claudis Mutti auf uns gewartet hat. Der eigentliche Inhalt war mit jeder Menge Erdnüssen, Flips und Schokolade „ausgepolstert“. Tagsüber, also wenn wir beide wach sind, essen wir Brot oder Brötchen mit Aufschnitt oder machen mal ein Glas eingekochtes warm. Nachts schaut das aber ganz anders aus. Zum einen schlägt dann eine gewisse Faulheit zu und zum anderen schläft meinst einer von uns. Da jede Tätigkeit in der Küche bei Seegang (viel) Lärm erzeugt versucht man dies zu vermeiden. Um so besser, wenn dann so ein Karton mit jeder Menge an Futter herumsteht. So sitzt man dann am Navigator, auf der einen Seite der Navirechner, auf der anderen das Handy/Tablett/PC mit ein paar Filmchen oder Serien und in der Mitte liegt die Knabberware. Fast wie zu Hause vor dem Fernsehr, außer das man hin und wieder mal aufstehen muß, um zu schauen, ob da nicht doch einer ohne AIS unterwegs ist…

An Wind und Welle ändert sich den ganzen Tag nichts, es ist wolkenverhangen und trüb. Man weiß gar nicht wie spät es ist, wobei dass bei unserem gestörten Schlaf-Wach-Rhytmus eigentlich auch keine Rolle spielt 22:00 haben wir die Hälfte der Strecke geschafft und am Ende des 3. Tages ein Etmal von 140.3 sm gesteckt, geschätzte Restdauer 2 Tage und 11 Stunden.

auf den Wogen legt sich Selene weit auf die Seite …
…und plötzlich ist der Horizont weg

4. Seetag, Sonntag 03. 11.: Im Logbuch findet sich zu diesem Tag keine Eintragung bis auf das Datum und die Position um 06:00 Uhr morgens – und ganz wichtig: endlich, endlich dreht der Wind! Seit dem Sonnenaufgang können wir vor dem Wind segeln. Interessant, wie sich dabei auch plötzlich die Stimmung hebt. Nicht dass einer von uns die letzten Tage schlecht gelaunt gewesen wäre, aber es ist mit einem mal so viel angenehmer sowohl unter Deck als auch im Cockpit, was die drückende Müdigkeit irgendwie mehr verblassen lässt. Möglich auch, dass sich der Organismus dann doch irgendwann an die veränderten Bedingungen anpasst und sich mit der Situation von zwar häufigen aber kurzen Schlafphasen arangiert. Dass ich über den Tag so wenig notiert habe liegt wohl auch daran, dass wir gefühlt stundenlang einfach nur auf`s Meer schauen, dabei die Wellen beobachten, die Sonne genießen und uns auf den Landfall freuen.

32°37´27 N/ 11°36´63 W mit dem Nordwind verschwinden die Wolken

Eine Sache gibt uns dabei jedoch zu Denken: wir rufen regelmäßig NAVTEX-Nachrichten ab, was in etwa mit dem Verkehrsfunk im Radio zu vergleichen ist. Die Nachrichten enthalten komprimierte Informationen u.a. zum Wetter, nautische Hinweise wie geänderte Betonnung, zu Militärübungen oder Regatten sowie allgemeine Warnhinweise für Seefahrer. In den vergangenen 3 Tagen wurde mehrfach davor gewarnt bzw. darauf verwiesen, dass Schlauchboote von der afrikanischen Küste zu den Kanaren unterwegs seien, mal mit 50 mal mit 20 Personen, und man solle besondere Obacht in diesem Bereich der Seewege walten lassen. Natürlich macht man sich dann automatisch Gedanken, wie in so einer Situation zu verfahren sei und was passieren würde, wenn es Nachts zu einer Begegnung/Kollision käme, da die Schlauchboote weder über ausreichende Beleuchtung geschweige denn AIS/Radar verfügen…

eine von vielen NAVTEX-Nachrichten

5. Seetag, Montag 06.11.: Als gegen 7:00 die Sonne zum 4. Mal während unserer Überfahrt aufgeht, beginnt ein strahlend schöner Seetag. Das Wissen, dass es jetzt „nur noch“ 90 Meilen bis zur Küste und 120 Meilen bis Puerto Calero sind, wecken buchstäblich die Lebensgeister. Wir sind zwar nach wie vor todmüde und fühlen uns um Jahre gealtert, jede Bewegung unter Deck strengt ungemein an, selbst Kleinigkeiten wie das Zähneputzen oder Kaffeekochen gleichen einem Balaceakt. Aber es werden plötzlich Energiereserven frei, die Martin dazu bringen mal wieder zu bauen. Natürlich nicht grundlos, denn auf Vorwindkurs macht sich eine Stelle in der Konstruktion am Niedergang mittlerweile mit ohrenbetäubenden Knarzen bemerkbar. Es ist unmöglich ohne Kopfhörer oder Ohropax dabei zu schlafen. Nachdem das erledigt ist, genießen wir die Sonne und den herrlichen Segeltag, halten immer wieder nach Land ausschau und entdecken dabei zwei Schildkröten, die in Seelenruhe an uns vorbei paddeln.

Endlich auf Vor-Wind-Kurs nach Süden

Der stetige Nordwind schiebt uns zügig Richtung Lanzarote, leider zu zügig, da wir – wie sollte es anders sein – im Dunkeln an der Küste ankommen. 22:00 Uhr ist es dann soweit, im schwachen Mondschein zeichnet sich deutlich die schwarze Siluette von Lanzarote gegen den wolkenverhangenen Nachthimmel ab und die ersten Lichter tauchen an Land auf. Zwischendurch reißt der Himmel stückchenweise auf und das Mondlicht zeichnet eine silberne Einflugschneise auf`s Meer, Delphine kommen vorbei und bringen unserer Tiefenmesser ständig zum alarmschlagen – eine richtig schöne kitschige Szenerie. Endlich da, endlich geschafft – nicht!

