ST. Vincent & Grenadines – alte und neue Bekannte

Bevor es für uns und damit virtuell auch für Euch so schnell und unerwartet zurück in die wunderbaren Grenadinen geht – was noch bei unserem ersten Besuch im Februar völlig ausgeschlossen schien – möchte ich gerne etwas in eigener Sache voraus schicken.
Wir sind wirklich sprachlos und ehrlich beeindruckt über die Großzügigkeit mit der Ihr auf unseren Unterstützungs-Link reagiert habt, unglaublich, vielen vielen Dank dafür! Waren bisher die (wenigen) Kommentare unter unseren Blogbeiträgen und Videos die einzige messbare Art der „Anerkennung“ für unsere teilweise tagelange Arbeit, sind wir jetzt von der Resonanz überwältigt. Um ehrlich zu sein, hin und wieder waren wir doch arg enttäuscht, so wenig Feedback zu erhalten. Insbesondere wenn man bedenkt, dass bei kosten- und werbefreien Online-Angeboten wie unserem Reiseblog und den dazugehörigen Videos die Anzahl der Kommentare oder Bewertungen so zu sagen die einzige „Währung“ ist. Nach den wenigen Tagen, die seit der Veröffentlichung unserer Kontaktdaten vergangen sind, macht es mich/uns doch ein wenig stolz, welche Reichweite unsere Reisebeschreibungen mittlerweile erreicht haben und wie groß die Freude vieler (heimlicher) Leser darüber ist, mit uns unterwegs zu sein. Danke für die Unterstützung, Danke für die Anerkennung und Danke für die vielen guten Wünsche zu unseren künftigen Abenteuern.

Nun aber endlich zurück nach St. Vincent & Grenadines, endlich zurück nach Süden!

Die Hurrikan Saison naht und wir brauchen dringend einen Unterschlupf für uns und SELENE während der kommenden stürmischen Wochen. In allen Wetterzentren weltweit wird für 2020 eine besonders starke Hurrikan Saison vorhergesagt, Zeit also sich aus dem Staub zu machen. Nach vier Monaten auf Dominica lichten wir Mitte Juli endgültig den Anker um in einem Schlag die 160 sm vorbei an Martinique und St. Lucia bis zur Südspitze von St. Vincent in die vorgegeben Quarantäne-Bucht zu segeln. Es ist schon interessant, wie sich die Länge einzelnen Segeletappen irgendwann relativieren: 160 sm schienen auch für uns noch vor drei Jahren auf der Ostsee ein echter Kraftakt und kaum vorstellbar. Mittlerweile freuen wir uns aber auf Törns von 2 – 3 Tagen am Stück, noch dazu da wir soooo lange nicht gesegelt sind. Am späten Nachmittag geht es los, der Abschiedsabend vorher war zu schön und viel zu lange als dass wir hätten tatsächelich wie geplant schon morgens starten können. Die erste Nacht hält uns dann doch ganz schön auf Trab, besonders zwischen den Inseln pfeift der Passatwind mit guten 24 kn, in der Düse kommen auch mal 29 kn zu Stande. Wir kommen trotzdem ganz gut voran und werden mit einem herrlichen zweiten Segeltag beschenkt. Aus der Düse wird ein konstanter Wind, dann ein laues Lüftchen und später fast Flaute. So kommt es wie es bei uns häufiger (eigentlich fast immer) geschieht, wir erreichen St. Vincent erst bei Einbruch der Dunkelheit. Die letzten drei Stunden ist der Wind dann ganz weg. Zu allem Überfluss beginnt es nun auch noch zu regnen und so motoren wir die gesamte Westküste der Insel im Schneckentempo hinunter. 4:00 Uhr morgens in stockfinsterer Nacht kreiseln wir vor der Einfahrt zum Young Island Cut. Wir kennen zwar die Bucht von unserem ersten Besuch und wissen, dass es genügend Mooringtonnen gibt. Jedoch steht auch hier alles unter dem Diktat der Corona-Pandemie, das Einlaufen und Festmachen unterliegt damit auch festgelegten Regeln. Bevor wir uns an eine Tonnen hängen, warten wir also bis es einigermaßen hell ist und uns niemand den Vorwurf machen kann, dass wir uns wie Diebe in der Nacht hier eingeschlichen haben. Das Einreiseprotokoll sieht vor, dass wir uns per Funk anmelden sollen und zum genannten Zeitpunkt mit Maske, Ausweisen und Schiffspapieren an Land gehen dürfen. Dort werden wir von einem „Agent“ in Empfang genommen. Unser Agent heißt Nicole, die uns auch gleich mit 15 weiteren Yachties zum Corona-Schnelltest bring. Der Test dauert nicht lange und das Ergebnis soll uns in spätestens 48 h per Mail mitgeteilt werden – diese Mail haben wir bis heute nicht 😉 Nicole erledigt in der Zwischenzeit für uns die Einreiseformalitäten. Am Ende kostet uns der ganze Spaß reichlich 200 US$ (2x PCR Test, 2x Mooringtonne + Agent), im Februar waren es gerade einmal 20 EC$ für das Einklarieren …  Einerseits viel Geld, andererseits ersparen wir uns die Quarantäne. Das es auch anders geht, also viel Geld + Quarantäne, werden wir leider auch bald erfahren.

Die wenigen Stunden Wartezeit verfliegen doch recht schnell und das wie erwartet negative Testergebnis wird uns von Nicole per WhatsApp mitgeteilt: „Welcome to SVG, you are free now to travel wherever you want! Have fun and enjoy!“  (Willkommen in St. Vincent & the Grenadines, ihr dürft nun reisen, wohin ihr wollt! Habt Spaß und genießt es). Vielen Dank, gesagt getan. Vorher allerdings steht noch das Verproviantieren auf dem Plan, eine Arbeit zu der ich Martin kaum motivieren kann. Die Liste ist schon recht lang, denn wir wissen mit dem weiteren Weg nach Süden werden die Inseln kleiner, das Angebot ebenfalls und die Preise dafür höher. Obwohl St. Vincent so viel zu bieten hat, wird dies mein einziger Ausflug an Land und wir „verschwenden“ keine weitere Zeit hier. Wir wollen zurück nach Bequia und vor allem in die Tobago Cays, denn derzeit liegt auch das Charter-Buissnes (vermeintlich) am Boden. So eine Gelegenheit, ohne lärmende Bootstouristen die traumhaften Buchten und Strände der Grenadinen zu erleben, wird es wahrscheinlich bzw. hoffentlich nicht wieder geben.

Knappe 10 sm trennen den Young Island Cut auf St. Vincent von der Admiralty Bay auf Bequia. Mit komfortablen 12 – 16 kn Wind bei strahlendem Sonnenschein und gemächlicher See wird es zwar leider nur ein kurzer dafür aber perfekter Segeltag. Lachend denken wir daran zurück als wir eben diese Strecke gegen den Wind und raue See unter Einsatz des Perkins damals noch mit Mama an Bord nach St. Vincent gestampft sind … und Martin am liebsten umgekehrt wäre. Überhaupt, wenn ich mir unseren Bericht von damals durchlese: wie aufgeregt wir waren, wie neu und spannend und unbekannt alles hier erschien. Jetzt, nach einem reichlichen halben Jahr in der Karibik, gehen wir inzwischen viel gelassener an vieles heran. Natürlich, neugierig sind wir immer noch, wir werden auch immer wieder überrascht, lernen dazu und staunen über Unbekanntes. Vielleicht haben uns unsere bisherigen Erfahrungen auch einfach etwas gelassener gemacht. Oder aber das karibische Lebensgefühl aus Entspannheit, „Fünfe-gerade-sein“ und Dinge in Ruhe auf sich zukommen lassen, hat mittlerweile auf uns ganz gut abgefärbt.

Die Admiralty Bay empfängt uns am Nachmittag in ihrer ganzen beeindruckenden Schönheit. Die beiden weiß strahlenden Strände an der Südseite, die bunten Bars und Cafes unter Mandelbäumen direkt am Wasser, windschiefe Kokospalmen, deren langen Wedel die Wasseroberfläche leicht berühren, türkisblaue Sandbänke zu beiden Seiten der Bucht, Fischschwärme die zwischen den ankernden Yachten umher schwimmen … alles irgendwie vertraut und doch wieder überraschend schön.

 

Wir wollen diesmal versuchen an der Nordseite der Bucht zu ankern, da hier das Leben der Einheimischen stattfindet. Im Februar hatten wir an der Südseite im sehr dichten Ankerfeld gelegen und schnell festgestellt, dass hier doch mehr die Zugezogenen zu finden sind und das Angebot an Land hauptsächlich auf Touristen und zahlungskräftige Besucher ausgerichtet ist. Die Anzahl der Yachten ist jetzt im Juli sehr überschaubar und kein Vergleich zur Hauptsaison. Daher fällt uns auch recht schnell eine schöne große und recht alte Ketsch (Zweimaster) auf, die noch dazu ein blaues Kajüthaus hat. Martin entdeckt als erstes den Herrn, der ganz gemütlich im Schatten auf dem Hinterdeck sitzt und wir freuen uns riesig, Stan (Ztanek) und Cora hier anzutreffen. Wir haben oft an die beiden gedacht, besonders in letzter Zeit. Um ehrlich zu sein, dieses liebenswerte Musikerpärchen, welches seit über 40 Jahren auf den Weltmeeren lebt, hatte uns schon damals bei unserem ersten Treffen zum einen arg beeindruckt und zum anderen davon träumen lassen, unsere Reise zu verlängern. Damals schien dies aussichtslos, ein wunderbarer Traum, der nicht zu erfüllen ist – und nun passiert genau das, kaum zu glauben.

Die Wahl des Ankerplatzes entscheidet dann letztendlich unser schwaches Wifi-Equipment und so landen wir doch wieder in der Südbucht, der feine Sandstrand des Plantation House Resorts nur wenige Meter entfernt.

Der erste Ausflug führt mich auf vertrauten Wegen einmal komplett um die Admiralty Bay und dabei durch die sehr kleine aber niedliche Inselhauptstadt Port Elisabeth. Per Dinghy setze ich zum Princess Margarete Beach über und schon beim Anlegen fällt es mir wieder ein, dass das neue hölzerne Jetty vor Jack‘s Bar zwar sehr schön aber für Dinghys völlig ungeeignet ist, es ist genau so hoch, dass bei Niedrigwasser die Gummiboote unter den Steg treiben und von den Wellen darunter eingeklemmt werden. Kurzerhand ziehe ich unser Bötchen samt Maschine an den Strand, zum Festmachen muss ein großer Baumstamm reichen. Dass hier im Moment etwas gestohlen wird, kann ich mir kaum vorstellen, es ist niemand, absolut keine Menschenseele weit und breit zu sehen. Den Bellmond Walkway bin ich schon bei unserem ersten Aufenthalt mehrmals und sehr gerne entlang spaziert. Anfangs als hölzerner Steg direkt über dem Wasser gebaut, führen kurze Zeit später ein paar Stufen über die Klippen und bieten einen herrlichen Ausblick auf die Bucht und die gegenüberliegenden Ortsteile Pretoria und Hamilton. Weiter geht es durch ein lichtes Wäldchen wieder hinunter zum breiten, weißen Plantation Beach. Ganz ruhig und gemächlich rollen sanfte Wellen an, der Sand schimmert von rosa über goldgelb und himmelblau. Wie für ein Hochglanzmagazin arrangiert, wiegen sich Palmen sachte im Wind, Krabben huschen über den Strand – und wieder ist kein Mensch zu sehen. Die letzten Meter bis zur Stadt führt der Steg wiederum direkt über die Wasserlinie vorbei an Bars, Cafes und Restaurants. Würden nicht immerhin Fische neben mir im Wasser schwimmen, könnte man das fast für eine apokalyptische Szene halten: eben war noch alles voller Leben und nun sind sämtliche Menschen verschwunden. Die meisten Bars und Restaurants haben tatsächlich geöffnet, es stehen zumindest überall Tische und Stühle draußen aber es sind weder Gäste noch Angestellte zu sehen.

Im Gingerbread sehe ich dann doch aus den Augenwinkeln eine Person hinter dem Thresen in Richtung Küche huschen und ich frage, ob denn geöffnet sei. Ja, natürlich, ich solle aber bitte draußen Platz nehmen und nicht so dicht in den kleinen Verkaufsraum kommen …. ohkee?! Als mir kurze Zeit später mein Kaffee und ein unglaublich leckeres Stück Kuchen – Gingerbread, was sonst –  an meinen Platz unter dem Mandelbaum mit Blick auf die Bucht serviert wird, frage ich, was denn das Problem sein. Nun, vor einer knappen Woche landete ein Flugzeug aus Miami in St. Vincent, mit an Bord 6 coronainfizierte Passagiere von denen wiederum drei nun auf Bequia sind, prima! Bei insgesamt nur 6.000 Einwohnern liegt die Toleranzgrenze bei genau 3 Infizierten, kommt ein weiterer Fall hinzu würde erneut ein Lockdown verhängt. Die Menschen hier fürchten sich davor verständlicherweise sehr, noch mehr aber vor dem Virus und somit auch erst mal vor allen Fremden. Ich erkläre dem netten und sichtlich besorgten Herrn, wie die Einreiseprozedur in St. Vincent inklusive negativem Testergebnis von Statten ging und dass wir auf direktem Weg von einer Covid-freien Insel kommen. Sichtlich erleichtert nimmt er sogleich seine Maske ab und dann sprudelt es auch schon aus ihm heraus, wie immens der Tourismus durch die Pandemie leidet. In dieser Jahreszeit würden die Geschäfte auch so nur wenig abwerfen aber dieses Jahr habe der Einbruch eben schon im März mit dem Ausbruch der Pandemie begonnen. Statt 7 guter Monate waren es somit nur drei, die nun für ein Jahreseinkommen reichen müssen. Die gedrückte, ja fast verängstigte Stimmung ist dann auch in der Stadt zu spüren. Liegt es nur an der Mittagshitze oder daran, dass eben doch Nebensaison ist? Oder ist tatsächlich der neuerliche Coronaausbruch daran schuld? Es ist jedenfalls auffällig still in der Stadt, von dem bunten, quirligen und geschäftigen Treiben wie wir es im Februar erlebt haben ist nichts zu sehen. Auch wenn das gelegentlich agressive Bewerben von Obst und Gemüse oder handgemachten Krimskrams manchmal schon sehr genervt hat, hier vermisse ich es schon fast, man fühlt sich ein wenig wie ein Aussätziger.

Auf der Nordseite der Bucht, in Pretoria und Hamilton, ist dann doch einiges an Inselleben zu sehen und zu spüren. Scheinbar weil die Einheimischen hier doch eher unter sich sind und nur einige Besucher diese beiden Ortsteile aufsuchen. Für mich nicht ganz verständlich, denn der Weg führt wiederum direkt am Wasser entlang und es gibt so viel zu sehen: Ein Fischer, der eine mehrere Kilo schwere Ladung Conches mit gezieltem Schlag und Griff aus ihren schönen großen Muscheln heraus puhlt, ein anderer der sein Boot repariert und streicht, daneben eine Freiluftwerkstatt unter Palmen. Hier und da sitzen Leute im Schatten vor ihren Häuser oder dösen gemütlich in der Nachmittagssonne, Kinder in ihren Schuluniformen schlendern nach Hause, aus den Wäschereistuben dringt der Geruch von Bleiche und Waschmittel nach draußen, Mamas in bunten Röcken und anders bunten Tüchern auf dem Kopf hängen die frisch gewaschene Wäsche der Segler zum trocknen in den Wind.

 

Das Ende der Straße durch Hamilton markiert das gleichnamige Fort, auch Fort Ruin Lockout genannt. Die Mehrzahl der Befestigungsanlagen in der Karibik gehen entweder auf die Franzosen oder Briten zurück. Hier waren es die englischen Kolonialmächte, die diese Batterie Ende des 17. Jh zur Verteidigung der Bucht u.a. auch gegen amerikanische Angreifer errichteten. Interessanterweise ist der Namensgeber allerdings ebenfalls Amerikaner, nämlich Alexander Hamilton (1755 – 1804), einer der Gründerväter der amerikanischen Verfassung, der jedoch auf Nevis, also gleich um die Ecke geboren wurde.Von der etwa  100 m hohen Klippe hat man einen wunderbaren Ausblick über die gesamte Bucht, von Port Elisabeth über die Ortsteile Bellmond und Richmond bis hinunter zum Princess Margaret Beach und zur Lower Bay.  Ein herrlicher Flecken Erde, der jetzt bei moderaten Bedingungen wirklich perfekter Bedingungen zum Ankern bietet … ob das auch noch bei einem tropischen Sturm so ist, werden wir wohl in den nächsten Tagen heraus finden müssen.

 

Seit heute morgen (Di, 21.07.) ist es amtlich, der erste Tropische Sturm mit Namen Gonzalo formt sich auf dem Atlantik und zieht kontinuierlich in Richtung der Kleinen Antillen. Die Wettermodelle variieren dabei jedoch noch stark, wo das Zentrum des Sturmes über die Karibik ziehen wird. Dass es in den nächsten Wochen bzw. Monaten ungemütlich, vielleicht auch gefährlich werden kann, war uns durchaus bewusst, nur nicht dass es so früh schon losgeht. Gonzalo ist noch gute 700 sm also etwa vier Tage entfernt. Die Spekulationen und Horrorszenarien schießen aber jetzt schon in‘s Kraut, viele Segler werden nervös. Uns lässt die Entwicklung natürlich auch nicht kalt, mit einer derartigen Wetterlage haben wir für unserer einjährigen Trip gar nicht gerechnet. Im Gegenteil: der gesamte Zeitplan war darauf ausgelegt, die Hurrikan Saison um jeden Preis zu umgehen. Nun ist sie da! Wir beschließen, die Wetterlage erstmal genau im Auge zu behalten und vielleicht morgen oder übermorgen zu entscheiden, ob wir Bequia besser auch verlassen sollten. Letztendlich hängt es im Wesentlichen davon ab, ob die Zugbahn des Sturmes nördlich oder südlich von uns verlaufen wird. Momentan ist eine Prognose darüber eher Kaffeesatz-Leserei aber es deutet viel darauf hin, dass Gonzalo die südlichen Antillen passieren wird.