Auch heute Abend hat der Wind nochmal ein ordentliches Schippchen bei Einbruch der Dunkelheit draufgelegt. So preschen wir der Südostküste entgegen und überlegen, wann und wie weit wir das Segel reffen um nicht zu früh in Calero anzukommen, es sind jetzt ja nur noch 30 sm; bis es hell wird dauert es noch gut 9 Stunden. Kurz darauf merken wir, dass das mit dem langsamer fahren bzw. reffen gar nicht so einfach ist, vielleicht haben wir auch den Zeitpunkt verpasst. An der Meerenge zwischen Lanzarote und La Graziosa wird der Wind wie durch eine Düse verstärkt und dreht auf 35 kn auf. Mit der ausgebaumten Genua beschleunigen wir auf eine Spitzengeschwindigkeit von 13.09 kn (nach GPS) … hört sich erstmal toll an, war es aber gar nicht. Trotz des Snachtblocks am Spibaum, durch den das Reffen des Vorsegels auch mit Spibau möglich sein sollte, ist so ein Druck im Segel, dass es sich keinen Milimeter einrollen lässt. Natürlich giert und geigt das Schiff, es schwankt und rollt zu allen Seiten. Hilft ja alles nix, also Rettungsweste an, Lifeline einpiken und ab aufs Deck. Spibaum runter, Snatshblock aufschäkeln, Segel aushängen, dabei aufpassen dass man nicht vom Spiebaum oder der Schot vom Deck gefegt wird und Furlex händisch aufrollen. Nach der nur wenige Minuten dauernden Aktion sind wir beide (erstmal) hellwach. Und wie als wäre nichts gewesen, schläft kurz darauf der Wind ein, es geht also jetzt mit Segelschlagen und Rigggeklapper weiter.

6:30 Uhr, Lanzarote wacht im Morgenlicht auf
Atalaya de Femes an der Südwestspitze Lanzarotes
Blick nach Norden zum 670 m hohen Penas del Chache

Die letzten 4 Stunden schleichen wir mit 2.5 kn sowohl dem Sonnenaufgang als auch der Marina von Puerto Calero entgegen. Nach einem kurzen Zwischenstop am Warteponton der großen Marina und Zuweisung unseres Liegeplatzes ist es dann um 8:30 Uhr geschafft – Nach insgesamt 617 sm in 4 Tagen und 20 Stunden haben wir die Übrfahrt zu den Kanaren gemeistert. Wir sind unglaublich froh und dankbar, dass es eine insgesamt doch ganz moderate Überfahrt war. Gut, die 300 sm „Am-Wind“ waren so nicht gewünscht, dafür war der Atlantik diesmal sehr gnädig.

Puerto Calero, dahinter der 602 m hohe Guadilama
für die Überquerung zu den Kanaren verleihen wir uns den „Goldenen Anlegepoller“

Der Empfang in Puerto Calero war zudem sehr sehr nett, die Mitarbeiter gewohnt hilfsbereit und freundlich, der Papierkram dann auch schnell erledigt. Wenn man sich so im proppevollen Hafen umschaut, sind wir doch ganz froh, hier noch einen Liegeplatz bekommen zu haben. Der Großteil der Yachthäfen verfügt um diese Jahreszeit kaum über freie Liegeplätze, Festmachen ist eigentlich ausschließlich mit Reservierung möglich. Zum einen liegt es daran, dass die Kanaren ein ausgezeichnetes Segelrevier sind. Zum anderen, und das muss auf den Nachbarinseln noch wesentlich krasser sein, werden die Kanaren derzeit von enorm vielen Teilnehmern der A.R.C. – der Atlantic Ralley for Cruisers heimgesucht. Diese Segelregatta existiert seit ungefähr 30 Jahren und war ursprünglich ein nicht so ganz ernstgenommenes Wettrennen unter Langzeitseglern auf ihrem Weg von den Kanaren in die Karibik. Mittlerweile hat sich das A.R.C zu einem Spektakel der Superlative entwickelt. Es gibt mehrere Starttermine für verschiedene Bootsklassen mit unterschiedlichen Routen über den Atlantik. Der Großteil sind Eigneryachten, es gibt Angebote wie Hand-für-Koje, kompletter A.R.C.-Charteryachten oder einfach nur mal Mitsegeln bei richtigen Profis.  Das Rennen bzw. das Hauptfeld startet am 24.11. in Gran Canaria. Daher sind sowohl die Marinas auf dieser Insel als auch auf Teneriffa schon lange, lange vor Starttermin ausgebucht bzw. belegt. Andere Marinas nehemen überhaupt keine Reservierungen für diesen Zeitraum entgegen, nach dem Motto first come – first served. Das führt dazu, dass mittlerweile viele Teilnehmer auch auf die weiter entferneten Inseln wie Lanzarote und Fuerteventura ausweichen. Dass wir in Calero so kurzfristig einen Liegeplatz bekommen haben, liegt glaube ich auch daran, dass diese Marina als Partner des TransEuropeMarina-Verbunds deren Mitgliedern immer ein Liegeplatz zur Verfügung stellen muss.

Größenvergleich: einer der großen A.R.C.-Teilnehmer

Wie auch immer, wir haben uns erstmal für 3 – 4 Tage hier eingenistet. Wie es danach weitergeht hängt natürlich vom Wind ab und in welcher Marina wir in den nächsten Tagen festmachen können. Alternativ stehen auch einige schöne Ankerbuchten an der Südostküste Fuerteventuras zur Auswahl…aber das entscheiden wir erst, wenn wir mal wieder richtig ausgeschlafen haben.

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