Im Moment ist also Warten angesagt und ich vertreibe mir die Zeit mit Strandspaziergängen. Der Princess Margaret Beach und die Lower Bay erfüllen jedes Postkarten-Klischee eines Karibiktraumes. Perlweißer Strand von Palmen und Mandelbäumen gesäumt, türkisfarbenes Wasser, eine leichte warme Brise weht über die Bucht. Der Ortsteil Lower Bay ist geprägt von kleinen Holzhäuser, viele davon hinter großen alten Bäumen versteckt. Einige säumen die Straße, die direkt am Strand vorbei führt, Blick auf‘s Meer also inklusive. Die Lage zieht natürlich auch Zugezogene an, die ihren Traum vom Ferienhaus oder Wohnsitz in der Karibik protzig in Beton gießen, ungeachtet dessen, ob sich der Neubau in das alte Gefüge irgendwie einordnet –  man zeigt halt was man hat. Trotzdem ist Lower Bay eine kleine Perle und wäre nicht gerade Nebensaison würde auch hier das Leben pulsieren. Auf meinem kurzen Streifzug sehe ich wiederum kaum einen Menschen, gegrüßt wird nur aus der Ferne, die Menschen ziehen sich sehr in‘s Private zurück. In jedem zweiten Haus scheint es eine Bar oder ein kleines Restaurant zu geben, aber es ist auch hier leider alles geschlossen. Nur eine Bar am Strand, das Keegan‘s, ist geöffnet. Das Reef nebenan öffnet wenigstens am Wochenende seine Tore, aber auch hier sind die einzigen Gäste Segler und Zugezogenen. Wir sind nun schon fünf Tage hier, aber mit Einheimischen sind wir bisher so gut wie gar nicht in Kontakt gekommen. Überhaupt habe ich das Gefühl, das das Interesse an Fremden bzw. Seglern hier viel viel geringer ist, als wir das auf Dominica erlebt haben. Ob es nun die Angst vor Corona ist oder einfach nur weil in der Nebensaison die Geschäfte und damit auch die Kontaktfreudigkeit zurück gehen, kann ich nicht sagen.

 

Während ich mit Blick auf die Bucht an meinem Passionfruit-Saft (noch immer mein Favorit) nuckle, schaue ich schnell nach, was Gonzalo so macht. Mich erreicht dabei eine Nachricht von Freunden, die sich in den Mangroven in Carriacou verkrochen haben. Andy und Joanna haben schon mehrere Hurrikan Saisons in der Karibik erlebt und haben uns somit einiges an Erfahrung voraus. Andy warnt uns eindringlich, den Sturm in Bequia auszusitzen, noch dazu an einer Mooringtonne mitten in der Bucht abzuwettern. Es sei noch genug Zeit für uns, die knapp 40 sm südwärts zu segeln, um ebenfalls Schutz in den Mangroven zu suchen …. Mmmh, jetzt bin ich aber doch etwas nervös. Die Nachricht leite ich gleich an Martin weiter und mache mich auf den Heimweg. Es ist Donnerstag Mittag und Gonzalo wird in der Nacht von Freitag auf Samstag erwartet. Martin ist aber die Ruhe in Person und macht so gar keine Anstalten, sich aus Bequia entfernen zu wollen. Wir schauen uns die bisherige Zugbahn des Sturmes zum gefühlt hundertsten Mal genauer an und sehen, dass das Zentrum wie auf einer Linie bisher konstant nach Westen zieht. Auf die vorhergesagte Drehung nach Nordwest gibt es absolut keine Anzeichen. Nördlich des Sturmtiefs befindet sich seit Tagen ein massives Windfeld aus Nordost, welches Gonzalos Zugbahn bestimmt und daran hindert, sich mit der Corioliskraft nach Norden zu drehen. Wir beschließen also bis morgen früh zu warten.
Außerdem hat Martin derzeit ganz andere Dinge im Kopf, richtig, es gilt mal wieder einen Außenbordmotor in Gang zu bringen.

Das Mercury- Massaker

Ich muss ein wenig Obacht geben, dass ich nicht zu negativ über diese Geschichte berichte, denn letztendlich ist die Idee dazu auf meinem Mist gewachsen. Angefangen hat alle mit unserem lieben Freund Clement Bejamin. Über die lange Zeit in Portsmouth haben wir dem Fischer, der eigentlich Tischler ist und sich aber für einen begnadeten Mechaniker hält, an vielen Stellen finanziell unter die Arme gegriffen. Sei es die kostenlose Reparatur seines 15-PS-Außenborders, das wochenlange nutzen einer unserer Maschinen, die Einrichtung und Finanzierung eines eigenen Stromanschlusses. Darüber hinaus pumpte er uns immer mal wieder um kleinere Summen an, mal für eine neue Gasflasche, für Ersatzteile, für Köder oder für Farbe und Epoxi für sein Holzbötchen. Im Laufe der Zeit wurde daraus eine beträchtliche Summe, die er aber selbstverständlich nur borgen und uns definitiv zurückerstatten wollte. Irgendwann bat er uns um eine Aufstellung der Summe und wurde von diesem Moment an nur noch selten bei uns am Boot gesehen. Uns war klar, dass er diesen Betrag von mehreren hundert EC niemals würde aufbringen können. Martin waren bei seinen früheren Besuchen in Clemets Gerümpelschuppen einige weitere defekte Außenborder aufgefallen. Ich kam also auf die glorreiche Idee Clement anzubieten, statt seiner Schulden zu bezahlen, uns eine dieser Maschinen zu verkaufen und den Schuldbetrag zu verrechnen. Die Intention dabei war weniger, einen riesigen Gewinn zu machen, wobei am Ende schon etwas für uns heraus springen sollte. Uns ging es viel mehr darum, Clement nicht einfach so mit den Schulden davon kommen zu lassen. Zu oft hatten wir uns darüber geärgert, dass die Segler von einigen wenigen Einheimischen als die „Big Spender“ gesehen werden, die auf Geld einfach so verzichten können und es mit vollen Händen aus dem Fenster werfen. Mister Co hatte zudem in seiner Nachbarschaft einen enorm schlechten Ruf, da er auch hier fast jedem kleinere und z.T. größere Mengen Geld schuldete und diese aber nie zurück zahlte. Uns hatte die Hilfe für Clement daher schon ganz schön in Verruf gebracht, was wir eines Tages auch deutlich zu spüren bekommen sollten – aber das ist eine andere Geschichte …
Clement war mit dem Deal sofort einverstanden und Martin pickte sich einen 15-PS-Mercury aus all dem Schrott heraus, der seiner Meinung nach noch am reperaturwürdigsten erschien. Clement beglückwünschte ihn auch gleich zu seiner Wahl und meinte, dass da gar nicht viel zu machen sei, die Maschine lief erst vor Kurzem noch aber nun springe sie nicht mehr an. Denkste…

Also ist Martin in seiner Not zu Ignaz. Ignaz ist Mechaniker, der am Hauptdock eine Werkstatt hat und die ganzen Maschinen der Fischer in Schuß hält. Zudem hat er einen Lehrauftrag, bei C.A.L.S. (eine Mischung aus Berufs- und Volkshochschule) wo er Schülern Mechanik beibringt. Es ist schon Wahnsinn, wie dieser nicht allzukräftige Typ mit nur einem Arm (den anderen hat er als Kind bei einem Bootsunfall verloren) einen 400 Pfund schweren 250 PS V6 Außenborder auf dem Tisch hin und her wuchtet. Nachdem er den Pfusch von Clement unter lautem schimpfen vom Tisch gekehrt hat (Clement sei ein guter Tischler, solle aber doch bitte seine Finger von Motoren  lassen), kramt er einen halben 15 PS Mercury hervor. Dreht und hat Kompression! Also kauft Martin zu meiner großen Freude noch einen Motor… Dieser ist mit den Teilen von Clements Motor auch schnell wieder komplettiert und läuft … kurz – sehr kurz. Wasser im unteren Zylinder. Echt jetzt? Also wurde dieser  Motor auch bis zur Kurbelwelle zerlegt, um das Problem erfolglos zu finden.

Statt einer Maschine mussten nun zwei in Einzelteilen irgendwie in SELENES Bauch verstaut werden, nicht zu vergessen dabei: wir haben ja zusätzlich noch den 5-PS-Honda und unseren kleinen Thoatsu … für jeden Hobby-Mechaniker hört sich das wie ein großes Bastelzimmer an, für mich ein absoluter Graus. Wo man hinschaut, welche Klappe oder Kiste man auch immer öffnet, überall Ersatzteile, ölverschmierte Lappen, abgelassenes Benzin in Kanistern, Schaft, Kurbelwelle, Vergaser, Schrauben … erstaunlich für mich dabei einzig, wie Martin den Überblick behalten hat. Aber Gott sei Dank, neigt sich der Spuk nun langsam dem Ende zu, Martin ist zuversichtlich aus zwei Ruinen einen gängigen Motor machen zu können. Bitte, bitte lass das funktionieren, noch eine Woche länger mit all diesem Gerümpel und ich gehe von Bord … oder die Maschinen.

Die Zeichen stehen am Freitag nicht gut, zumindest wenn man der „Panik“ im Segelfunk über VHF oder in den social-media-groups folgt. Die Ankunft Gonzalos scheint sich ein wenig zu verzögern, statt kommende Nacht wird der Sturm erst im Laufe des Samstags über die Antillen ziehen. Am morgen macht sich ein kleine Flotte von 8 Booten aus Bequia auf den Weg nach Süden, Ziel Grenada oder Trinidad. Grenada lässt Schiffe in einer solchen Notlage einlaufen, Trinidad jedoch macht keinerlei Ausnahmen. Die Ankerbucht ist tatsächlich leerer geworden, manche segeln nach Norden, andere scheinbar einfach nur raus aufs offene Meer zu Abwettern. An Gonzalos Zugbahn hat sich noch immer nichts geändert, es gibt keinerlei Anzeichen dass das Sturmtief, wie momentan vorhergesagt, direkt über Bequia ziehen wird. Nach langem Hin und Her vertrauen wir auf unser Bauchgefühl und vor allem auf die bisher tatsächlich aufgezeichneten Daten (nicht die angenommenen) und beschließen, in Bequia zu bleiben. Vorkehrungen müssen aber trotzdem getroffen werden, besser man hat als man hätte. Als erstes suchen wir uns eine möglichst starke und gut verankerte Mooringtonne in tieferem Wasser. Wenn das Sturmtief durchzieht entwickelt sich mit Sicherheit ein starker Schwell, die Wellenhöhe könnte dann gut 1m vielleicht auch mehr betragen. An unserem jetzigen Ankerplatz haben wir gerade mal 60 cm Wasser unter dem Kiel, viel zu wenig, wir könnten aufsitzen. An der  ausgewählten Tonne beträgt die Wassertiefe gute 12 m was definitiv ausreichen sollte. SELENE wird mit zwei sehr langen Leinen an der Mooring vertäut, wodurch das harte Einrucken über die Länge der Festmacherleinen gedämpft wird. Als nächstes klaren wir das Deck auf, sprich alles was irgendwie davon fliegen könnte oder dem Wind zusätzliche Angriffsfläche verschafft, wird abgebaut. Das Dinghy wird extra fest auf dem Deck gesichert. Als letztes hohlen wir die große Genua ein und ziehen statt dessen die Sturmfock auf. Sollten wir uns doch los reißen oder wir aus irgend einem anderen Grund die Bucht verlassen müssen, brauchen wir ein Segel mit dem man auch im Sturm das Schiff noch steuern kann. Wir hoffen ja, dass es nicht notwendig ist, aber man weiß ja nie… keine halbe Stunde später setzten dann auch schon Wind und Regen ein, es schüttet wie aus Eimern, der Wind pegelt sich bei moderaten 15 – 25 kn ein. So geht das dann den gesamten Tag, Platzregen, kurz Sonne, Platzregen, Windböen, kurz Sonne … auch die Nacht bleibt verhältnismäßig ruhig und wir sind uns inzwischen sicher, dass hier in Bequia kein großes Unheil zu erwarten ist. Die Vorhersagen wurden alle korrigiert, Gonzalo verhungert auf seinem Weg nach Westen und überquert die Antillen noch südlich von Grenada – wir haben also alles richtig gemacht. Oder einfach nur Glück gehabt? Wir werden sehen, der nächste Sturm kündigt sich bereits an und dieses mal könnte es ein richtig großer, vielleicht sogar der erste Hurrikan 2020 werden.

Am Samstag sind nur ganz leicht die Ausläufer von Gonzalo zu spüren. Wie erwartet dreht der Wind von NO über Ost auf SO begleitet von ein paar Schauern, von Sturmbedingungen kann keine keine Rede sein. Martin legt letzte Hand am Mercury an, die Stunde der Wahrheit ist gekommen … und die Kiste läuft, juhu. In 10 Minuten verfeuert mein stolzer Mechaniker einen guten Liter Benzin um den Mercuryy zu testen. Schein alles zu funktionieren. Nur noch den Vergaser einstellen, und dann das Gerät so schnell wie möglich verkaufen.

Am nächsten morgen ankern wir wieder an vorheriger Stelle. Der für in drei Tagen angekündigte Sturm soll dieses mal sehr weit im Norden, wahrscheinlich auf Höhe von Dominica und Guadeloupe durchziehen, für uns also keine Gefahr. Die Tage plätschern so dahin, das Wetter bleibt unbeständig und wir spielen das Spiel „Decksluken auf und Decksluken zu“. Die Arbeit am Blog wartet, 12 unglaublich schöne und ereignisreiche Wochen auf Dominica wollen erzählt werden. Die Bucht füllt sich wieder und es kommen erstaunlicherweise immer mehr Charterboote, eigentlich ausnahmslos Katamarane, dazu. Mich wundert, wo die alle herkommen! Denn es sind ausschließlich französische Boote bzw. französische Crews an Bord. Wenige Tage später klärt sich die Frage schnell auf: als Franzose reißt man über z.B. Martinique ein, der notwendigen PCR-Test ist für Landsleute kostenlos zu haben. Man übernimmt die gecharterte Yacht in Martinique und segelt schnurstracks nach St. Vincent. Mit einem negativen Testergebnis kann man dann binnen 5 Tagen in SVG einreisen und spart sich hier einen erneuten Test. Eigentlich idiotisch, wenn man so will auch verantwortungslos! Nur als Beispiel: ich mache einen Test bei meinem Hausarzt und erhalte ein negatives Ergebnis. Am nächsten verabschiede ich mich ausgiebig bei Freunden und Bekannten und fliege am übernächsten Tag in die Karibik. Dort angekommen über nehme ich die Yacht und fahre damit nach St. Vincent (dauert vielleicht 6 Stunden da die meisten eh nur motoren und nicht segeln). In St. Vincent gehe ich an Land, checke ein und kann mich von da an überall frei bewegen, kein Mensch wird mich erneut auf das Virus testen…  Ich bin mir noch unschlüssig, wem man hier den größeren Vorwurf machen kann: den Crews, die auf Biegen und Brechen ihren Urlaub durchboxen oder den Administrationen auf den Inseln, die diese Regularien erlassen haben. Warum mich das so auf die Palme bring? Nun, ganz einfach, wie überall wirkt sich das Verhalten einiger weniger schwarzer Schafe negativ auf eine gesamte Gruppe aus, in diesem Fall die Segler allgemein. Es wird unter den Locals nicht oft zwischen Chartercrews im Urlaub und Langfahrtseglern auf Reise unterschieden. Bisher ist Gott sei Dank nicht ein Fall aufgetreten, dass Segler das Coronavirus zu einer der Inseln gebracht haben, wir hoffen alle inständig, dass dies auch so bleiben wird! Alle Segler sind heilfroh, dass die meisten Inseln ihre Grenzen wieder geöffnet haben. Sollten erste Corona-Fälle auf Yachten auftreten, wird sich das insbesondere bei der Einreiseprozeduren negativ auf jeden Segler auswirken, wenn nicht sogar erneut zu generellen Einreiseverboten führen.

Und so vergeht fast unbemerkt auch die zweite Woche auf Bequia, wohlgemerkt, wir wollten nur „kurz“ bleiben. Die Gegend um die Admiralty Bay kenne ich inzwischen wie meine Nachbarschaft daheim in Dresden. Einzig die Kontakte zu den Einheimischen sind noch immer spärlich. Man nimmt wenig bis gar keine Notiz von uns und bleibt eher unter sich. Um ehrlich zu sein, in diesen Tagen überkommt mich doch immer wieder eine Art Wehmut, fast schon Sehnsucht nach Dominica. Die Gastfreundschaft, das gegenseitige Interesse, das Erzählen und Erfahren von Geschichten, ich vermissen den Kontakt zu den Menschen mehr als gedacht. So schön das Inselchen ist, den Reiz einer Reise bestimmen dann wohl doch mehr die Leute als nur das Land. Mit 18 km² ist Bequia zwar die zweitgrößte Insel des Inselstaates SVG, aber insgesamt recht überschaubar. Den Nordosten habe ich bisher noch nicht gesehen und so mache ich mich eines vormittags auf den Weg in Richtung Spring und Sugar Reef. Zur anderen Seite der Insel führt nur eine einzige Straße, für eine halbe Stunde geht es gemächlich bergan. Kurz darauf breitet sich der Atlantik weit vor mir aus und verschmilzt irgendwo mit dem Horizont. Das Meer ist noch immer aufgewühlt, an vorgelagerten Riffen und Klippen brechen die Wellen und schlagen schäumend in die Spring Bay. Große rostrote Teppiche aus Seegras wabbern auf den Wellen, am Strand schließlich türmt sich das Treibgut in dicken und vor allem stinkenden Haufen auf. Der Unterschied zwischen Leeward und Westward Coast könnte nicht größer sein. Während die geschützte weil windabgewandte Ostküste feine, weiße und ruhige Sandstrände bietet, kann sich hier an der windzugewandten Westküste der Atlantik richtig austoben. Die wenige Palmen am Strand sehen arg zerfleddert aus, es liegt viel Treibholz umher, dazwischen leider auch Müll, Plastik, Netze und Tauwerk. Ein rauer, ursprünglicher Ort der nicht unbedingt zum Sonnenbaden oder Planschen einlädt. Die Tierwelt scheint das wenig zu stören, jede Menge Vögel, Krabben oder Schmetterling kann man hier am Ufer und dem angrenzenden Sumpf stundenlang beobachten.

 

In der Industry Bay, meinem eigentlichen Ziel für heute, zeigt sich das gleiche Bild. Raues Wetter, rauer Atlantik, Seegras im Überfluss, Möwen die im straffen Wind Kunststücke vollführen. Die Schildkrötenaufzuchtstation, der einzige Grund bis zur Industry Bay zu gehen, ist verwaist. Kein Mensch zu sehen oder zu hören. Statt dessen werde ich von einer Schar Hunden begrüßt, die keinen so entspannten Endruck machen. Laut kläffend und knurrend umringen mich plötzlich ein paar „Fußhupen“ gefolgt von den größeren „Brüdern“. Wir haben uns zwar vorsorglich gegen Tollwut impfen lassen, aber auf einen Hundebiss will ich es hier draußen auch nicht ankommen lassen. Statt einer Besichtigung der Anlage, von der ich im Nachhinein aber auch nur Schlechtes gelesen habe, trete ich vorsichtig den Rückzug an und lasse die kläffende Meute dabei nicht aus den Augen.

Was nun, der Tag ist noch jung, ein neues Ziel muss her. Zurück in der Spring Bay wird mir ein Aussichtspunkt gleich in der Nähe angezeigt. [Ich nutze die Gelegenheit einfach mal um kurz Werbung zu machen: für meine Wanderungen und Entdeckungstouren nutze ich die Maps.me- App, super leicht zu handhaben, kostenlos und werbefrei. Die sehr detaillierten und noch dazu sehr genauen Wanderkarten lädt man einfach in der App und kann damit auch offline navigieren. Funktioniert super!] Nördlich der Spring Bay erhebt sich Holler Point, ca 1.5 km und 300 m den Berg rauf. Kurzer Blick auf die Uhr: passt mal wieder perfekt – es ist 13:30 Uhr, heißer wird es heute nicht mehr. Nach 20 min Schniefen und Schnaufen und gut einem Liter Wasser zwischendurch stehe ich auf dem zweithöchsten Punkt Bequias – eine Wahnsinns-Aussicht! Auf dem Plateau wurde der Spring View Park errichtet von dem man weit bis über die gesamte Insel schauen kann. Im Norden breitet sich St. Vincent vor mir aus, scheinbar nur einen Steinwurf entfernt. Eine kleine Besuchergruppe ist mit mir am Aussichtspunkt und eine der Damen lebt offensichtlich hier auf Bequia. Sie erzählt gerade die Geschichte von Ursula … eine schaurig schöne Erzählung, die sich hier vor reichlich 10 Jahren zugetragen hat. Die Geschichte ist lang und tragisch (im Video gibt es die ganze Story) und daher ist Ursulas Name für immer hier oben in einen von den Ureinwohneren platzierten Stein gemeißelt.

Seit dem die beiden ersten tropischen Stürme vor reichlich einer Woche die Antillen passiert haben, spielt das Wetter nun fast täglich verrückt. Auf strahlenden Sonnenschein folgen binnen Minuten heftige wasserreiche Regengüsse, teilweise ziehen mehrere  Squalls täglich über Bequia.  Gerade ist es noch windstill und drückend heiße, schwülen Temperaturen lassen die Schweißperlen alleine beim Gang durch das Schiff auf die Stirn treten. Kurze Zeit darauf türmen sich große dunkle Wolken auf, der Wind fegt mit 30 kn über die Bucht und durch die enormen Wassermengen, die schlagartig herunterprasseln, verschwinden die umliegenden Ufer hinter grauem Schleier. Ausflüge sind somit nicht wirklich planbar, wir verbringen also viel Zeit an Bord. Einen Sonntagausflug gönne ich mir dann doch noch, die Frienship Bay an der Südostküste ist mein Ziel. In nur 15 Minuten ist der Anstieg über den Hügel zwischen Lower Bay und Friendship Bay geschafft, ein herrlicher Blick nach Süden bis Mystique und Canuan liegt mir zu Füßen. Die Bucht selbst ist nicht groß und daher relativ schnell umrundet. Aber es gibt trotzdem so vieles zu sehen: angefangen bei unzähligen Bienenstöcken unter Palmen (wobei ich noch nie eine Karibik-Biene) gesehen habe, eine Baum- bzw. Palmenschule mit allen möglichen Gewächsen, die an in der Karibik so zu finden sind und bis zum Bequia Herritage Boat Museum, welches aber leider geschlossen hat. Später entdecke ich sogar eine rotgepunktete Landschildkröte zwischen den Bäumen grasen. Ich dachte, die leben hier ausschließlich im Wasser … wieder was gelernt. Den südöstlichsten Punkt der Friendship Bay markiert der Point Hilaire, ca. 200 ft über dem Meer gelegen. Von hier aus breitet sich ein großartiges Panorama über die Inseln der Grenadienen aus: Angefangen im Südwesten bei Petit St. Nevis, über die Ile á Quatre nach Canuan, bis Mustique, Baliceaux und Battowia im Nordosten.

Über Cora und Stan haben wir Daffodil kennengelernt. Die enorm geschäftstüchtige und gleichzeitig unglaublich großzügige Unternehmerin hat sich am Nordufer ein kleines Business, man kann schon fast sagen Imperium, aufgebaut. Angefangen hat sie vor über 20 Jahren mit einem Wäschereiservice für Yachties. Damals, als alleinerziehende Mutter von 2 kleinen Kindern, ist sie mit einem Ruderboot und den beiden kleinen Jungs auf den Knien zu den Yachten rausgefahren, um deren Wäsche zu waschen. Ihr Verdienst war minimal, aber ihr blieb keine große Wahl da sich der Vater der Kinder, wie leider sehr oft in der Karibik, aus dem Staub gemacht hatte. Jetzt, knapp 25 Jahre später, besitzt sie ein wunderschönes Haus direkt am Strand. Ihre Bar und die riesige Holzterrasse steht für jeden offen. Mehrere Frauen aus der Nachbarschaft hat sie inzwischen durch die Wäscherei in Arbeit gebracht. Ein wenig Genugtuung hört man heraus, wenn sie mit einem breiten Lächeln erzählt, dass selbst der untreue Vater der Kinder sie um Arbeit gebeten hat und nun ihr Angestellter ist. Dennoch, wie alle Unternehmer der Tourismusbranche hier, leidet auch sie unter der miesen Saison und macht aber irgendwie das beste daraus. Da zu wenig Gäste ihre schöne Lokalität aufsuchen und es sich für sie nicht lohnt, ständig präsent zu sei, hat sie uns kurzerhand die Bar und den Kühlschrank gezeigt. Wir sollen uns einfach bedienen und nur die Flaschenkappen aufheben, bezahlt wird dann nach Anzahl der Kronkorken. Sitzen wir Abends hier mit unseren Freunden von der Woiee (Stanek und Cora) sind meist noch Allen (USA) und Dean (CA) dabei. Daffodil schaut ab und zu mal vorbei und wenn ihre Arbeit im Haus erledigt ist, setzt sie sich auf ein Schwätzchen mit dazu. Vorher aber macht sie für uns alle Abendessen, wohlgemerkt unaufgefordert und ohne dass wir dafür bezahlen müssen. Sie sagt, kochen müsste sie sowieso für ihren verfressenen Sohn (O-Ton Daffodil) und außerdem mag sie es, wenn sie Gäste bzw. Freunde um sich hat – so lieb! Schon nach unserem ersten Abend bei ihr, lädt sie uns ein, die Terrasse, die Liegestühlen und die schattige Bar zu nutzen, wann immer wir wollen. Das Internet bei ihr ist schnell, es herrscht eine himmlische Ruhe und die Aussicht auf die Bucht ist traumhaft, wir haben also unseren neuen Lieblingsplatz gefunden. Um uns wenigstens ein kleines bisschen erkenntlich zu zeigen, hilft ihr Martin beim Einrichten eines Streaming-Netzwerkes, welches sie wiederum den Seglern zur Verfügung stellt. Mich bittet sie um ein paar Anregungen, wie sie ihren kleinen Strand, die Terrasse und ein paar Freiflächen noch ein wenig schöner gestalten kann. Es macht einfach Spaß gemeinsam mit ihr ein paar Ideen zu entwickeln, denn Daffodil sprüht nur so vor Elan und Geschäftssinn. Dankbar für unsere Hilfe lässt sie es sich wiederum nicht nehmen, uns am Tag vor unserer  Abreise eine volle Ladung Frischwasser und unsere komplette Wäsche für umsonst zu liefern.

Nach drei Wochen, statt geplanter drei Tagen, setzen wir bei strahlendem Sonnenschein die Segel in Richtung Grenadienen. Unser nächstes Ziel ist Mayreau, reichlich 25 sm südöstlich gelegen. Sowohl Mustique als auch Canuan lassen wir backbords liegen, denn erstens sind die Liegegebühren für die „Schicky-Micky-Insel“ sehr sehr hoch (200 US$ für drei Nächte), zweitens  haben wir Canuan schon gesehen und drittens warten die Cays auf uns. Stan und Cora sind uns mit ihrer schönen alten Woiee, einer Ketsch von stattlichen 72 ft Länge, 40 t Gewicht und guten 90 Jahren auf dem Buckel, einer knappe Stunde voraus. Traumbedingungen zum Segeln, der Wind bläst mit stetigen 15 – 18 kn aus Ost, kaum Seegang und mit vollem Tuch haben wir die Woiee nach ein paar Meilen eingeholt. So schön nach so langer Zeit den Wind im Gesicht zu spüren, die Bewegungen des Schiffes und die Fahrt durchs Wasser zu fühlen, dem Spiel der Wellen zu zu sehen – haben wir lange vermisst und genießen es heute um so mehr. Wir segeln den gleichen Kurs wie unsere Freund aber für Sie geht es heute in einem Schlag nach Carriacou. Dass sie dadurch am nächsten Tag bei ihrer Einreise den Jocker ziehen würden, konnte keiner wissen. Uns jedenfalls wird das noch lange auf die Palme bringen.

A propos Palme: Mayreau haben wir damals im Februar ausgelassen, was eindeutig ein Fehler war, denn das Inselchen ist zauberhaft! Die Salt Whistle Bay, in der wir am Nachmittag den Anker fallen lassen, ist ein wahr gewordener Karibiktraum. Die halbkreisförmige Bucht ist umrandet von einem schneeweißem Strand, das schillernde Grün der Palmen und Mandelbäume bildet einen herrlichen Kontrast zu den gemächlich dahin rollenden Wellen, das Meer schimmert blau, türkis, rosa, golden. An einer Stelle der Bucht ist der Strand nur wenige Meter breit, wodurch der dunkelblaue und grollende Atlantik zwischen den Palmen zu sehen ist. Nur eine handvoll Häuschen stehen nahe am Ufer. Die farbenfrohen Bars wirken einladend wobei auf den zweiten Blick zu sehen ist, dass alle verlassen wirken. Es dauert jedoch nur eine kurze Weile bis der erste Local mit seinem Bötchen vorbei kommt. Phillips Bar „The last Bar before the jungle“ ist geöffnet und wir sollen doch bitte zum BBQ kommen, Kostenpunkt 75 EC$ p.P. , Getränke extra. Im Gegensatz zu den Preisen, die wir z.B. aus Dominica gewöhnt sind, ist dies schon eine stolze Summe. Andererseits sind wir in den Grenadinen, wo alles teurer ist, da bis auf selbstgefangenen Fisch alles per Fähre aus St. Vincent angeliefert werden muss.

  

Wir folgen trotzdem seiner Einladung, denn heute gibt es was zu feiern: vor genau einem Jahr sind wir am 13.08. in Uckermünde aufgebrochen, unglaublich wie die Zeit vergeht. Seither haben wir gut 6.700 sm zurück gelegt, die Nordsee und den Ärmelkanal durchsegelt, südwärts die europäischen Küste passiert, zu den Kanaren und den Kap Verden übergesetzt und schließlich den Atlantik überquert. Wir haben 12 Länder besucht, an 21 Inseln haltgemacht, 362 Tage auf dem Boot und nur 3 Nächte an Land geschlafen. Wir haben unzählige wunderbare Begegnungen und Geschichten erleben dürfen, nur ganz wenige Enttäuschungen gehabt, ein Jahr voller Erlebnisse, die man sich nicht ausdenken kann. Wir sind unglaublich dankbar für die vergangenen 12 Monate und hoffen, dass die anschließenden genau so werden.

Mayreau ist winzig, gerade einmal 4 km² groß, höchste Erhebung 61 m. Circa 300 Menschen leben hier, die meisten in Old Wall, der einzigen Siedlung auf Meyreau, welche in der Mitte der Insel zwischen der Salt Whistle und der Saline Bay liegt. Es reicht also ein Tag um das Eiland zu erkunden. Am besten geht das ja immer von oben und somit führt mich mein erster Weg auf den Aussichtspunkt der Halbinsel, die ganz im Norden durch ein schmale Landbrücke mit der Salt Whistle Bay verbunden ist. Es gibt glaube ich keinen schöneren Ausblick auf die traumhafte Bucht und den angrenzenden Atlantik, als diesen Flecken Erde.

Da es nur eine einzige Straße auf Mayreau gibt, kommt man zwangsläufig nach Old Wall. Vielleicht 60 Häuser stehen verstreut auf dem Hügel, die meisten ganz gut in Schuss und, wie in der Karibik üblich, wurde auch hier aus den Vollen der Farbpalette geschöpft. Am höchsten Punk steht eine schöne alte katholische Kirche, die den Blick des Besuchers gleich auf sich zieht. Von außen wirkt das Gebäude sehr alt. Beim Studieren der Infotafel stellt sich jedoch heraus, dass das kleine Gotteshaus erst vor 80 Jahren errichtet wurde. Der katholische Priester war es damals leid, dass der hölzerne Vorgängerbau jedes mal bei Hurrikan davon geblasen wurde. Also ging er für 3 Monate nach Belgien,  ließ sich dort verschiedene Techniken des Hausbaus erklären und errichtete danach den heutigen Bau kurzerhand selbst. Hinter dem Gotteshaus kann man den Blick weit über den Atlantik und die nahen Tobago Cays schweifen lassen, bei schönem Wetter sind im Süden sogar Carriacou und Grenada zu erkennen. Nur einen Steinwurf den Hügel hinunter blitzt ein weiterer weiß funkelnder Traumstrand zwischen den Palmen hindurch. Lediglich eine mit Palmenblättern bedachte Hütte steht hier, die wohl schönste Strandbar der Grenadinen „The Ranche“. Obwohl an der Ostküste gelegen, ist die Brandung nur schwach. In einem weiten Bogen spannt sich hier das Korallenriff der Tobago Cays auf, ein Unterwasserparadies für Fische, Krebse und Schildkröten, und damit auch für Taucher und Schnorchler.

  

Der Weg durch das Dörfchen schlängelt sich steil den Berg zur Saline Bay hinunter, zwischen den Häusern schaut man immer mal wieder auf den Salzsee, der auf dem südlichen Zipfel Mayreaus liegt. Das Dörfchen ist voller Musik, denn in jedem zweiten Haus scheint es eine Bar oder ein kleines Restaurant zu geben und die Musikboxen gehen in der Karibik scheinbar nie aus. Eine Bar sticht dann aber doch heraus: Robert & the Youth ist hier zur einer Art Institution geworden. Über Jahrzehnte hat Robert „Bob“, ein Rastafarai wie er im Buche steht, seine Bar Raum für Raum erweitert. Ein Gewirr aus Zimmerchen, Terrassen und Gängen führt den Besucher schließlich zum Herzstück der wahrscheinlich coolsten Bar der gesamten Grenadinen: ein überdachter Freisitz bzw Terrasse hoch über allen anderen Häusern. Man blickt auf ein Gewirr von Wellblechdächern, über Gärten und Gassen bis hinüber nach Union Island. Robert ist sichtlich stolz auf das von ihm Erschaffene, natürlich auch über seinen Ruf, der ihm weit voraus eilt. Und da wir an diesem Abend die einzigen Gäste sind, sitzt er mit uns für Stunden auf seinem Ausguck und wir palavern über Gott und die Welt.

Mit der anfänglichen Ruhe in der Salt Whistle Bay ist es am dritten Morgen schlagartig vorbei. Nach der ersten sehr schaukeligen Nacht haben wir den Ankerplatz kurzerhand gewechselt und sind bis kurz vor den Strand tiefer in die Bucht hinein gefahren. In der zweite Nacht liegen mit uns nur noch drei Segler hier. Es ist traumhaft ruhig, Neumond und wir bestaunen einen atemberaubenden Sternenhimmel über uns. Es dauert eine Weile bis wir uns inmitten der tausenden Sternen der Milchstraße orientiert haben und gewohnte Sternendbilder erkennen. Die Füße noch immer warmen Sand, blicken wir auf die Bucht die sich wie schwarzer Samt still vor uns ausbreitet. Hinter rollen die Wellen des Atlantiks über das Riff, vor uns plätschern kleine Wogen ans Ufer., schemenhaft zeichen sich die verbliebenen drei Schiffe gegen den schwarzen und nur von Sternen erleuchteten Nachthimmel ab. Beseelt von dieser eindrücklichen Stimmung gehen wir erst sehr spät zurück auf SELENE und werden nach nur wenigen Stunden Schlaf gegen 7:30 aus der Koje geholt. Draußen sind Motorengeräusche zu hören, sehr dicht vor, hinter und neben uns, dazu Stimmengewirr, Zurufe auf französisch. Uns schwant schon, dass da wohl neue Besucher anrücken. Ein kurzer Blick ins Cockpit bring Gewissheit: Chartercrew versuchen direkt an der Morrring neben uns festzumachen. Wieder kreiselt die Frage in meinem Kopf: warum ausgerechnet hier, warum so dicht neben einem anderen Boot, warum nicht die Tonne nehmen, die 100 m daneben ist, oder wenigstens 50 m? Irgendwann ist es geschafft, der 45 ft Kat mit ca. 15 Leuten an Bord hängt am Mooringball. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, Kaffee machen. Während wir noch ein wenig verblitzt die erste Tasse schlürfen, kommt auch schon der nächste Kat um die Ecke, 56 ft, 8 Erwachsene plus eine unüberschaubare Anzahl von Kindern an Bord. Palaver, Photos machen, Geschrei, Maschine vor, Maschine zurück, an die Tonne, nee doch nicht, Ankern vorwärts, Ankern rückwärts. Der eine links von uns der andere rechts. Während sich Kat Nr. 2 für Ankern mit Heck zum Strand entscheidet, kommen die nächsten beiden Plasteeimer um die Ecke. Jetzt wird‘s richtig nervig. Irgendwie gehören die alle zusammen und wollen natürlich auch alle nebeneinander liegen. Das Rangieren und Manövieren beginnt von neuem. Dazwischen gondeln ein paar Einheimische mit ihren Holzbooten herum, die sich von den Chartercrews natürlich irgendeine Art von Geschäft erhoffen. Das An- und Ablegen dauert bis Mittag und wir hoffen dass nun ein wenig Ruhe einkehrt. Mit Handys und Selfisticks fluten die „Besucher“ den Strand, es werden Tische und Stühle aufgebaut und die Dinghys zu Wasser gelassen. Für die Kids und Halbstarken gibt es nun kein Halten mehr. Mit weit mehr als den erlaubten 5 kn brettern sie nach Lust und Laune durch die Bucht, die Erwachsenen dümpeln derweil im seichten Wasser am Ufer, Sektglas in der Hand. Einer der Locals kommt zu uns ans Boot und ist ebenfalls sichtlich genervt. Er sei ja auch auf das Geschäft mit den Chartergästen angewiesen, daher kann und will er sie nicht zurechtweisen, aber das geht eindeutig zu weit. Letztendlich fasst sich ein Segler, der schon seit ein paar Tagen hier die Ruhe genießt, ein Herz, und faltet die Kids auf französisch zusammen – Wirkung eher so lala. Zum krönenden Abschluss laufen noch zwei weiter Party-Boote vollgepackt mit Franzosen ein, die Reisegruppe ist nun wohl vollständig.

Unsere Stimmung ist am Nullpunkt, SELENE wippt und schaukelt in den Wellen, die die vorbeirasenden Dinghys verursachen. Wir flüchten uns in Phillips Bar. Auch hier wird heftig darüber diskutiert, was man machen könnte. Besonders bitter für die Inselbewohner ist die Tatsache, dass die Gäste keinerlei lokale Angebote annehmen. Es wird weder in einer der Bars getrunken geschweige denn gegessen. Von einem der Fischer wird der beste Angelplatz abgefragt und das Abendessen selbst versorgt. Die Chartercrews richten ihr eigenes BBQ am Strand aus, bleiben unter sich und geben dadurch nicht einen Cent in die lokale Wirtschaft. Die Enttäuschung, ja fast schon Frust darüber kann man den Betreibern nicht verübeln. Einzig Eis für die Cocktails lässt man sich liefern, der wenige Verdienst bei schätzungsweise 60 Besuchern löst dadurch natürlich einen harten Konkurrenzkampf unter den Locals aus. Schließlich taucht ein Boot der Küstenwache auf und erklärt dem Partyvolk die Regeln. Kaum sind die Offiziellen verschwunden, beginnt das muntere Treiben von vorne – Respekt und Rücksichtnahme sind für viele leider doch Fremdwörter, zumal wenn sie ihm Urlaub sind. Wiedererwarten und trotz aller Vorwarnungen auf eine unruhige, laute Nacht bleibt es doch recht friedlich. Die Nacht endet jedoch auch wieder recht früh. Bereits um 7:00 Uhr morgens krakelt es draußen am Boot. Martin versucht anfangs noch die Rufe zu ignorieren, aber Philipp gibt nicht auf. Sein Außenborder läuft nicht und ob der „Captain“ mal nachschauen kann. Für einen kurzen Moment bereut es mein Skipper, dass er gleich am zweiten Tag den Generator in der „Last Bar before the jungle“ wieder zum Laufen gebracht hat. Ok, das schöne daran war, ein Abendessen und ein paar Biere kostenlos zu bekommen und der Betreiber ist natürlich auch heilfroh, nach Einbruch der Dunkelheit wieder Licht in seinem Laden zu haben. Das Problem am Außenborder ist schnell gelöst, Phillip knattert davon. Da wir nun schon so früh wach sind, können wir auch aufbrechen. Wir hoffen, dass die Party-People noch ein paar Tage auf Mayreau bleiben und machen uns schnellstmöglich auf den Weg in die Tobago Cays.

Das Wetter ist bei weitem nicht so schön wie die Tage vorher, kein Vergleich zu unserem ersten Besuch im Februar. Ein ausgeprägtes Tiefdruckgebiet beschert dicke Wolken, es ist bedeckt und bei aufbrisenden 20 kn Wind muss der Moment, den Anker fallen zu lassen, gut abgepasst werden. Das übliche Manöver folgt, Stelle aussuchen, in einem Kreis das Wasser glatt ziehen um nach Steinen oder Korallen Ausschau zu halten, Anfahren gegen den Wind und Anker ab. Der Rocna hackt wie gewohnt vehement ein und mit reichlich 30 m Kette bei 3 m Wassertiefe können wir auch bei 25 – 30 kn Wind ruhig schlafen. Die Cays sind verhältnismäßig leer, vielleicht 20 Boote, größtenteils Fahrtenyachten oder Eignerkatamarane. Auch wenn bei strahlendem Sonnenschein das Schnorcheln noch viel mehr Spaß macht, dieses mal will ich mir die Unterwasserwelt nicht entgehen lassen. Die Maschine ist gerade aus, und ich stürze mich schon in die Unterwasserwelt. Was soll ich sagen: so, so schön! Keine Minute im Wasser und schon taucht einige Meter vor mir die erste Schildkröte auf. Bedächtig und in aller Ruhe zupft sie jeden Grashalm einzeln ab, wirbelt ein wenig Sand beiseite und schon ist der nächst Halm dran. Nach zehn Minuten taucht sie auf um Luft zu schnappen, dann geht es weiter, Halm für Halm. Klingt erstmal langweilig, ist aber ungemein beruhigend, dabei zuzuschauen. Unterschiedlichste Fische schwimmen vorbei, mal gleitet ein Rochen unter mir durch, dann beäugen mich ganz neugierige dreieckige weiße Fische mit schwarzen Punkten, Pufferfische bleiben lieber auf Distanz oder ich bin plötzlich umringt von einem Schwarm Ballaoos. Man vergisst wirklich die Zeit und merkt erst nach einer Stunde, dass es auch bei 25°C Wassertemperatur irgendwann kalt wird.

Am Abend lichtet sich das Ankerfeld immer mehr, aus 20 Schiffen werden 10, dann 5 und schließlich sind wir die letzten. Laut Wetterdienst ist ein kräftiges Regenfeld vorhergesagt mit Starkwind aus Südost … zumindest sagen dass die anderen Segler. Die meisten verkriechen sich in der Chatam Bay auf Union, andere flüchten in die Glossy Marina nach Canuan. Ausgerechnet jetzt lässt uns das Satellitentelefon im Stich! Vor wenigen Tagen haben wir erneut 760 € in den Vertrag investieren müssen, da dieser in vier Wochen abgelaufen wäre und unser restliches Guthaben von ca. 500 Minuten somit verfallen würde. Da wir ja nun ein Jahr länger bleiben und das Satellitentelefon zur Grundausstattung besonders bei Langtörns zählt, mussten wir nun wohl oder übel in den sauren (teuren) Apfel beißen um den Vertrag für weitere 12 Monate verlängern. Das Telefon selbst ist in Ordnung, aber Martins Laptop, über den die Internetverbindung zum Download der Wetterdaten hergestellt wird, hat den Dienst sang- und klanglos quittiert. Einen der anderen Laptops können wir leider nicht dazu nutzen, Windows 10 lädt am laufenden Band im Hintergrund irgendwelche Daten herunter (ja, alles abgeschaltet, ja Flugmodus, nein selbst Martin, der sonst alles über Computer, weiß ist ratlos). Dadurch ist die Leitung so blockiert, dass keine Wetterdaten verarbeitet werden. Also bleibt uns nur übrig, ein Datenpaket über unseren deutschen Provider zu kaufen um aktuelle Prognosen zu bekommen. Und so schlecht sieht die Vorhersage gar nicht aus, 15 kn Wind, in Böen 20, eigentlich kein Grund zur Panik. Die Wellen bzw. unsere geringe Wassertiefe könnten allerdings zum Problem werden. Von der atlantischen Dünung trennt uns derzeit nur das Außenriff. Also ankern wir um, weg von der Südwestecke Baradels an die Nordseite Petit Bateaus. Ich versuche auch hier zu schnorcheln und gebe es nach wenigen Minuten auf. Bei einer Strömung von 1 – 2 kn komme ich kaum gegen an. Und so bleibt es dabei, die Lage des Ankers zu checken, nach Fischen oder Schildkröten halte ich gar nicht erst Ausschau. Die aufziehenden dunklen Wolken kündigen schon früh den Regen an, es beginnt aus Eimern zu schütten. Die Nacht wird unruhig, Schauer wechseln mit Nieselregen, zwischen Petit Bateau und Petit Rameau verstärkt sich die Strömung, die SELENE letztendlich quer zum Wind und quer zu den Wellen dreht, wir finden wenig Schlaf. Am frühen Morgen scheint der Spuck vorbei zu sein.

Der gestrige Ankerplatz war viel angenehmer als der heutige und so geht es wieder zurück. Zu unserer großen Freude sehen wir, das kein einziges Schiff hier ist, wir haben die Tobago Cays tatsächlich ganz für uns allein. Die Freude währt allerdings nur kurz. Wir suchen gerade nach einer geeigneten Stelle um zu Ankern, als das nächste Starkregenfeld über uns herauf zieht. Bei Böen um die 25 – 35 kn beißt sich der Rocna mit einem heftigen Ruck fest, 40 m Ankerkette sollten (voererst) reichen. Die nächsten 2 Stunden prasseln gefühlt hunderte Liter Wasser auf uns hernieder, die vier Inselchen um uns herum sind nur noch Schatten zwischen tausend Tropfen, das Cockpit schwimmt und unter der Sprayhood tropft es überall durch – willkommen in der Regenzeit.

Gegen Mittag ist auch das überstanden, die Wolken lichten sich ein wenig und wir gehen zu zweit auf Tauchgang. Noch immer sind wir alleine hier, SELENE brauchen wir nicht abschließen. Auf die kleine Baradel-Insel muss ich natürlich auch noch einmal, einfach um zu sehen, wie es hier ein halbes Jahr später aussieht. Nach all dem Regen wirkt die Insel unglaublich grün, überall sprießen frische Triebe, unzählige Vögel flattern herum, Leguane sitzen wie gewohnt in den Bäumen. Der staubige Pfad über die Insel ist zur Schlammpiste geworden. Das Meer wirkt aufgewühlt, die atlantischen Wellen schlagen schäumend an und über die vorgelagerten Korallenbänke. Schwer zu sagen, was mir besser gefällt: die überfüllten Cays im Februar mit ruhiger türisblauer See oder die rauen, wenig einladenden und einsamen Cays jetzt in der Regenzeit … irgendwie ist beides ein Traum.

Am späten Abend kommen einige Yachten zurück und morgens sind es schon wieder mehrere Schiffe hier. Uns drängt jedoch ein wenig die Zeit, irgendwann müssen wir nach Carriacou denn Mitte September steht unser Krantermin an. Zum Ausklarieren müssen wir nach Union Island, die südlichste Insel der Grenadienen. Über Union gibt es nicht viel zu sagen, eine kleine hübsche Insel, die man entweder mag oder eben nicht. Es wird immer wieder von Diebstählen berichtet, von kleinen und großen Ganoven, die im Drogen- oder Schmuggelgeschäft tätig sind. Union ist, auf Grund der Entfernung zur Hauptinsel St. Vincent, dazu die teuerste Insel der Grenadienen.

Daher ärgert es uns um so mehr, als wir plötzlich eine E-Mail aus Carriacou erhalten, in der erneut die Rede von Quarantäne ist. Stan und Cora sind bereits vor einer Woche in der Tyrell Bay angekommen und obwohl sie den gleichen Einreisebestimmungen wie alle anderen unterliegen (denkt man), brauchten sie nur einen Test machen und durften ohne Quarantäne sofort einklarieren. Das lief wohl ein paar Tage so weiter und nun weiß kein Segler mehr, was ihn bei Ankunft erwartet. Mit ungutem Gefühl gehen wir also auch erst mal vom Schlimmsten aus und hoffen auf das Beste. Ich bunkere Unmengen von Obst und Gemüse, was hier ein kleines Vermögen kostet, und wir füllen die Wassertanks vollständig auf. Martin geht derweil los, um den Papierkram zu erledigen. Vielleicht hätten wir es da schon ahnen können, dass die nächsten Tage ein Kampf gegen Windmühlen werden. Beim Ausfüllen der Papiere wird er gefragt, was der nächste Hafen sei. „Carriacou, Tyrell Bay Marina“ lautet seine Antwort. „Nee, das geht nicht“, Carriacou sein geschlossen kommt darauf vom Beamten zurück ….  Was ist denn das für ein Quatsch! Letztendlich dürfen wir Ausklarieren, vorher werden aber nochmal 70 EC fällig, da wir unser Crusingpermit für SVG seit drei Tagen überschritten haben. Kein schöner Abschied von St. Vincent aber so viel sei verraten, es geht auch schlimmer … Carriacou und Grenada werden einen ganz sicheren unteren Platz auf unserer persönlichen Hitliste der kleinen Antillen einnehmen. Nicht wegen der Menschen hier, sondern wegen der Regularien, die mir sehr viel „Spaß“ eingebrockt haben…

Video:

9 Antworten auf „ST. Vincent & Grenadines – alte und neue Bekannte“

  1. A very nice story of the Antilles, the area is magnificent, continue the good writing. I did find this by getting an interest in the RPI and Arduino on Youtube, so I continues searching for more developing story for where the project would be used, and here you are, later using what Kuttmoped on Youtube developed into. Great job, I have a lot of You tube to see and a lot to read, during the Corona times.
    regards Beneteau 500 Oceanis , Puro

  2. Merci Martin et Claudi, je suis enfin tombé sur votre blog.
    Heureux d’apprendre que vous voyagez une année de plus.
    Nous, nous sommes rentrés depuis un moment déjà, nous avons repris le travail et ce n’est pas drôle…

    Profitez bien, j’aimerai tant être à votre place,

    Vennec de Pikou Panez, le bateau jaune de Porstmouth anchorage.

  3. Hab eigentlich nichts zu sagen, wollte nur meinen Namen auch hier lesen 😉

    Neeee, Quatsch!

    Schön geschreiben und geniale Fotos! Bekommt man ja gar keine Lust auf Urlaub. Wie schön, dass man täglich ins Büro gehen kann…

    Lassts euch gut gehen!

  4. Jetzt, wo auch wir paar Tage Urlaub mit Corona-Beschränkungen in den Bergen genießen, gehören Euere Berichte zur interessanten Lektüre. Vielen Dank für die Mühe und dass wir euch auf diese Weise begleiten dürfen! Weiterhin alles Gute und bleibt behütet!
    Corinna und Gerrit

  5. Liebe C&M!
    Wir freuen uns, daß Euch drotz aller Widernisse die gute Laune nicht ausgeht. Ein großes Lob für den ausführlichen Bericht. Es gibt wirklich viele, die Eure Reise verfolgen. Viele Grüße- die daheim gebliebenen Erika und Friedrich!

  6. Ach, wird mir das Herz schwer und leicht gleichzeitig beim Lesen des Berichts und Ansehen der wiederum wunderschönen Fotos und des Videos. Berichtet Ihr doch genau über die Strecke von St. Vincent nach Carriacou. die ich mit Euch im Januar/Februar in umgekehrter Richtung segeln durfte. Nur: damals waren Leichtigkeit und Sorgenfreiheit die Reisebegleiter. Da habt Ihr noch nicht geahnt, was schon 4 Wochen später eure sorgfältige Planung durcheinander bringt: Lock down durch Corona.
    damals wärt ihr gerne länger in Beqia geblieben, nun habt ihr die Zeit geschenkt bekommen, es nachzuholen. Wie doch das Leben so spielt! Laßt euch nicht unterkriegen, genießt die geschenkte Zeit, denn alles im Leben hat einen Sinn, nur manchmal begreift man ihn erst später.
    Bleibt gesund und behütet
    Uta

  7. Hallo, ihr Lieben!
    Danke für euren spannenden, lange Bericht.
    Ich bin sehr froh, dass ihr die ersten Stürme gut überstanden habt. Bleibt weiterhin gesund und behütet.
    Evi

  8. Nicht nur das es bisher schon immer wahnsinnig interessant war eure Reiseberichte zu verfolgen – jetzt wird es auch noch immer spannender.
    Ich werde euch auf jeden Fall weiter verfolgen (dies natürlich im positiven Sinne).

    bleibt gesund
    mit besten Grüßen aus Halberstadt
    Mario

  9. Hey ihr Beiden,

    cooler Bericht und mal wieder ein spannendes Filmchen. Ich wollte ja nur mal kurz reinlesen – keine Chance, der Suchtfaktor ist enorm. 🙂
    Ich wünsche Euch weiterhin viel Spass beim leben eures Traums. Vielen, vielen Dank fürs virtuelle mitnehmen.
    Ganz wichtig, bleibt gesund!

    Uwe

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